Film der Woche: Jerichow

Christian Heller

Christian Petzold ist der im deutschen Kino leider selten gewordene Fall eines Autorenfilmers, der sich sowohl im künstlerischen Koordinatensystem Kino souverän und intelligent zu bewegen weiß als auch öfters mal ein vertretbares Mindestmaß an bundesweiter Leinwandauswertung erfährt. Mit "Jerichow" setzt er in eine Sommerlicht-durchflutete ostdeutsche Provinz einen kalten Film Noir über tödliche Verschränkung emotionaler und ökonomischer Beziehunge



"Jerichow" ist eine Variation auf James M. Cains Roman "The Postman Always Rings Twice". Der erzählt von einem Arbeiter, der bei einem Unternehmer anheuert und in eine Affäre mit dessen Frau gerät; bald verschwören sich die Liebenden gegen den Ehemann, um ihn, aber nicht seinen Besitz loszuwerden. Der Plan gelingt, aber die Liebenden gehen an den Folgen zugrunde.


Petzold reduziert erst einmal die schon vielfach verfilmte Geschichte auf einige Gegenstände, die ihn interessieren: die Verortung in einer wirtschaftlichen Krise; konkrete finanzielle Zwänge zwischen den Figuren und ihren Intimitäten; Ausbeutungsverhältnisse -- und der Migrantenstand des Unternehmers. Er ordnet die Figuren und die Umstände um, faltet sie als Gleichungen von Temperamenten und Hintergründen neu aus.



Ihm gelingt das mit einer großen Durchdachtheit und Genauigkeit des filmischen Ausdrucks, der Blicke und Gesten seiner Figuren, der zeitlichen Dauern, der Raumauflösungen. Hier ist alles konzentriert, es gibt kein Überflüssiges (nun gut, vielleicht gegen Anfang, da gibt es ein, zwei Momente, die ein wenig zugeständnishaft wirken gegenüber einer bestimmten Form von anderswo filmisch längst abgegriffenem Hartz-IV-Sozialrealismus).

Es wird gesprochen für Kommunikation, nicht für Geschnatter, und oftmals gar nicht. Die Tonspur gibt sich zwei, drei Mal Musiken hin, die nachvollziehbar aus den Soundanlagen der filmischen Umgebung schallen, aber nur an wenigen Stellen einer äußeren Filmmusik -- einem kurzen, wiederkehrenden, traurigen Motiv --, wenn aufgebauter Druck in der Erzählung zu stark wird und ein Ventil braucht.



Es gibt auch kaum weitere menschliche Präsenz neben den drei Hauptfiguren. Benno Führmann (der hier durchgängig wie "The Rock" aussieht), Nina Hoss und Hilmi Sözer liefern sich ein hervorragendes Drei-Personen-Kammerspiel. Nur findet dieses Kammerspiel im Sonnen-beschienenen Freien statt: in einer pseudo-amerikanischen, ostdeutschen Weite und Isolation zwischen Wald, Landstraßen, Bushaltestellen, Einfamilienhäusern und dem Ostseestrand.

Petzold macht diese Landschaft Noir-kompatibel nicht durch ironische Brechung (wie das etwa letztes Jahr "Freischwimmer" mit seiner wohlgenährten deutschen Dorfkulisse tat), sondern durch genaues Hinschauen und Ertasten ihrer Depressionen. Er findet sie vor als von Außen idyllisch anzusehen, vor allem ob der ganzen Natur, aber als Sozialraum am Abgrund. "Jerichow" verpflanzt nicht eine Genre-Geschichte in Lokalkolorit-Kino, sondern leuchtet eine Genre-Geschichte und einen geographisch-sozialen Raum durcheinander analytisch neu aus.



"Jerichow" ist ästhetisch hoch kontrolliertes und gestaltetes Kino. Das verschafft ihm schärfende Präzision und Wirkung. Aber er ist nicht intellektuell eng. Petzold reduziert, aber er vereinfacht dabei nicht notwendigerweise; er fokussiert und legt dabei durch eingefahrene Sehweisen unscharf gewordene Fragen und Zusammenhänge frei -- letzteres ist die Erfüllung eines klassischen Grundauftrags von Kino.

Der Film überlässt nichts dem Zufall -- das ist kein Kino der Beliebigkeit. Aber es ist auch keines des fertigen Auserklärens und der fertigen Eindeutigkeiten. Hier wird in gewisser Weise präzise dokumentarisch, nämlich analytisch, gearbeitet, mit hoher Informationsdichte, sowohl ästhetisch wie psychologisch und politisch.



fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Informationsgehalt



Musik





Trailer: Jerichow

Quelle: YouTube