Faktencheck zum Bürgerentscheid um das neue SC-Stadion

Uwe Mauch, Frank Zimmermann & Joachim Röderer

Am Sonntag haben die Freiburger die Wahl: Beim Bürgerentscheid geht es um das neue SC-Stadion und sein Finanzierungskonzept. Unsere BZ-Kollegen haben in einem Faktencheck noch einmal möglichst viele Aspekte zusammengetragen und die Argumente der einzelnen Seiten untersucht. Wie hoch sind die Kosten? Wer zahlt was? Was wird aus dem Flugplatz? Was kommt auf die Anwohner zu?



Warum will der SC ein neues Stadion?

Das Schwarzwaldstadion ist aus mehreren Gründen schon lange nicht mehr bundesligatauglich. Deshalb benötigt der SC eine Ausnahmegenehmigung der Deutschen Fußball-Liga (DFL). So ist das Spielfeld um 4,5 Meter zu kurz und hat ein Gefälle – von Süd in Richtung Nord beträgt es etwa einen Meter.

Der SC hat von der DFL die klare Ansage, dass die Lizenzierung zwar unter wirtschaftlichen Kriterien ohne Auflagen erteilt wird, der Verein aber in den kommenden Jahren eine Lösung für den Platz und das Arbeitsumfeld der Medien auf den Weg bringen muss.

Außerdem braucht der SC mehr Einnahmen, etwa durch VIP-Logen (gibt es derzeit nicht) und Business-Seats. Laut Christian Seifert, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der Deutschen Fußball-Liga (DFL), fehlen dem SC drei bis fünf Millionen Euro an Einnahmen pro Jahr im Vergleich zu den Konkurrenten. Der Zuschauerschnitt in der Ersten Liga liegt bei 43.000, sagt Seifert; der SC liegt mit 23 400 auf dem vorletzten Platz. Diese Lücke werde ohne neues Stadion immer größer. "So gut kann Christian Streich nicht trainieren und Präsident Fritz Keller nicht wirtschaften, um das auszugleichen", sagt Seifert.

Der SC geht davon aus, dass 11.000 zusätzliche Plätze (35.000 statt 24.000) und bessere Vermarktungsmöglichkeiten den Anschluss zu den Konkurrenten bringen werden.

Warum baut der SC nicht einfach das Schwarzwaldstadion weiter aus?

Das Schwarzwaldstadion kann auf maximal 25.000 Plätze ausgebaut werden, das sind gerade einmal 1000 mehr als aktuell. Der Grund: Im Herbst 2005 wurde diese Obergrenze in einem Vergleich vor dem Verwaltungsgericht zwischen sechs klagenden Anwohnern, dem SC und der Stadt geschlossen. Vor allem die Zuschauerbegrenzung war den Anwohnern wichtig. Könnte der Vergleich revidiert werden?

Theoretisch ja, allerdings nur mit Zustimmung aller Betroffenen, sagt Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer, die 2005 Leiterin des städtischen Rechtsamts war. Und: Für Umbauten, beispielsweise die Vergrößerung des Spielfelds, braucht der SC eine neue Baugenehmigung. Laut Baubürgermeister Martin Haag kann in diesem Fall jeder Anwohner, also nicht nur die sechs ehemaligen Kläger, Einspruch erheben.

Hinzu kommt: Ein Umbau des Schwarzwaldstadions auf heutige Standards würde laut einem Gutachten des Beratungsunternehmens Ernst & Young mehr als 50 Millionen Euro kosten, eine unwirtschaftliche Summe angesichts von maximal 1000 neuen Plätzen.

Will der SC ein Luxusstadion?

Nein, der SC will kein Luxus-, sondern vor allem ein größeres Stadion mit einer besseren Infrastruktur. Die Auslastung lag zuletzt bei rund 97 Prozent; der oft nicht ausverkaufte Gästeblock verhindert eine bessere Bilanz. Bisher gibt es 800 Business-Seats, während es im neuen Stadion rund 2000 Plätze im Business-, Logen- und Eventlogenbereich geben soll. Zum Vergleich: Der FSV Mainz 05 hat 2750 Business- und Logenplätze, der FC St. Pauli zirka 2600.

Die preisgünstigen Stehplatzkarten sollen auch durch die größere Anzahl an teuren Plätzen finanziert werden. Im alten Stadion gibt es 10.000 Stehplätze, im neuen sollen es 12.000 sein. Es ist geplant, eine sozial ausgewogene Preispolitik mit besseren Zwischenschritten zu versehen: So soll es preisgünstige Stehplatzkarten geben, Familientickets sollen ausgebaut werden (Erwachsene zahlen voll, begleitende Kinder wenig), und es soll wie bisher Angebote für Einkommensschwache geben.



Unbefriedigend ist aktuell auch die Situation für Gästefans, Medien und Rollstuhlfahrer. Aktuell stehen Rollis auf der Südtribüne direkt hinter dem Tor 65 unbedachte Plätze zur Verfügung; bei Regen werden sie klatschnass. Im neuen Stadion soll es 90 bis 100 überdachte und besser erreichbare Rollstuhlplätze (inklusive besserer Parkplätze) geben, also rund 50 Prozent mehr als jetzt. Die Nachfrage nach mehr Rollstu hlplätzen ist auf jeden Fall da.

Warum soll das neue Stadion auf den Wolfswinkel am Flugplatz?

Bereits 2011 hat das Frankfurter Büro AS&P 24 mögliche Stadionstandorte überprüft – übrig blieben nur die "Hirschmatten" am Zubringer-Mitte und die Kleingartenanlage "Hettlinger" bei der Messe. Im "Hettlinger" hätte, wenn überhaupt, nur ein Stadion ohne Trainingsgelände Platz gefunden. Die "Hirschmatten" scheiden aus, da in diesem Bereich der neue Freiburger Stadtteil Dietenbach geplant wird.

Zudem haben die Hirschmatten-Flächen viele Privateigentümer. Es ist unwahrscheinlich, dass alle verkaufsbereit gewesen wären. Ein Enteignungsverfahren für einen Stadionneubau ist aber nicht möglich. Für den neuen Stadtteil dagegen schon. Keine Option ist im übrigen auch die "Lehener Neumatte" direkt an der A5: Es gäbe dort ein Zufahrtsproblem, der mögliche Standort läge in einem Vogelschutzgebiet und teilweise auf Umkircher Gemarkung. Aus Umkirch kam ein klares Nein.

Im Dezember 2012 entschied der Gemeinderat, auch den Flugplatz noch einmal zu untersuchen. Mit dem "Wolfswinkel" fand sich dort ein Standort, der einen Stadionbau möglich macht – bei weiterer Nutzung des Flugplatzes. Was auch ein Vorteil des Wolfswinkels ist: Synergien mit der Universität. So könnte die Erschließungsstraße von der Uni mitgenutzt werden. Die Mensa der Uni soll in das Stadion kommen.

Welche ökologischen Folgen hätte ein Stadionneubau?

Freiburger Naturschutzverbände lehnen den Eingriff für Stadion, Straßen und Parkplätze als gravierend ab. Auch die Gutachter der Stadtverwaltung, die im Vorfeld der Gemeinderatsentscheidung die ökologischen Aspekte analysierten, sehen "ein erhebliches Konfliktpotenzial". Einiges davon ist inzwischen gelöst, so erwarten Fachleute keine Beeinträchtigung der Raben- und Saatkrähen.

Wegen der Dohlen, die nicht so flexibel sind, benötigt die Stadt eine Ausnahmegenehmigung. Die Voraussetzung dafür liegt vor, wie ein zweites Gutachten bestätigt hat. Für gut neun Hektar geschützten Magerrasen muss die Stadt eine doppelt so große Ausgleichsfläche schaffen, verteilt auf vier Standorte. Allein für die ökologischen Ausgleichsmaßnahmen hat die Verwaltung 5,5 Millionen Euro einkalkuliert.

Unstrittig ist, dass das Stadion die Temperatur in den umliegenden Wohngebieten leicht ansteigen lässt. Doch stadtweit, so der Gutachter im Auftrag des Rathauses, werde das Vorhaben "zu keinen messtechnisch erfassbaren Änderungen der klimatischen Verhältnisse führen". Der Freiburger Meteorologieprofessor Helmut Mayer bewertet die Folgen als "negativ".

Jede noch so marginale Verschlechterung der umweltmeteorologischen Bedingungen erhöhe das Gesundheitsrisiko. Diese Stellungnahme von Mitte Januar hat auch Gerd Jendritzky mitverfasst, der an Mayers Lehrstuhl als Honorarprofessor tätig ist und sich für die Bürgerinitiative "Pro Wolfswinkel" engagiert.

Was käme auf die Anwohner zu?

Da ist erst einmal das Thema Verkehr. Die Kreuzungen rund um den Standort sind laut Verkehrsgutachter leistungsfähig genug, um auch unter ungünstigsten Rahmenbedingungen den SC-Verkehr aufzunehmen. Allerdings komme es "zu den üblichen Verzögerungen und Einschränkungen in der Verkehrsqualität am Ende von Großveranstaltungen".

Das heißt: Hart an der Grenze der Kapazität; der Verkehrsfluss ist kurz vor dem Zusammenbruch. Der betroffene Zeitraum sei mit rund 1 bis 1,5 Stunden relativ kurz. Für Anwohnerstraßen soll es ein Schutzkonzept geben, ebenso für die Parkplätze der Möbelhäuser. Umstritten ist das Thema Lärm. Aufgrund der Nähe zum Wolfswinkel muss das Stadion schalltechnisch optimiert werden.



Knackpunkt ist die Öffnung über dem Rasen, je kleiner, desto leiser. Die Gutachter empfehlen zudem eine Dämmung des Daches über den Tribünen sowie eine geschlossene, nahezu schalldichte Außenhaut. Wird das Stadion so umgesetzt, werden die Immissionsrichtwerte für die Spiele am Nachmittag und am frühen Abend eingehalten.

Im Mooswald läge der höchste gemessene Pegel bei 50 Dezibel – was der Lautstärke von Regen oder dem Surren eines Kühlschranks entspricht. Lediglich für Spiele, die nach 22 Uhr enden, bräuchte es eine Ausnahme, die aber laut Gutachter kein Problem sei. Die BI Pro Wolfswinkel zweifelt dies an.

Müsste der Flugplatz geschlossen werden?

Nein, der Motorflug wäre weiter möglich. Die Flugplatz GmbH geht nach Vorgesprächen mit dem Regierungspräsidium als Genehmigungsbehörde auch davon aus, dass die Segelflieger nach Verlegung ihrer Bahn nach Osten bleiben können.

Keine Zukunft am Flugplatz haben dagegen die Fallschirmspringer. Durch den Stadionbau würde sich für 90 Stunden im Jahr durch Windverwirbelungen die Situation so ändern, dass in dieser Zeit nicht geflogen werden könnte. Ein Gutachter der Flieger prophezeit höhere Ausfallzeiten.

Gefährdet ein Stadion die Organtransporte für die Uni-Klinik?

Nein. Der Gutachter für die Flugsicherheit sieht die Transplantationsflüge nicht gefährdet, weil die dafür verwendeten Maschinen schwerer und damit für Windverwirbelungen weniger anfällig seien. Zudem würden diese Maschinen früher auf der Landebahn aufsetzen, was die Beeinträchtigungen ohnehin minimieren.

Die BI der Flieger dagegen stellt auf ihren Plakaten "5000 Rettungsflüge" in Frage – diese Behauptung lässt sich nicht belegen. Tatsächlich hat es 2013 insgesamt 34 Organtransportflüge zum Freiburger Flugplatz für Herz- und Lungentransplantationen gegeben. "Es wäre wünschenswert, dass diese Möglichkeit erhalten bleibt", sagt Benjamin Waschow, Sprecher der Uniklinik. Aber er sagt auch: Der Flugplatz sei für das Transplantationszentrum kein K.-o.-Kriterium. Hätte man diesen nicht, würde man eben eine andere Lösung finden.

Die Deutsche Luftrettung DRF sieht den Rettungshubschrauber (2013: 1341 geflogene Einsätze) durch die Stadionpläne nicht tangiert, wie sie jetzt auch noch einmal offiziell klargestellt hat. Betroffen wäre der Rettungshubschrauber-Standort nur, wenn der Flugplatz ganz geschlossen würde. Aber selbst dann würde sich eine Lösung finden: Von 31 DRF-Standorten befinden sich 20 nicht an einem Flugplatz (zum Beispiel Karlsruhe, Villingen-Schwenningen, Friedrichshafen).

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[Visualisierung: HHVision]