Film der Woche: Jugend ohne Jugend

Christian Heller

Auf Francis Ford Coppolas Konto als Filmemacher gehen einige der bemerkenswertesten Titel der US-Filmgeschichte. Mit den ersten beiden Teilen der "The Godfather"-Trilogie und "Apocalypse Now" setzte er in den 1970ern Meilensteine. In den folgenden Jahrzehnten verzettelte er sich zuweilen katastrophal und zuletzt schien er sich als Film-Auteur ganz zurückgezogen zu haben. Mit "Jugend ohne Jugend" legt er nun nach zehnjähriger Schaffenspause einen Film hin, der unstreitbar ein ganz eigener, aber auch ein ganz seltsamer ist. Christian hat ihn für fudder angeschaut.



Tim Roth
spielt einen greisen rumänischen Professor, der im Jahr 1938 von einem Blitz getroffen wird. Unter Behandlung eines von Bruno Ganz gespielten Arztes stellt er fest, dass der Blitz ihn nicht nur erheblich verjüngt, sondern ihm auch übermenschliche Kapazitäten etwa der Informationsaufnahme, -verarbeitung und -speicherung verliehen hat.


Er durchlebt die Jahre des Zweiten Weltkrieges in Erforschung seines neuen Selbst und auf der Flucht vor den Nazis, die in ihm den Übermenschen suchen. Darüber hinaus widmet er sich der durch seine neuen Potentiale in realistische Nähe gerückten Vollendung eines wissenschaftlichen Lebenswerks über die Geburt von Sprache und Bewusstsein in vorgeschichtlicher Zeit. Ein Projekt, für das nach dem Krieg die Begegnung mit einer jungen Deutschen (Alexandra Maria Lara) wie gerufen kommt, die ihn an eine Verlobte aus der eigenen Jugend erinnert.

Sie verfällt nämlich in regelmäßigen Anfällen in Sprache wie Geisteszustand in immer weiter zurückreichende Inkarnationen, die übers alte Indien und das noch ältere Babylon schließlich bis zum Anfangspunkt des menschlichen Geistes zu weisen scheinen.



Diese nur sehr grobe Skizze lässt erahnen: "Jugend ohne Jugend" ist inhaltlich nicht unambitioniert. Wer einen klaren, straffen Plot nach konventionellen spielfilmdramaturgischen Maßstäben sucht, wird dem Werk wenig abgewinnen können. Es wirkt in großen Teilen eher wie ein in Handlung verkleideter intellektueller Essay, "Versuch", über große und verquere Themen, mit dem Ziel, sie -- geistig wie sinnlich -- stimulierend zu verschalten: Zeit und Gedächtnis, Sprache und Bewusstsein, Religion und Reinkarnation, Posthumanismus und Schizophrenie.

Man kann dem Film vielleicht vorwerfen, vieles davon am Ende in eine kunstvolle Rätselhaftigkeit zu heben, die wenig mit Aufklärung zu tun hat. Dennoch geraten ihm seine Stichwörter-Mixe an entscheidenden Stellen ziemlich intelligent: Religion und Schizophrenie wie hier mit einem frühgeschichtlichen Sich-Bedingen von Sprache und Bewusstsein zusammen zu bringen, entspricht zum Beispiel den umstrittenen Theorien des amerikanischen Psychologen Julian Jaynes, die zeitlgleich mit der literarischen Vorlage von "Jugend ohne Jugend" des Autoren Mircea Eliade publiziert wurden.



Entlang solcher intellektueller Koordinatensysteme gelesen, kann "Jugend ohne Jugend" eine sehr reizvolle Erfahrung sein, wenn man nicht gleich den Anspruch erhebt, von einem Stück Leinwand-Poesie eine schlüssige philosophisch-wissenschaftliche Argumentation geboten zu bekommen. Auch wer etwas allgemeiner Lust auf gehobene, verwirrende philosophische Science-Fiction-Fantasy hat, könnte auf seine Kosten kommen.

Zuweilen, vor allem in der ersten Hälfte, glänzt sogar eine gewisse Genre-Verspieltheit auf: Eine Nazi-Sex-Agentin trägt Hakenkreuz-Reizwäsche, ein Nazi-"mad scientist" spielt parodistisch die Erweckungsszene aus dem 1931er "Frankenstein" mit einem Pferd nach. Gekoppelt mit einer späteren schaurigen archäologischen Erkundung indischer Katakomben sah ich mich beim Zuschauen für ein oder zwei kurze Momente tatsächlich in einer "Indiana Jones"-Variante sitzen. Ein nebenberuflicher amerikanischer Agent dagegen wird von einem überraschenden Gastauftritt gespielt, der hier nicht verraten werden soll.



Der Großteil des Films allerdings bleibt in all seinen Aspekten dem philosophischen Versuch untergeordnet. Die formale Kunst Coppolas -- und seines in seiner Bedeutsamkeit fürs Endprodukt wohl kaum zu überschätzenden üblichen Schnitt- und Tonmischmeisters Walter Murch -- weiß sich als Funktion dieses Versuchs durchaus diszipliniert, aber einfallsreich zu entfalten. Zum Beispiel um veränderte Bewusstseinszustände darzustellen: Der Trick, das Bild auf den Kopf zu stellen, ist einfach, aber erstaunlich wirkungsvoll. Auch das Spiel von Tim Roth überzeugt.

Selbst die von diesem Reviewer bisher als Schauspielerin wenig geschätzte Alexandra Maria Lara weiß in ihren Inkarnationsanfällen, panisch vom Geist vergangener Jahrtausende bessessen Sumerisch und Älteres stotternd, regelrecht zu verängstigen.

Nichtsdestrotz wird "Jugend ohne Jugend" viele Zuschauer wohl eher irritiert statt befriedigt zurücklassen. Coppola dürfte das egal sein. Er besitzt ein gut laufendes Weingut in Kalifornien, von dessen Einnahmen er den Film gewissermaßen zum eigenen Spaß finanziert hat. Nach allem, was man hört, soll er für sich mit dem Endergebnis sehr zufrieden sein.



fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Informationsgehalt



Musik





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Trailer: Jugend ohne Jugend

Quelle: YouTube