Film der Woche: Stadt der Blinden

David Harnasch

Bücher, deren Autoren kurz nach Erscheinen den Nobelpreis kassieren, sind in letzter Zeit meist sterbenslangweilig bis unlesbar. Verfilmungen wirklich großer Literatur können nie mit den Bildern im Kopf des Lesers mithalten. "Die Stadt der Blinden" widerlegt beide Binsen.



Von Jean-Marie Gustave Le Clézio war, als er kürzlich den Literatur-Nobelpreis verliehen bekam, genau ein Buch in deutscher Übersetzung lieferbar, Reich-Ranicki gestand, keine Zeile des geehrten je gelesen zu haben. Jury-Sprecher Horace Engdahl disqualifizierte vor einigen Wochen im Voraus Philip Roth, John Updike und Don DeLillo aufgrund ihrer US-Staatsangehörigkeit. Als Elfriede Jelinek ausgezeichnet wurde, befürchtete der Spiegel zu Recht, nun würden „landauf, landab wieder die Kloschüsseln auf die Bühnen geschraubt werden, um Jelineks Toiletten-Drama zu spielen.“ Der Rezensent hat Orhan Pamuks „Schnee“ mit großer Ausdauer alle Chancen gegeben – und stieß in unbekannte Dimensionen der Langeweile vor.




Doch mit José Saramago bekam vor zehn Jahren ein Autor den Preis, dessen Buch „Die Stadt der Blinden“ gleichermaßen suchterregend, moralisch tiefgreifend wie berührend ist.

Oft werden aus fantastischen Texten wenigstens halbwegs gute Filme, deren Verdienst es ist, neue Leserschaft zu rekrutieren, selten können die Verfilmungen mit den literarischen Vorlagen mithalten. „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ ist eine Ausnahme, ebenso ist es „Die Stadt der Blinden“.



Erblindung zu visualisieren ist große Kunst – und sie gelingt hier perfekt. In einer strahlend hellen, fast völlig farbentsättigten Welt ist der Schritt zur „weißen Blindheit“ nicht groß.

Als ebenso fragil wie die Wahrnehmung erweist sich die Zivilisation, sobald einige fundamentale Rechte eingeschränkt werden. Da eine unerklärliche Epidemie Menschen spontan erblinden lässt, interniert die (vielleicht sogar demokratisch legitimierte?) Regierung die Infizierten in Lagern.

Wir begleiten die allerersten Erblindeten, unter ihnen ein Augenarzt und seine sehende Ehefrau, die sich als blind ausgibt, um ihn begleiten zu können. Da sie ihre Sehfähigkeit auch vor den anderen Gefangenen verheimlicht, wird sie zur prima inter pares, die als einzige auch den moralischen Überblick behält.



Während wir Zeugen werden, wie unter existenziellen Bedrohungen sofort alle ethischen Grundsätze über den Haufen geworfen werden, zwingt uns Regisseur Fernando Meirelles (mit „Der ewige Gärtner“ schuld an einem wirklich miesen Film, den er hiermit wiedergutgemacht hat) zur Reflektion: Wie weit geht man für Essen unter einem Terrorregime? Was ist verwerflicher: Als Gefangener aus dem Elend der Leidensgenossen Profit zu schlagen oder Situationen zu schaffen, die das erst ermöglichen? Ist der Mensch wirklich zwangsläufig des Menschen Wolf? Würde ich mich in existenzieller Not prostituieren? Würde ich – schlimmer noch – in Kauf nehmen, dass ein geliebter Mensch das für mich täte?

„Die Stadt der Blinden“ ist ein Meisterwerk. Das Gegenteil eines Feel-Good-Movies, dabei stets spannend, manchmal sogar komisch und unbedingt nach dem Kinobesuch ausführlich im Freundeskreis zu diskutieren.



fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Feel Good-Faktor







Trailer: Stadt der Blinden

Quelle: YouTube