Film der Woche: Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels

Christian Heller

Der neue "Indiana Jones" ist nicht so rund wie die Teile 1 bis 3, aber immer noch sehr unterhaltsam. Er leistet guten Nostalgie-Service und vermeidet gröbste Schnitzer gegenüber den Fan-Erwartungen, erreicht aber nur in Teilen den Einfallsreichtum, die Frische und die Kraft seiner Vorgänger.



Mit der Serie um den peitschenschwingenden Action-Archäologen Indiana Jones schuf George Lucas das Abenteuerfilm-Gegenstück zu seiner Weltraumoper "Star Wars": die Übersetzung von B-Film-Serien der 1930er und 40er Jahre in gewitzten postmodernen Hollywood-Blockbuster-Spaß.


Beide wuchsen in den 80er Jahren zu Trilogien heran, die sich ins popkulturelle Gedächtnis ganzer Generationen nachhaltig einschrieben. Noch Jahrzehnte später konnten sie auf die ungebrochene Begeisterungsfähigkeit einer weltumfassenden Fangemeinde zählen, die sich nichts sehnlicher wünschte als eine Fortschreibung.

Eben diese wurde im Fall von "Star Wars" dann jedoch mehr als unwürdige Neugestaltung der geliebten Jugenderinnerung denn als Wunscherfüllung aufgenommen und erntete, auch dank Lucas' Manie zur Rückanpassung der alten Filme an die neuen, mehr Irritation als Dank. Mit dem Indiana-Jones-Franchise nun wird sichtlich vorsichtiger verfahren und trotz zwanzig Jahren Abstand Kontinuität statt Erneuerung versprochen.



Selbstredend sitzt Steven Spielberg wieder im Regiestuhl, wieder trägt Harrison Ford seinen Schlapphut, und meistgefeiert ist wohl die Wiederkehr von Karen Allen, die Indiana Jones' Liebchen im allerersten Eintrag der Serie verkörperte. Wieder stammt der Score von John Williams, sogar das Plakat wurde von derselben Künstlerin gestaltet, die die Plakate der ersten drei Filme schuf. Wer vom Team inzwischen verstorben ist oder nicht mehr wollte, wird als Schauspieler immerhin mit einem Foto-Auftritt (Sean Connery als Indys Vater), als Statue (Denholm Elliott als Dr. Marcus Brody) gewürdigt oder im Fall vom Kameramann der Vorgängerteile Douglas Slocombe durch Janusz Kaminski angeblich en Detail imitiert, um den alten Look zu bewahren.

Doch ganz lässt sich die Uhr leider nicht zurückdrehen. So sehr im Vorfeld von den Machern auch versprochen wurde, so wenig wie möglich auf Computer-generierte Spezialeffekte statt traditionelle zurückzugreifen: An entscheidenden Stellen gibt es dann halt doch nur CGI zu sehen. Das nimmt gerade den wahnwitzigeren Einfällen und Sequenzen so Einiges von der Materialität, die den Wahnwitz der ersten Filme überhaupt erst attraktiv ausfüllte.

Am Gelungensten ist "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" da, wo er ohne die Scham, die er etwa gegenüber seinen CGI pflegt, sich notgedrungen selbstbewusst zu einer historischen Distanz gegenüber seinen Vorgängern bekennt. Es lässt sich nunmal schlecht leugnen, dass Harrison Ford einige Jahre älter geworden ist. So sind im Universum des Films auch tatsächlich zwei Jahrzehnte vergangen.



Durchaus fulminant gelingt im ersten Filmdrittel ein Rundumschlag durch einen Zeitkolorit, dem sich der Indiana-Jones-Franchise, traditionell in den Dreißiger Jahren zwischen Spätkolonialismus und Nazi-Bösewichten verhaftet, bis dahin noch nicht auf der Leinwand gewidmet hat: die Fünfziger Jahre, also Kalter Krieg, Atombombe, Ufologie, Kommunistenhatz, Rock'n'Roll, rebellische Jugendkultur. Hier wird so gewitzt, einfallsreich und spektakulär mit den historischen Bilderwelten gespielt, wie man es sich von einem Indiana-Jones-Film wünscht.

Vielleicht liegen diese Erfolgsmomente darin begründet, dass Lucas und Spielberg zu den Bilderwelten der Fünfziger Jahre einen ähnlich echten Kindheits-nostalgischen Bezug haben wie einst zu denen der B-Kino-Serien der Vorgängerjahrzehnte: während sie die einen retrospektiv über Kinosaal und Fernseher aufgesogen haben mögen, wuchsen sie, beide Mitte der 1940er Jahre geboren, direkt inmitten der anderen auf.

Der Hauptteil des Films sieht sich aber doch mehr traditionelleren Räumen, Gegenständen und Momenten der Serie verpflichtet: Dschungeltempel, Katakomben, Ekelgetier, Armee-Jeep-Prügeleien mit uniformierten Bösewichten, magische MacGuffins und eine imposante übernatürliche Auflösung. Sie werden handwerklich auf hohem Niveau durchgespuhlt. Man wird beim Zuschauen keine Langweile erleiden, aber in Anbetracht des Gewichts der Vorgänger keimt zuweilen der Wunsch nach mehr auf als nur solider technischer Auflösung und einem Abhaken aller Katalog-Elemente, die ein Indy-Film mindestens haben sollte.

Manches, gerade auch so mancher Witz, wirkt mehr wie ein Abarbeiten des Notwendigen als die spielerische Lust, die man von den alten Filmen geboten bekam. Vor allem der berühmte Spielbergsche "sense of wonder" mag sich nicht mehr so recht austoben, obwohl das Szenario zum Ende hin unter allen Indiana-Jones-Teilen zum wohl phantastischsten gerät. Vielleicht hat Spielberg im Verlauf seiner Filmographie einfach schon zuviel Routiniertheit in der Darstellung eben jenes Phänomens gesammelt, auf das der Film vorhersehbar zusteuert.

Nichtsdestotrotz: Langweilen wird man sich nicht, und genug Momente, sich in der eigenen Nostalgie zu suhlen, gibt es allemal. Ein Verbrechen an seiner Serie ist "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" nicht. Ein so prägendes Erlebnis wie seine Vorgänger aber auch nicht.



fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Informationsgehalt



Musik






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