Fernsehkritik.tv: Gesammelte Tiefpunkte

Simon Hurtz

Holger Kreymeier lebt vom Nörgeln. Seine Opfer investieren Zeit und Mühe, Kreymeier lässt kein gutes Haar daran. Er kopiert von anderen, ohne zu fragen und veröffentlicht die fremden Inhalte auf seiner Website, textet ein paar Zeilen dazu, hampelt ein bisschen durchs Bild und verdient damit auch noch Geld. Holger Kreymeier ist Fernsehkritiker - und betreibt Fernsehkritik.tv

Kreymeier schimpft, Kreymeier mäkelt – ein verbitterter Kulturpessimist? „Überhaupt nicht“, sagt er. „Eigentlich mag ich das deutsche Fernsehen. Aber natürlich ist auch jede Menge Mist dabei.“ Und deshalb ist Holger Kreymeier heute hauptberuflich Fernsehkritiker. Alle 14 Tage hält er der Fernsehwelt den Spiegel vor und zeigt deren Irrwitz. „Am schlimmsten finde ich es, wenn Menschen vorgeführt werden. Aktuell zum Beispiel der Doppelpack aus ,Liebesalarm‘ und ,Schwer verliebt‘ bei Sat.1, das geht gar nicht.“


Holger Kreymeier ist Erfinder, Besitzer und Betreiber von Fernsehkritik.tv, einem der beliebtesten deutschen Videocast-Angebote. Er sammelt die Tiefpunkte der deutschen TV-Unterhaltung, schneidet sie zusammen und verpackt sie, mit seinen eigenen Kommentaren versehen, in einem knapp einstündigen Magazin. Über die Jahre hat sich Kreymeier ein treues Publikum aufgebaut. Durchschnittlich 100000 Menschen schauen jede Folge vonFernsehkritik.tv; besonders heftig diskutierte Ausgaben, kürzlich etwa die Kritik an Super Nanny, kommen auf mehr als 200000 Zuschauer. Die Sendung hat mehrere Preise gewonnen, darunter den Publikumspreis des Grimme Online Award.

Aber ist das Projekt auch kommerziell erfolgreich? „Zumindest kann ich davon leben“, sagt Kreymeier. Werbung macht den größten Teil seiner Einnahmen aus, zusätzlich können Fans zu Abonnenten werden. Wer Mitglied der „Fernsehkritik.tv-Couch“ wird, zahlt rund 80 Cent pro Folge und bekommt die Sendungen dafür zwei Tage früher und ohne Werbung zu sehen. Rund 3000 Menschen unterstützen das Magazin auf diese Weise.

Und dann ist da noch der Webshop: DVDs und T-Shirts bringen ein bisschen Geld – in letzter Zeit aber vor allem jede Menge Ärger. Holger Kreymeier hatte Kleidung mit dem Schriftzug „Scheiß RTL“ verkauft, der Sender fand das nicht lustig und ließ ihn wegen Verstoßes gegen das Markengesetz abmahnen. Kreymeier sieht sich im Recht: „Der Bundesgerichtshof hat die Verwendung eines Original-Logos erlaubt, erst recht, wenn es sich um Satire handelt, die eine Kritik am Unternehmen ausdrückt. Und das ist ja wohl schwer zu übersehen.“ Das Kapitel der Rechtsstreitigkeiten füllt zwei Absätze des Wikipedia-Eintrags von Fernsehkritik.tv. Der „Lieblingsfeind“ RTL hat inzwischen die Kommunikation mit Kreymeier eingestellt und antwortet nicht mehr auf entsprechende Presseanfragen.

Kreymeier kennt die Gegenseite aus eigener Erfahrung. Ein halbes Jahr arbeitete er für eine TV-Agentur und produzierte Material für die Boulevardmagazine der Privaten. Ein Blick hinter die Kulissen, der ihm die Augen geöffnet hat: „Ich habe gesehen, mit welchen Methoden dort gearbeitet wird. Quote ist alles. Hauptsache, es knallt. Das war sicher einer der Gründe, warum ich mit Fernsehkritik-TV angefangen habe.“

Aber Fernsehkritik.tv kritisiert nicht nur das deutsche Privatfernsehen, auch das Programm der öffentlich-rechtlichen Sender taucht regelmäßig in der Sendung auf. Als die GEZ mit der Kampagne „Natürlich zahl’ ich“ für Rundfunkgebühren warb, reagierte Kreymeier mit „Dafür zahl’ ich nicht“. Das hat ihm viel Ärger eingebracht und führte letztendlich auch zum Ende seiner Zusammenarbeit mit dem NDR. Heute zahlt Kreymeier „natürlich“ seine Gebühren, „aber gerne tue ich das nicht“. Die GEZ vergleicht er schon mal mit der Stasi und nennt sie einen „absurden Überwachungsapparat, der immer weiter aufgebläht wird“.

In diesem Jahr wird die  100. Folge produziert

Als Gegner des öffentlich-rechtlichen Systems will sich Kreymeier aber nicht verstanden wissen. Nur gelingt es für seinen Geschmack viel zu selten, Qualität und Quote unter einen Hut zu bringen. Als Beispiele für eine gelungene Mischung aus Anspruch und Unterhaltung nennt Kreymeier ,Stromberg‘ oder ,Neues aus der Anstalt‘: „Das sind richtige Perlen, da macht mir Fernsehen Spaß.“ Auch die Experimentierfreude des ZDF auf den Digitalkanälen findet er gut – aber: „Wenn auf ZDF-neo neue Formate ausprobiert werden, dann sieht das ja niemand. Wirklich mutig wäre es, wenn das dann auch im Hauptprogramm läuft.“

In diesem Jahr wird die 100. Folge von Fernsehkritik.tv zu sehen sein. Allzu viel hat sich nicht geändert, seitdem Kreymeier vor vier Jahren damit begonnen hat. „Keiner wird mehr von Call-In-Sendungen terrorisiert, dafür gibt es jetzt mehr Scripted Reality-Formate. Der Stoff geht mir nicht aus, ich könnte locker jede Woche eine Ausgabe produzieren. Aber dafür fehlt mir die Zeit.“

Dafür wirft Kreymeier bei einer aktuell heiß diskutierten Frage schnell noch den Blick in die Kristallkugel: „Anke Engelke oder Joko und Klaas fände ich gut. Aber wenn sich das ZDF für die Schwiegersohn-Lösung mit Pilawa oder Kerner entscheidet, dann sage ich: Wetten, dass es in zwei Jahren vorbei ist?“

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  [Bild: Fernsehkritiv.tv]