Fasnet in Endingen: Jokili kommt in den Brunnen

Dominik Schmidt

Fasnetsausklang in Endingen: Laute "Ojeee"-Rufe hallten gestern durch die Altstadt. Trommeln und sanfte Blasmelodien begleiteten den Trauerzug, nachdem sich die Narren um 19 Uhr am Torli versammelten. Der Jokili wurde gestern wieder im Brunnen versenkt. Eine Reportage mit Fotogalerie.



Der Jokili, eine der ältesten Narrenfiguren am Oberrhein, ist eigentlich traditionell in Rot gekleidet, mit seiner dreizipfligen Narrenkappe und dem mit Schellen verzierten Narrengewand. Das Rot kommt auch nicht von ungefähr: nach dem Krieg boten alte Naziflaggen einen großen Stoffvorrat, erzählt uns ein Mitglied der Endinger Narrenzunft.

"Es ist tatsächlich skurril, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die französische Besatzungsmacht nur wenige Hakenkreuzfahnen einzusammeln hatte, da zahlreiche davon bereits unter den Nähmaschinen verarbeitet wurden", sagt Wolfgang Koch, Zunftmeister in Endingen.

Doch am Fasnet-Zischdig ist alles anders. Kein knalliges Rot, sondern schwarze Trauergewänder ohne Larve vorm Gesicht. Kein Frohsinn, dafür große, weiße Stofftaschentücher, in die die Zugteilnehmer bedächtig hineinschnäuzen und das einzig noch vorhandene Erkennungsmerkmal des Jokili, die weißen Rüschen um den Hals.

Denn ein Jokili auf den Straßen am Zischdig? Das ist verpönt und verboten, ist es doch der Tag des Abschieds. Rot ist nur noch das Stadttier. „Halb Gaul, halb Stier“, so wird das Fabelwesen von den Ortsbewohnern beschrieben. Angst und Schrecken soll es verbreiten und selbst beim Trauerzug hüpft und tanzt die Angstgestalt närrisch vorneweg.

„Ojee, ojee!“ schluchzt Bjoern Hofert (30).



Auf seinen Schultern lastet die Bahre mit dem Jokili. Hoferts Gesicht ist von schwarzen Tränen überzogen. Er ist der Oberjokili dieses Jahr und führt den weinerlichen Zug an. Mindestens drei Lehrjahre in der Zunft sind Vorraussetzung. Wer sich dabei beweist, bekommt  den Schlüssel der Stadt und das Zepter des Oberjokili für ein ganzes Jahr. In sich gekehrt und wenig gesprächig, fast wie Jesus mit dem Kreuze auf dem Rücken, schreitet der Oberjokili durch die Gassen. Der Jokili muss wieder versenkt werden, nachdem er am Schmutzigä Dunnschdig aus dem Brunnen empor gestiegen war. Es geht wieder in die - für viele allzu lange - narrenfreie Zeit.



Natürlich wird ein Jokili aus Draht und Stoff in der nächtlichen Kälte im Brunnen versenkt. Doch ein Narr, wer zu schnell urteilt! 1998 ließ sich unter großer Geheimnistuerei der leibhaftige Oberjokili, ausgerüstet mit einem Neopren-Anzug und guter Tarnung, auf der Bahre durch die Stadt tragen und schließlich für eine halbe Stunde im Brunnen versenken.

Aber nun „isch rum“. Des einen Leid, des andren Freud.


Foto-Galerie: Dominik Schmidt