Ey, was geht ab? So steigt der Sportclub ab!

Clemens Geißler

Kein Selbstvertrauen, kein System, keine Tore: Der Sportclub Freiburg verliert das Kellerduell gegen Schlusslicht Hertha BSC auch in dieser Höhe verdient mit 0:3. fudder-Autor Clemens Geissler analysiert die Ursachen für diese Schlappe.



Eine Stunde ist gespielt: Auf der Haupttribüne sitzen Mädels, die gelangweilt im Stadionmagazin blättern, während unten das Spiel vor sich hin plätschert. Aus dem Stadion flüchten harmlos aussehende Väter, die ihre Kleinfamilie entschlossen und unter Flüchen aus dem Stadion zerren. Und die Fans der Berliner Hertha bedienen sich bei einem Frauenarzt-Hit und singen siegestrunken "Ey, was geht ab? Die Hertha steigt niemals ab!"


Warum?

Über aller Tristesse schwebt die eine Frage: Warum?

Ist die Mannschaft zu schlecht? Stellt der Trainer falsch auf? Hat man einfach nur Pech? Letztlich ist es wohl von allem etwas und wenn man versucht, im Anschluss an ein solches Spiel nach Gründen für den Misserfolg zu suchen, könnte man eigentlich gar nicht mehr aufhören.

Beginnen wir also auch aus pädagogischen Gründen erst einmal mit dem Positiven: Freiburg hat 25 Minuten ganz ordentlich gespielt und hatte durch Cissé gar eine ganz dicke Torchance. Die Stimmung im Stadion war immerhin ganz nett und der ein oder andere konnte es sich zumindest vorstellen, dass der Sportclub vielleicht ein Tor schießt. Dem stehen zahlreiche Befunde gegenüber, die selbst durch eine SC-Panzerglasbrille nicht mehr zu leugnen sind:

Die Analyse:

  • Der Sportclub hat keinen Führungsspieler, keinen, der organisiert, der mal die Ärmel hochkrempelt oder ein Zeichen setzt.

  • Der Mannschaft mangelt es an beinahe jeglicher Cleverness. Es gibt noch nicht mal mehr Ergebnisfußball. Zuletzt konnte man in Frankfurt bewundern, wie die Dutt-Elf beim Stand von 1:1 auswärts in der Nachspielzeit ausgekontert wurde.

  • Im zentralen Mittelfeld ist man viel zu schwach besetzt, stellt die Räume nicht zu und begeht haarsträubende Fehlpässe: Heute heißt das: 28. Minute: Makiadi bedient herrlich den Herthaner Raffael, daraus resultiert das 0:1.

  • Freiburg fällt nach einem Gegentor regelmäßig auseinander und findet überhaupt nicht mehr zurück ins Spiel: Man denkt an Hamburg oder Leverkusen. Und heute heißt das: 28. Minute: 0:1 Ramos, sieben Minuten später: 0:2 Cicero. Am Ende hätte es auch gut und gerne 0:5 stehen können.

  • Die Mannschaft braucht viel zu lange, um in Ballnähe zu verschieben. Heute heißt das: Reisinger und Cissé bekommen irgendwelche halbtauglichen Bälle serviert und verlieren diese dann gleich wieder, weil sie hoffnungslos in Unterzahl sind.

  • In den Köpfen mancher Spieler existiert – vielleicht auch aufgrund der offiziellen Diktion, ein Abstieg sei kein Beinbruch - kein Abstiegskampf und damit auch keine Leidenschaft: Man agiert zaghaft, bisweilen höflich zurückhaltend, ängstlich und passiv. Gelbe Karten gibt es vielleicht wegen Meckerns, aber selten aufgrund von Einsatz oder gar wegen eines taktischen Fouls. Noch immer belegt der Sportclub sensationellerweise Platz zwei der Fairness-Tabelle in der Bundesliga.

  • Freiburgs Spiel nach vorne läuft über weite Strecken nach Schema F ab. Vor allem in Rückstand liegend wird der Ball mit Ansage hoch nach vorn gedroschen. Heute heißt das: Arne Friedrich in der Hertha-Abwehr köpft gefühlte 20 Mal den Ball wieder dorthin zurück, wo er herkam – oder schlimmer noch zu einem Mitspieler, der den Gegenstoß einleitet.



Zwar könnte man leicht weiteres auflisten, doch zu einer ausgewogenen Sicht gehören auch andere Tatsachen: Ja, das Startprogramm nach der Winterpause war schwer und tendenziell trifft man in den noch ausstehenden Spielen zumeist auf leichtere Gegner: Heimspiele gegen Hannover, Nürnberg, Wolfsburg, Bochum, auswärts in Gladbach und Köln. Andererseits ist jeder Gegner schwer, wenn man sich so präsentiert wie der Sportclub zuletzt.

Eine weitere Konzession an die Leistung der Breisgauer stellt die Personalsituation dar: Krmas und Butscher sind eben zwei ganz wichtige Leute und vom Kader des Sportclub auch viel schwerer zu kompensieren als von dem anderer Bundesligisten. Andererseits muss auch die Frage erlaubt sein, was in einem „Sechs-Punkte-Spiel“ wie diesem (SC-Stadionsprecher) Mohammadou Idrissou eigentlich 90 Minuten auf der Bank zu tun hat. Die Antwort gab es nach dem Spiel: Idrissous Fehlen hatte disziplinarische Gründe.

Immer noch auf einem Nicht-Abstiegsrang

Wir haben heute ein miserables Spiel gesehen und Hertha-Fans, die zurecht einen verdienten Sieg gefeiert haben. Doch das geradezu unglaubliche Sahnehäubchen kommt zum Schluss: Trotz aller Misere hat der Sportclub auch nach dem 23. Spieltag noch immer zwei Punkte Vorsprung auf einen Relegationsplatz und damit genau so viel wie zu Beginn der Rückserie. Immer noch kann man den Ligaverbleib also sichern, ohne nach links oder rechts zu schauen. Nur, bitte, irgendwann sollte man dieses Geschenk vielleicht auch mal annehmen.

Fotos: dpa

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