Erinnerungen an Oliver Rath

Markus Hofmann

In Freiburg war er DJ und Tellerwäscher, in Berlin wurde er zum tabulosen Fotograf von Stars und Sternchen. Für fudder war er Kollege, Bekannter und liebstes Thema. Ein persönlicher Abschied.

Nach dem Schock kommen die Blumen. Es ist ein milder, aber schwüler Montag in Berlin. Vor der Rath Gallery in der Rosenthaler Straße im Bezirk Mitte deponieren Passanten Lilien und Sonnenblumen auf dem Trottoir. Jemand hat goldglänzende Buchstabenluftballons an der Glasscheibe befestigt. Sie ergeben ein Wort: Love.


Kaum 48 Stunden zuvor hatte sich die Nachricht, dass der 38-jährige Star-Fotograf Oliver Rath völlig überraschend gestorben ist, über Whatsapp verbreitet. Bei vielen Menschen in Berlin und Südbaden, wo Oliver Rath mehr als 25 Jahre lang in Freiburg und Emmendingen beheimatet war, löst sie fassungslose Trauer aus. Erst berichtet der Boulevard, dann bestätigt ein Administrator von Oliver Raths Facebookseite das Gerücht am Samstagabend: "Abschied einer Seele von Mensch" die Überschrift, dazu ein Foto von Rath. Viele tausend Mal wird dieses Posting in den folgenden Stunden auf Facebook geteilt. Mehr als 1000 Freunde und Weggefährten, aber auch wildfremde Menschen kondolieren auf der Facebookseite und auf Oliver Raths Blog. Über die Ursache seines unerwarteten Todes möchte seine Familie nicht sprechen.

Anruf in der fudder-Redaktion

Die Geschichte des Fotografen Oliver Rath beginnt im Juli 2007 mit einem Anruf in der fudder-Redaktion in Freiburg: "Hey Digger, hier ist Olli. Ich möchte für Euch fotografieren." Wenige Tage später fotografiert er die Freiluft-Modenschau "Fashion in the City" in der Nähe des Martinstors. Es ist sein erster Auftrag – und seine Aufnahmen sind noch nichts Besonderes. Doch wer Rath an diesem Sommerabend beobachtet, merkt sofort: Dieser nicht mehr ganz so junge Fotograf, der sich auf der Suche nach neuen Perspektiven auf das Pflaster der Metzgerau presst, glüht vor Leidenschaft für die Fotografie.

Als DJ Al Kapone war Oliver Rath in der Freiburger Hiphop-Szene schon einige Jahre zuvor eine feste Größe. Er produzierte die Beats der angesagten Hiphop-Crew "La Cosa Nostra", veranstaltete Konzerte im Crash und legte als DJ im Kagan und im berüchtigten Funpark auf. Außerdem profilierte er sich als Möchtegern-Pimp, Pornorapper und Rampensau – und lieferte fudder immer wieder großartige Schlagzeilen: "Ab acht Freundinnen gleichzeitig kriegst du einen Larry." Das war oft ein großer Spaß, aber mit der Zeit wurde seine Masche albern.

Das merkte auch Rath bald selbst: "Die Luft war sowas von raus bei mir. Ich war ja der völlige Prolet." Und recht bald war er auch ziemlich pleite.

Oliver Rath arbeitete als Chefspüler im damaligen Szenelokal Grünhof. Manchmal war er als Beikoch fürs Mittagessen zuständig. "Die Köche kamen schon morgens besoffen zur Arbeit und sagten: Koch du, ich leg mich hin." Also gab’s Elsässer Wurstsalat, Rumpsteak und versalzene Spargelsuppe, deren desaströse Beschaffenheit Oliver Rath mit Sahne und Zucker rettete. Vom Lohn kaufte er sich die erste Kamera – und zog 2010 nach Berlin. Mit geliehenem Geld, aber der Gier, Spuren zu hinterlassen in dieser Stadt.

Ausgerechnet in Berlin, einer Stadt, die platzt vor Talent und Kreativität, im Epizentrum der Hipster. Und dann kommt ein Landei: "Umzuschalten von Bauer auf Glamour ging nicht so schnell". Nach seinem ersten Jahr in der Hauptstadt sagte Rath: "Der Anspruch in Berlin ist einfach fucking hoch. Die Leute haut kaum etwas um. Du musst extrem pumpen, damit die Berliner sagen: Ja, ganz nett."

Oliver Rath fing den Mythos der Stadt ein

Diesem Anspruch begegnete Rath mit harter Arbeit. Er brachte sich seine Skills selbst bei, las Bücher von Helmut Newton und lernte mit Youtube-Tutorials, wie man mit Photoshop Bilder bearbeitet. Seine Arbeiten veröffentlichte er in atemberaubendem Tempo auf seinem Blog, das täglich bis zu 20 000 Menschen besuchten.

Schnell versteht Oliver Rath die DNA Berlins. Sie besteht aus: Zügelloser Lust am Leben. Zerstörung, Abriss und Aufbau. Obszöner Ehrlichkeit. Freiheit. Freiheit ist die wahre Währung Berlins. Genau deswegen war Oliver Rath, dieser Punkrocker und Freigeist aus dem manchmal kleingeistigen Freiburg, genau richtig an jenem Ort, der alles duldet, nur keine Langeweile.

Raths Bilder zeigen den Mythos des zeitgenössischen Berlins, der in diesen Tagen Künstler, Startup-Pioniere, Lebemenschen und Horden vergnügungssüchtiger Easyjet-Touristen in die Hauptstadt spült. Rath hat die Seele der Tage und Nächte Berlins festgehalten. Seine Bilder sind inspiriert von Helmut Newton und Terry Richardson. Zu sehen sind: Sex und Erotik. Drogen. Hedonismus. Waffen. Nackte Körper. Promis wie Sophia Thomalla, die Scorpions oder H.P. Baxxter. Gebrochene Tabus. Schwarzer Humor. Oft sind seine Fotos schwarz-weiß, manchmal grellbunt, oft cool und provozierend, vulgär und obszön, vor allem aber nie der Norm entsprechend.

"Ich will immer Straße bleiben" – das war Oliver Rath wichtig. Zur Vernissage seines ersten Bildbands "Berlin Bohème" lud er Obdachlose in die Berliner Humboldtbox ein, einen Teil der Erlöse spendete er Notunterkünften für den Winter. Wer Oliver Rath ein bisschen kannte, wusste, dass das keine PR-Masche war. Er engagierte sich gegen Rechts und für Organspende, rührte die Werbetrommel für Anliegen, die ihm wichtig waren – immer im Rath-Style. Über Schulterklopfer mit Champagnergläsern machte er sich nicht erst dann lustig, als er für seine Bilder fünfstellige Preise verlangen konnte. Sein zweiter Berlin-Bildband, eigentlich als Trilogie geplant, wurde in Freiburg fertiggestellt – wenige Stunden nach seinem Tod, ausgerechnet. Das Buch trägt den Titel "Born Wild in Berlin", und erscheint, so wie geplant, in wenigen Wochen.

Vor gut einem Jahr eröffnete Oliver Rath die Rath Factory in einem alten Fabrikgebäude beim Roten Rathaus. Sie war Fotostudio, Labor und Spielzimmer in einem. Hier hat Oliver Rath aufgebaut, was ihm in seinem Leben wichtig war. An den Wänden hängen seine Lieblingsfotos und einige Gemälde. Von der Decke baumeln Discokugeln. Überall stehen Figuren aus der Star-Wars-Saga herum. Vorne im Raum ist ein DJ-Pult mit Hunderten von Schallplatten. Links an der Wand ein Eisbär aus Gips, der auf Knopfdruck Alkohol pinkeln kann. Im Nebenraum ist eine Werkstatt für Fetischschmuck untergekommen. Und mit der Sandmuschel und dem Bobbycar haben Raths Kinder Matilda und Vincent gespielt, wenn sie ihren Papa besucht haben.

Die Rath Factory war sein Märchenland

Auf dem letzten Foto, das Oliver Rath wenige Stunden vor seinem Tod auf Facebook veröffentlicht hat, ist der graubärtige Komet Bernhard zu sehen, den viele in Berlin nur den Techno-Rentner nennen. Tagsüber lachen Berlins Kinder über die riesengroßen Seifenblasen, die Komet Bernhard für sie zur Erheiterung produziert. Rath war von diesem alten, lebensfrohen Mann fasziniert, weil er stets das Kindliche in seinem Kopf bewahren konnte. Das passte zu Oliver Rath, dem rebellischen Fotografen mit dem schelmischen Lausbubenlächeln, der einige Jahre lang die Seele Berlins fotografiert hat.

Was jetzt bleibt, sind Trauer und Betroffenheit. Und seine Bilder. Shine on you crazy Diamond!

Oliver Rath: Born Wild in Berlin

Olivers Fotos zu diesem Text stammen aus dem neuen Bildband "Born Wild in Berlin" (mit einem Vorwort von Sven Martinek). Er erscheint im September bei Edition Skylight, Oetwil am See, Schweiz . ISBN: 978-3-03766-665-4, 192 Seiten mit 154 Fotos; 39,95 Euro.