Einsatzleiter Hochuli nach Gleisbesetzung: "Ich bin richtig sauer!"

David Weigend

Harry Hochuli hat heute den Polizeieinsatz bei der Bildungsstreik-Demo geleitet. Sie verlief zunächst friedlich, doch als etwa 200 Demonstranten gegen 15 Uhr Gleis 1 des Hauptbahnhofs besetzten, drohte die Situation zu eskalieren. "Das war ganz klar ein Vertrauensbruch", so Hochuli im fudder-Interview. Die Sicht der Polizei und die Konsequenzen für die Gleisbesetzer:



Herr Hochuli, die Demo zum Bildungsstreik ging für Sie vergleichsweise entspannt los, oder?

Die Anmeldung der Demonstranten war etwas wackelig. Wir hatten aber von Anfang an eine Ansprechpartnerin, mit der wir die Route besprochen haben. Es war auch klar, dass im Bereich vom Bahnhof eine Zwischenkundgebung stattfinden soll. Die etwa 1500 Demonstranten waren friedlich und unmaskiert, die Demonstration hatte zunächst einen fröhlichen Charakter. Es gab keinen Anlass zur Sorge.

An welchem Punkt wurde es unübersichtlich?

Als die Demonstranten in die Bismarckallee einbogen, begannen sie, zu rennen. Das ist aber für uns nichts Neues, das machen die eigentlich immer. Unabsehbar für uns war allerdings, dass die Demonstranten die Gleise besetzen. Das ist ganz klar ein Vertrauensbruch. Ich habe sehr genau beobachtet, wie die einzelnen Versammlungsteilnehmer reagierten. Einige lehnten die Gleisbesetzung ab. Eine sehr unrühmliche Rolle hingegen spielte die Sambasta-Gruppe (Trommler, Anm. d. Red.) Dieses Verhalten wird Sanktionen nach sich ziehen. Wir haben zum ersten Mal ihre Instrumente beschlagnahmt. Die Gruppe hat in unseren Einsatz eingegriffen, das mussten wir unterbinden.

Wann wurde Gleis 1 besetzt?

Gegen 15 Uhr. Zuerst hielten sich 200 Menschen auf dem Gleis auf, zuletzt waren es noch 70 bis 80. Das Besetzen von Gleisen ist vom Versammlungsrecht natürlich nicht gedeckt. Mit der Staatsanwaltschaft haben wir deshalb beschlossen, dass wir Strafanzeige erstatten wegen Verdacht der Nötigung und wahrscheinlich auch Verdacht des Hausfriedensbruchs. Auch gegen bahnrechtliche Vorschriften wurde verstoßen. Die eine oder andere Person muss auch mit einer Anzeige wegen Widerstands rechnen.



Wie ging die Räumung vonstatten?

Wir hatten Probleme, uns bemerkbar zu machen. Die Trommler machten Lärm, andere bliesen in Trillerpfeifen. Hier am Bahnsteig bricht sich der Schall. Es war für mich nicht möglich, mit dem Megaphon zu kommunizieren. Auch mit der Lautprecheranlage der Bahn konnten wir die Demonstranten nicht erreichen. Der Lärmpegel war zu hoch.

Was war mit den Zügen, die einfahren sollten?

Die Verantwortlichen der Bahn hatten alle Hände damit zu tun, den Bahnverkehr zu stoppen. Das ist gefährlich, die Bremswege sind sehr lang. Die Leute wissen gar nicht, was sie anrichten, wenn sie auf die Gleise laufen.

Wie verhielt sich ihre Ansprechpartnerin des Demozugs zu diesem Zeitpunkt?

Sie versuchte gemeinsam mit zwei anderen Personen, die Gleisbesetzer zum Gehen zu überreden. Erfolglos. Die Ansprechpartnerin kam dann zu mir und meinte: „Ich hab’ jetzt die Nase voll. Ich kann mich da nicht durchsetzen.“ Das respektiere ich, sie hat wirklich alles versucht, auch ihre Kompagnons. Aber man wollte sie nicht zu Wort kommen lassen. Die Leute waren uneinsichtig.

Wann verließen die Demonstranten das Gleis?

Nach einer starken Stunde, als wir unsere Kräfte zusammenzogen. Sie gingen freiwillig. Aber es war schon brenzlig. Wir befürchteten, dass sich die Aktion auf die anderen Gleise ausweitet. Das wäre brandgefährlich geworden.



Gab es Festnahmen?

Es gab Rangeleien, wir mussten drei Personen in Gewahrsam nehmen und aufs Revier bringen. Verletzungen bei Demonstranten sind mir momentan nicht bekannt, das kann ich aber nicht ausschließen.

Was denken Sie über die Gleisbesetzer?

Ich bin richtig sauer. Da waren ganz junge Schüler dabei, die da mit reingezogen worden. Total unverantwortlich.

Mit welchen Folgen haben die Demonstranten zu rechnen, von denen nun die Personalien aufgenommen werden?

Wir unterscheiden zwischen den Rädelsführern und den Gleishockern. Alles weitere wird sich im Ermittlungsverfahren zeigen. Wir nehmen allerdings die Personalien von allen Leuten auf, die sich hier auf Gleis 1 aufhielten, da sie Zeugen sind im Verfahren gegen die erstgenannten.

War das eigentlich die erste Gleisbesetzung, mit der sie es zu tun hatten?

Nein, ich war Anfang der 1980er Jahre bei den Demos gegen die Startbahn West im Einsatz, außerdem beim Weltwirtschaftsgipfel in Köln 1999. Da hatten wir auch Blockaden von Gleisabschnitten. Beim Castortransport war ich auch schon dabei.

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