Faszination Damenbad

Elisabeth Kimmerle

Lange Warteschlangen vor dem Lorettobad sind nichts Außergewöhnliches. Das nostalgische Damenbad - das Einzige seiner Art in Deutschland - übt eine besondere Anziehungskraft auf die Badegäste aus. Der Andrang könnte noch stärker werden, seit die Freiburgerin Silvia Cavallucci mit dem Buch "Sommer, Sonne, Damenbad" eine Hommage an die Grande Dame der Badekultur geschrieben hat. Dem verborgenen Reiz des Damenbads auf der Spur waren wir mit Silvia Cavallucci dort schwimmen.


So ein Anblick ist selten. Morgens um zehn in Freiburg, und das Schwimmbecken des Damenbads ist leer. Wo normalerweise Frauen und Mädchen jedes Alters am Beckenrand lümmeln, Zeitung lesen und sich über Gott und die Welt unterhalten, versuchen heute nur vereinzelte Badegäste, dem Sommer ein paar letzte Sonnenstunden abzutrotzen. Solche Momente genießt Silvia Cavallucci (Bild unten) am meisten; es sind kleine Fluchten aus dem Alltag.


Sie dürften selten werden, diese Momente. Ihr Buch „Sommer, Sonne, Damenbad“, das im vergangenen Mai erschienen ist, hat einen überregionalen Medienrummel ausgelöst. Seitdem das ZDF einen Beitrag für das Frauenmagazin ML Mona Lisa gedreht hat, sind der SWR, n-tv, die ZEIT und die taz auf das letzte Damenbad Deutschlands aufmerksam geworden. Mit den Kamerateams kamen die Badegäste aus dem benachbarten Ausland; die „Stammdamen“, wie sich die alteingesessenen Damenbad-Besucherinnen nennen, mussten enger zusammenrücken.



Was fasziniert Frauen im 21. Jahrhundert an einem Damenbad – diese Frage trieb Silvia Cavallucci um, seit sie vor zehn Jahren der Virus des Freibads gepackt hat. Fünf Jahre lang hat sie die Besucherinnen befragt, im Stadtarchiv gestöbert und sich mit Quellen in Sütterlin-Schrift abgemüht. Herausgekommen ist eine liebevolle Hommage an das letzte Damenbad seiner Art. Oskar Heim hat das Damenbad 1886 als Erweiterung des Lorettobads gegründet, das damals als Herren- und Gartenbad den Männern vorbehalten war.

Erst um 1940 wird aus dem Herrenbad ein Familienbad – das Damenbad bleibt bestehen. Die Sorge über den Verfall von Moral und Sitte hätte sich die Kirche damals sparen können. Auch im 21. Jahrhundert hat das Damenbad nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt. Was den Zauber des Bads ausmacht, formuliert die Redakteurin so: „Ich habe immer das Gefühl, den Alltag hinter mir zu lassen, wenn sich die weiße Holztür schließt. Es ist wie eine Verschnaufpause vom großen Rennen der restlichen Welt.“



Wer die Badegäste fragt, bekommt eine Reihe weiterer Gründe zu hören, warum hier die Frauen im Sommer Handtuch an Handtuch liegen. Manche kommen der streifenfreien Bräune wegen her, andere genießen es, einmal ganz unter sich und so sein zu können, wie sie eben sind. „Ich mag das schön altmodische Flair des Damenbades“, sagt Claudia, „und ohne die Männer zu sein, ist auch mal ganz gut.“

Tatsächlich fühlt sich die Besucherin hier in einen Thomas-Mann-Roman versetzt – gut möglich, dass Tadzio jeden Augenblick aus seiner Seebad-Kabine kommt. „Die Zeit bleibt hier völlig stehen“, sagt Hildegard Hummel-Kupfer. Sie muss es wissen, schließlich ist sie die Urenkelin des Damenbad-Gründers Oskar Heim. Und vertritt das Erbe ihres Urgroßvaters in aller Würde. Seit 73 Jahren hält sie dem Damenbad die Treue – zum Schwimmen aber geht sie immer ins Familienbad.



Es ist eine eingeschworene Gesellschaft, die sich im Sommer ihr zweites Zuhause im Damenbad einrichtet, mit Sonnenschirmen, Liegen und saisonweise gemieteten Holzkabinen. Sie haben ihren Stammplatz auf der Liegewiese, haben Spiegel in den Kabinen aufgehängt und spielen Mensch-ärgere-dich-nicht, bis durch die Lautsprecher das Ende der Badezeit angekündigt wird.

„Wir gehen eigentlich nur noch zum Schlafen heim“, sagt Ursula Stöhr (74), die seit ihrer Kindheit ins Damenbad kommt. „Hier trifft man Freunde aus der Kindheit, plaudert mit Leuten, die man vom Sehen her kennt und freut sich am Ende einer Saison schon auf den nächsten Sommer.“



Neuerdings haben auch viele Musliminnen das Damenbad für sich entdeckt – für sie ist es weit und breit die einzige Möglichkeit schwimmen zu gehen. Zeinab (26) ist mit ihren Freundinnen wie viele Badegäste den ganzen Tag über im Damenbad. Dass das Ambiente im Freiburger Schwimmbad ein ganz anderes ist als in den Strandbädern im Libanon, daran hat sie sich gewöhnt. „In meiner Heimat sind die Bäder größer. Es gibt Musik, Kaffee und Tanz, das ist schon etwas Anderes. Hier bringen wir die Atmosphäre einfach mit.“ Wenn die Musliminnen verschleiert ins Damenbad kommen, ernten sie neugierige Blicke. „Es wird immer geschaut, wie wir ohne Kopftuch aussehen“, sagt Zeinab.

Wo so viele verschiedene Lebensentwürfe aufeinanderprallen, bleiben Grundsatzdiskussionen nicht aus. „Das fängt schon bei der Nutzung des Beckens an. Manche Frauen wollen hier ihre Bahnen ziehen, andere schwimmen quer und die Kinder planschen dazwischen“, sagt die Badeaufsicht Paola (25, Bild unten). Bei 23 mal 10 Metern kann es da schon zu Konflikten kommen.

„Ein großes Thema ist auch der Burkini, der diesen Sommer neu ist im Damenbad. Die Besucherin, die im Burkini ins Becken wollte, war hagelnder Kritik ausgesetzt. Sie wurde bestimmt 20 Mal am Tag darauf angesprochen, dass man nicht in Bekleidung ins Becken darf.“ Paola D. persönlich hält den Burkini für eine gute Erfindung – erlaubt er doch muslimischen Frauen, in Badebekleidung zu schwimmen, ohne sich ausziehen zu müssen. Trotz kleinerer Unstimmigkeiten funktioniere das Miteinander im Damenbad erstaunlich harmonisch, es herrsche eine richtige „Sonnenatmosphäre“.



Auch die Stammdamen beruhigen sich schnell wieder, nachdem sie Badeaufsicht Paola ihr Leid geklagt haben. „Gerade die Gäste, die schon seit Jahrzehnten ins Damenbad kommen, sind verärgert, dass es hier immer überfüllter und lauter wird,“ sagt Paola. Über ihrem Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielbrett trauern sie alten Zeiten nach. „Ein Damenbad ist das nicht mehr“, sagt Gertrud Dareous, die hier vor 78 Jahren schwimmen gelernt hat. Zuviele Kinder, zuviel Lärm.

Mag das Damenbad auch ein Relikt aus einer anderen Zeit sein – spurlos vorbeigegangen sind die letzten 124 Jahre an ihm dennoch nicht. Verkehrten im frühen 20. Jahrhundert vor allem Badegäste aus dem gehobenen Bürgertum im Lorettobad, so treffen heute die unterschiedlichsten Lebenswelten aufeinander. Anti-autoritäre Wiehre-Mütter, muslimische Großfamilien, Schwangere, Teenager und betagte Damen sonnen sich hier – die meisten oben ohne. Der Oben-ohne-Trend habe sich schleichend durchgesetzt, erinnern sich die Stammdamen. „Irgendwann in den Achtzigern war das Oberteil weg – aber wir tragen alle schicke Bikini-Höschen“, sagt eine von ihnen, die allen im Damenbad nur als Christa bekannt ist.



Männer können immer nur kurz einen Blick in dieses verborgene Reich erhaschen, wenn sich die weiße Holztür für Sekunden öffnet – und gleich darauf wieder schließt. Für alle Männer über sechs Jahren ist der Bereich Sperrgebiet. Damit wollen sich nicht alle abfinden. 1980 hat ein Jurastudent versucht, sich per Gerichtsbeschluss Zutritt zum Damenbad zu verschaffen. Seine Klage, die Zugangsberechtigung des Damenbads verstoße gegen das Gleichheitsgesetz, wurde vom Verfassungsgericht abgewiesen. So bleibt den Männern nur, sich ihre Mythen zurechtzuspinnen – oder sich nachts ein Bild von der Lage zu machen. So reizvoll wie tagsüber ist es dann freilich nicht.

Mehr dazu:

Sommer, Sonne, Damenbad
Silvia Cavallucci
LAVORI Verlag, Freiburg
12,80 Euro
ISBN: 978-3-935737-10-4
Das Damenbad in den Medien: