Film der Woche: Frost/Nixon

Christian Heller

Drei Jahre lang schwieg Richard Nixon nach seinem Rücktritt in Folge der Watergate-Affäre, doch im Sommer 1977 ließ sich der Ex-Präsident auf eine Reihe von Fernsehgesprächen ein, um über seine Amtszeit zu sprechen. Nixons Wahl für den Moderator der Sendereihe fiel auf den bis dahin eher als windig bekannten britischen Moderator und Entertainer David Frost. Ron Howards "Frost/Nixon" blickt vor und hinter die Kulissen dieser denkwürdigen Begegnung, die für beide zum öffentlichen Moment der Wahrheit wurde.



Frank Langella
ist eine bemerkenswerte Leinwandpräsenz und sein Gesicht einem jeden vertraut. Dabei fällt es üblicherweise schwer, dieses Gesicht auf einen Namen oder zumindest auf irgendeinen Filmauftritt, an den man sich erinnern könnte, festzumachen: Langella jongliert nicht gerade mit prominenten Filmhauptrollen.


Er treibt sich wohl viel mehr auf Theaterbühnen rum und erarbeitete sich dort über die Jahrzehnte fleißig Tony Awards und eine Aura, die seine gar nicht so zahlreichen kleinen Nebenrollen-Gastauftritte auf der Leinwand mit einer beträchtlichen darstellerischen Würde aus verschleierter Quelle aufluden. Immerhin aber hat er über die Jahre einen bunten Fächer an obskuren Bösewichtbesetzungen eingesammelt: 1979 zum Beispiel einen Dracula, 1987 Skeletor im He-Man-Film "Masters of the Universe" und 1997 Clare Quilty in Adrian Lynes "Lolita"-Verfilmung. Logischer jetziger Endpunkt: Richard Milhous Nixon.



Der erfüllt in "Frost/Nixon" nun fraglos auch das Kriterium einer Filmhauptrolle, deren Genese aber ganz in Langellas Bühnenkarriere liegt. "Frost/Nixon" ist nämlich die Adaption eines von London bis zum Broadway erfolgreichen Theaterstücks mit stets beibehaltener Originalbesetzung zumindest in den beiden Titelrollen: Frank Langella als Nixon; und als David Frost, historische britische TV-Persönlichkeit, die Nixon im Interview öffentlich vorführte und zu einem Schuldeingeständnis trieb: Michael Sheen.

Auch letzterer bleibt in der Kino-Umsetzung erhalten, freilich mit etwas jüngeren Bezugspunkten in seiner Filmkarriere als Unterbau: Er spielte in "The Queen" vor zweieinhalb Jahren einen noch frischen englischen Premierminister Tony Blair. (Da bietet sich ein Schmunzeln an, wenn Langella als Nixon Sheen als Frost am Ende der 1970er Jahre so halbwegs nahelegt, doch vom Showbiz in die Politik zu wechseln.)

Aus eben dieser Rolle (anstatt etwa aus dem Vampir-Werwolf-Franchise "Underworld") dürfte ihn das Publikum von "Frost/Nixon" auch noch am Ehesten im Gedächtnis haben und sich so eine Kontinuität zusammenbasteln des Imitationskinos prominenter Persönlichkeiten zwischen Medien- und Politik-Öffentlichkeit der letzten Jahrzehnte im englischsprachigen Westen.



Im Aufzählen dieser beiden Schauspieler und ihrer selbstverständlich meisterlich erfüllten Imitationsaufgaben gegenüber den beiden historischen Titelfiguren ist eigentlich schon ein wesentlicher Teil des Projekts von "Frost/Nixon" erzählt.

Hier geht es natürlich um ein Schauspieler- und Charakterduell, zwei Egomanen strampeln sich und ihre Überheblichkeit und Genialität glanzvoll aneinander ab und werden von der Herausforderung in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gelenkt.

Das Ganze geschieht nebenher zum Wohle der Öffentlichkeit und der Demokratie, die einen öffentlichen Prozess und ein Schuldeingeständnis Nixons braucht, um ihre politische Kultur zu reparieren. Grobe Züge der politischen Fragen, die dabei vordergründig verhandelt werden, über die Gesetzesgebundenheit des Präsidenten oder Kriegsschulden der Nixon-Administration, besorgen die Textur und das Vokabular des Schlagabtauschs, aber ein ernsthaftes Zergliedern etwa der Watergate-Affäre darf man hier nicht erwarten. Soweit sowas interessiert, wird Kenntnis der Materie vorausgesetzt, aber nicht erweitert.



Gegenüber der Nixon-Schuldfrage bleibt der Film so eher haltungslos: Er nimmt Nixons Schuld irgendwie für gegeben hin, interessiert sich für ihre politischen Dimensionen aber kaum. Dabei wäre der gegenwärtige Zeitpunkt natürlich passend gewesen, einen Film über die Reinwaschung politischer Kultur durch Abrechnung mit einem verhassten US-Präsidenten nach dessen Amtsabtritt herauszubringen. In dieses Fass langt "Frost/Nixon" aber nicht tief.

Sein politisches Interesse entfaltet er eher auf anderer Ebene: in den Inkompatibilitäten und feinen Unterschieden zwischen den Welten, aus denen die Figuren kommen und in die sie wollen.

Der Film lässt das Nixon selbst etwas überdeutlich ausformulieren, als dieser eines Nachts Frost betrunken anruft: Sie beide kämen von Unten, sie beide strebten nach Oben, um von den Dortigen Anerkennung zu verlangen, sie beide stießen dabei auf hochnäsigen Widerstand.



Das Hauptinteresse des Films gilt dem verbindenden Hadern Beider mit Welten, von denen sie sich nicht ernstgenommen fühlen: Frost mit einer amerikanischen Medienfront, die ihn und sein Projekt für eine Lachnummer hält; Nixon mit einer Öffentlichkeit, die ihn nach Maßstäben bewertet, die er nicht versteht und für unfair hält.

Dem verwandt findet der Film seine besten Bilder für Verwirrungen, die in Auseinandersetzung mit nicht geteilten Normen stattfinden: Nixons Kommentieren von Frosts italienischen Schuhen, Frosts Verunsicherung gegenüber Nixons Ankumpeleien.

Die schönsten Szenen sind solche der Verunsicherung zwischen widersprüchlichen Welten: etwa die Nervosität, die Frost und sein Team befällt, wenn es ans respektvolle Händeschütteln mit dem Feind geht; oder die resignierend-freundliche Neugier, mit der Nixon Frost am Ende als jemanden behandelt, der all die Spielregeln der öffentlichen Sympathie-Bindung zu beherrschen scheint, die ihm, Nixon, nicht in die Wiege gelegt worden seien.



fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Informationsgehalt



Musik

 



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Trailer: Frost/Nixon

Quelle: YouTube