Fehlfarben im Waldsee: "Was soll ich sagen? Nix am besten."

Alexander Ochs

"Monarchie und Alltag" von 1980: Wenn man sich für deutschsprachige Musik interessiert, kommt man an dem Album nicht vorbei. Die Band dahinter: Fehlfarben. Wie wirkt das alles 35 Jahre später?



Fehlfarben mit ihrer 1980er-Platte – darum ranken sich viele Geschichten und Legenden, und für viele, die an diesem Abend da sind, ist es ein Referenzwerk, ein Meilenstein. Gemeißelt in dem Marmor, den der Punk Ende der 70er Jahre noch hergab.

Der eine oder andere im Publikum war sich denn auch nicht sicher, ob er sich die Helden junger Jahre nach so langer Zeit live anschauen sollte. Was wäre, wenn man seine privaten Heiligen vom Sockel stoßen müsste, weil sie’s einfach nicht mehr bringen?

Nachdem das junge Gitarre-Schlagzeug-Duo Die Wilde Jagd sein Amalgam aus Krautrock und Synthiegeschrammel vielversprechend unters Volk gebracht hat, treten die Fehlfarben ein: drei Urgesteine von damals plus drei Neuzugänge der jüngeren Bandgeschichte.

Punk mit Schlackerhemd

Alle tragen schwarze Oberteile mit Fantasiefiguren drauf, die im Schwarzlicht fluoreszieren. Nur einer nicht: Frontmann Peter Hein im weißen Schlackerhemd.

Mit dem Song „Der Dinge Stand“ vom neuen, insgesamt neunten Studioalbum legt die rheinische Truppe los. Es dauert eine Weile, bis sich vor allem Hein stimmlich eingegroovt hat, der am Boden einen Berg von halb zertrampelten Textzetteln hortet – für den Fall, dass...

Auch wenn die Band locker die Hälfte vom aktuellen, eher mauen Werk „Über...Menschen“ spielt, kommen die Fans voll auf ihre Kosten. Als Kontrapunkte und Highlights powern sie die Klassiker vom Debüt raus, zwischendrin finden Nummern aus den Jahr(zehnt)en dazwischen Platz.

Hein, der sich selbst und selbstironisch als geriatrischer Punk sieht, gibt den respektlosen verbalen Vorturner, der mit Helge-Schneider-Charme flucht und wütet und seinen Bassmann – Gründungsmitglied Michael Kemner – anlasslos als Arschloch anfährt. Und zu einem der alten Songs meint er lakonisch: „Das war ein Griff ins Klo der Geschichte.“

Single wider Willen

Dynamisch und druckvoll setzt Saskia von Klitzing derweil am Schlagzeug Akzente. Bassmann Kemner und Frank Fenstermacher an Synthie und Saxophon, auch er von Anfang an dabei, bekommen von Hein das Etikett „die Scorpions der NDW“ verpasst.

Auch so ein Ding: Dass die aus dem Düsseldorfer Punkmilieu entstandene Band einen der großen Hits der Neuen Deutschen Welle landete. Mal ganz abgesehen davon, dass die Plattenfirma das Lied damals als Single herausgebracht hat – gegen den Willen der Band. Und dass der Titel in seiner Funkyness vollkommen untypisch ist für die Kombo.

„Keine Atempause – Geschichte wird gemacht – Es geht voran!“ Das Publikum, eher älter, aber sehr erfrischend, skandiert und grölt entfesselt mit. Spätestens als Fehlfarben den Klassiker „Paul ist tot“ bringen, sind alle rundum zufrieden.

Skurril? Ja. Aber auch schön. Wie Hein es auf den Punk(t) bringt: „Was soll ich sagen? Nix am besten.“ Nur das, man ahnt es schon, gelingt ihm nicht. Und so geht die Geschichte weiter.

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Fotos: Alexander Ochs

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