Fragen und Fakten

Ermordete Studentin: Was wir wissen – und was nicht

Frank Zimmermann

Die Ermittler der Polizei Freiburg arbeiten mit Hochdruck am Fall der an der Dreisam getöteten 19-jährigen Medizinstudentin. Wir haben die wichtigsten Fakten und Fragen zum Fall zusammengetragen.

Freiburgerinnen und Freiburger nehmen großen Anteil am Fall der 19-jährigen Studentin, die am vergangenen Sonntag von einem unbekannten Täter an der Dreisam vergewaltigt und getötet wurde. Viele Fragen sind noch unbeantwortet: Lauerte der Täter dem Opfer auf, oder waren sie sich zuvor schon einmal begegnet? Gibt es verwertbare DNA-Spuren? Besteht ein Zusammenhang zu anderen Straftaten an der Dreisam?


Was wir wissen

  • Eine Joggerin fand die Leiche der jungen Frau am Sonntag um 8.20 Uhr in der Dreisam, nördlich des Schwarzwaldstadions, direkt hinter der Nordtribüne.
  • Die Studentin wurde vergewaltigt und starb durch Ertrinken, lautet das Ergebnis der Obduktion des rechtsmedizinischen Instituts. Die Ermittler gehen davon aus, dass sie gewaltsam starb, obwohl es keine sichtbaren äußeren Verletzungen an der Leiche gegeben hat.
  • Die Polizei geht davon aus, dass der Fundort auch der Tatort ist. Dorniges Gebüsch am Ufer war niedergetrampelt, deswegen vermuten die Ermittler, dass der Täter Kratzer am Körper haben könnte.
  • Die Dreisam führte am Tatwochenende Niedrigwasser, der Pegel in Ebnet betrug weniger als 20 Zentimeter.
  • Die junge Frau wurde nicht ausgeraubt, ihr Handy und ihre Wertsachen fehlten nicht. Die Handydaten werden von der Polizei ausgewertet.
  • Die Polizei hat keine Hinweise darauf, dass der jungen Frau in der Tatnacht K.o.-Tropfen verabreicht wurden.
  • Zwei Fahrräder wurden nahe dem Fundort der Leiche gefunden. In der Uferböschung lag das weiße Damenrad der getöteten Studentin, das einen auffälligen Fahrradkorb trägt; etwas weiter östlich stand mitten auf dem Radweg ein lilafarbenes Damenrad. Es könnte etwas mit der Tat zu tun haben – muss aber nicht. Die Besitzerin oder den Besitzer hat die Polizei bislang nicht ausfindig machen können.
  • Die Studentin verließ um 2.40 Uhr die "Big Medi Night", eine Party der Offenen Fachschaft Medizin in der Mensa Institutsviertel. Von der beliebten Veranstaltung mit weit mehr als 1000 Gästen fuhr sie – nach jetzigem Kenntnisstand alleine – mit ihrem Rad nach Hause in den Stadtteil Littenweiler. Sie nahm laut Polizei "den üblichen Weg", der über den Dreisamuferradweg führte.
  • Geklärt hat sich die Frage, ob der Dreisamuferradweg in der Tatnacht beleuchtet war: Normalerweise brennen die Lampen am Radweg zwischen Sandfangbrücke beim Unistadion und Nepomukbrücke in Ebnet nur bis 0.30 Uhr. Die Polizei hatte hingegen behauptet, dass der Weg in der Tatnacht beleuchtet war. Aufnahmen einer Kamera auf Höhe des Schwarzwaldstadions, die die BZ gesehen hat, belegen dies. Am Freitag bestätigte die Stadtverwaltung auf nochmalige Nachfrage, dass das Licht tatsächlich brannte – weil eine Schaltuhr defekt war. Dies hat Badenova-Tochter "BN-Netze" bestätigt. Trotz Beleuchtung des Radwegs liegt der parallel verlaufende Fußweg leicht im Schatten. Die Uferböschung selbst liegt im Dunkeln.
  • Der Dreisamuferradweg ist am Fundort der Leiche mitten in der Nacht nicht sehr stark frequentiert, sagt Polizeisprecherin Laura Riske. Trotzdem hat die Polizei in der Woche nach der Tat nachts in der Gegend des Fund-/Tatorts Passanten und Radfahrer befragt. Beliebter ist das gegenüberliegende nördliche Dreisamufer. Östlich der Sandfangwegbrücke treffen sich viele junge Menschen zum Trinken, Grillen und Feiern – allerdings ist das Wetter inzwischen zu herbstlich dafür. Auch bei der Jugendherberge an der Kartäuserstraße und beim Ochsenwaldspielplatz ist oft viel los.
  • Die getötete Studentin war 19 Jahre alt, studierte im dritten Semester Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität und stammte aus dem Raum Pforzheim. Ihre Eltern leben in Brüssel. Die Studentin soll sehr beliebt gewesen sein und einen großen Freundeskreis gehabt haben. Sie sei sehr engagiert gewesen und habe sehr gewissenhaft studiert. Am Sonntag wollte sie Erstsemester betreuen.

Was wir nicht wissen

  • Wie die Studentin getötet wurde, ist unklar. Die Polizei spricht explizit nicht davon, dass sie ertränkt wurde, weil offen ist, ob sie bewusstlos war oder niedergeschlagen wurde.
  • Unklar ist auch der genaue Tathergang. Der Täter könnte sich im Gebüsch versteckt und seinem Opfer aufgelauert haben. In diesem Fall könnte die Studentin ein Zufallsopfer gewesen sein. Schweizer Medien wie Blick oder Tagesanzeiger sehen eine Parallele zur brutalen Vergewaltigung einer 26-jährigen Frau in Emmen (Kanton Luzern) im Juli 2015. Sie gehen von dieser Täterhypothese aus und berichten so, als sei es Fakt, dass jemand die junge Frau aus Freiburg vom Rad gerissen, ins Gebüsch gezerrt und vergewaltigt habe. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass der Studentin jemand auf dem Rad gezielt gefolgt ist – jemand, der sie kannte, oder jemand, der ihr auf der Party oder dem Heimweg begegnet ist.
  • Unklar ist noch, ob es verwertbare, für die Ermittlung des Täters relevante Spuren gibt. Alle am Tatort und an der Leiche sichergestellten Spuren werden derzeit vom Landeskriminalamt Stuttgart untersucht. Ob darunter auch Genmaterial ist, ist noch offen. Mit den Ergebnissen der Spurenanalyse rechnet die Freiburger Polizei im Lauf der kommenden Woche. Polizeisprecherin Riske weist darauf hin, dass selbst eine quantitativ gute Spurenlage nicht bedeutet, dass die Spuren auch qualitativ gut sind. Es könnte auch sein, dass keine DNA-Spuren gefunden wurden oder solche, die niemandem zugeordnet werden können.
  • Sicherheitskameras am Stadion erfassen auch Teile des Dreisamuferradwegs. Ob auf Aufnahmen aus der Tatnacht Opfer oder Täter zu sehen sind, will die Polizei nicht sagen.
  • Zu Kleidung und Aussehen des Opfers will die Polizei keine näheren Angaben machen, auch ein Foto will die Polizei nicht veröffentlichen. Die Kleidung des Opfers sei "wenig markant und deshalb wenig aussagekräftig", sagt Polizeisprecherin Laura Riske. Außerdem wolle man die Angehörigen schützen. Wenn etwas für die Ermittlungen wichtig sei, werde es von der Polizei bekannt gegeben. "Wenn wir es für sinnvoll erachten, zeigen wir bei Befragungen Lichtbilder vor."
  • Wie viele sexuelle Übergriffe es in Freiburg in der jüngeren Vergangenheit entlang der Dreisam gab, kann die Polizei derzeit nicht sagen. Die Statistiker der Polizei seien noch damit beschäftigt, dies auszuwerten, sagt Polizeisprecherin Riske. Klar ist: Am Ochsenwaldspielplatz fanden Polizei und Rettungsdienst vor drei Wochen ein stark alkoholisiertes 13-jähriges Mädchen vor, das Opfer sexueller Übergriffe von drei 16-jährigen Jungen wurde, von denen zwei in Untersuchungshaft sitzen. In derselben Nacht wurde Nahe des Stadions eine 15-Jährige von einer Gruppe von acht bis zehn Männer begrabscht und wüst beleidigt. Die Männer konnten fliehen.

Die Ermittler haben folgende Fragen:

  • Wer hat am frühen Sonntagmorgen zwischen 2:40 und 8:20 Uhr ungewöhnliche Beobachtungen an der Dreisam gemacht?
  • Wer hat die 19-Jährige oder ihr abgebildetes weißes Damenfahrrad im Zeitraum von Mitternacht bis zum Auffinden am Sonntag gegen 8:20 Uhr gesehen und kann sachdienliche Hinweise zum Geschehen machen?
  • Wer kann sachdienliche Angaben zur Herkunft oder zu einem möglichen Eigentümer des lilafarbenen Damenrads machen?
  • Wem sind an ihm bekannten Personen im Nachgang zur Tat ungewöhnliche Kratzer aufgefallen?
Die Polizei bittet Zeugen, sich unter 0761-882 5777 bei der Kriminalpolizei zu melden.

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