Einmal Meerjungfrau sein

Janna Breitfeld

Einmal Meerjungfrau sein! Am Dienstagnachmittag konnten meist junge Meerjungfrauenfans ihren Wunsch beim ersten Meerjungfrauen-Treffen im Haslacher Bad verwirklichen. Wer wollte, konnte im Schwanzflossenkostüm durch das Sprungbecken tauchen. fudder-Mitarbeiterin Janna hat die Nixenprobe gemacht.

Kann ein Schwanzflossenkostüm mich in eine Meerjungfrau verwandeln? Kaum gleite ich ins Wasser des Sprungbeckens im Haslacher Bad, muss ich festellen, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Meerjungfrauen gleiten elegant und behände durch das Wasser. Ich aber fühle mich überraschend unbeweglich. Heute ist mein erstes Mal als Meerjungfrau, doch trotz täuschend echtem Schwanzflossenkostüm fühle ich mich irgendwie ... unausgereift.


Schuld daran ist wahrscheinlich das Outfit selbst. Es hat einen unübersehbaren Haken: Meine Beine werden darin zusammengedrückt wie eine Wurst in einer grün geschuppten Pelle. Wie schwimme ich damit, ohne unterzugehen? Festgeklammert am Beckenrand versuche ich, mir Tricks bei all den flinken Nixen abzugucken, die um mich herum im Wasser tollen. Mit schwungvollen Wellenbewegungen gleiten sie durch’s Wasser. Die Zauberbewegung der Arielle-Welt ist die Körperwelle.

Nur fünfzehn Minuten Probezeit verbleiben mir bis ich mein Kostüm an die Nächste weiterreichen muss. Die Zeit läuft. Ich gebe mir einen Ruck und werfe meine Starre über Bord. "Arme nach vorne!" rufen mir zwei kleine gelbe Nixen zu. Das ist leichter gesagt als getan, denn es ist verdammt schwer, die automatisierte Armbewegung des Brustschwimmens zu unterdrücken. Ich stelle mir Arielle vor, wie sie leicht und locker mit Fisch Fabius durchs Meer flitzt. In meinem Fuß bahnt sich ein Krampf an. Bin ich zu ungeduldig für eine Nixe? Unwahrscheinlich. Ungeübt trifft es eher.



Ich schlucke Wasser, glucker unter, tauche auf und plötzlich macht es „Blubb!“ – ich strecke die Arme nach vorne, kriege einen Flossenschlag hin - und schwimm' wie eine Meerjungfrau!
Es ist ein bisschen wie Fliegen unterhalb des Meeres- nun ja - Schwimmbadbeckenspiegels. Ich gleite relativ entspannt durch das sonnendurchschienene Wasser. Wohin ich auch blicke, tauchen Nixen mit pinken, gelben und grünen Flossen umher. Für wenige Sekunden schwebe ich durch eine fröhliche Fantasiewelt voll magischer Wesen, die es oberhalb der Wasseroberfläche nicht gibt. Fasziniert verweile ich in meiner Arielle-Traumwelt - bis mir die Luft ausgeht.

Nach einer guten Viertelstunde Probetauchen gebe ich das Kostüm leicht wehmütig an die nächste willige Neu-Nixe in der Warteschlange weiter. Zurück im schwanzflossenlosen Leben erfahre ich allerdings, dass sich in meinem Kopf eine ganz andere Fantasiewelt abgespielt hat, als bei meinen Nixen-Schwestern. Arielle? Schnee von gestern! "H2O" ist das neue "Arielle"!



"H2O – Plötzlich Meerjungfrau!" ist eine australische Mermaid-Fernsehserie, die auch auf ZDFtivi und KI.KA ausgestrahlt wird. Darin verwandeln sich drei hübsche Australierinnen in Meerjungfrauen, sobald sie mit Wasser in Berührung kommen. Die 15-jährige Jasmin (Bild oben), die zwölfjährige Paula (Bild unten rechts), die elfjährige Larissa (Bild unten links), so ziemlich alle, die im Haslacher Sprungbecken auf- und abtauchen, erzählen mir davon.

Als ich Kirsten Söller, die seit Juni 2010 Meerjungfrauenschwänze zum Überziehen im Internet vertreibt, nach dem Ursprung ihrer Idee frage, erahne ich bereits die Antwort. "Auf die Idee gebracht hat mich meine Tochter Moja." Auch sie ist ein H2O-Fan. Ob Kirsten Söller mit so einem Andrang im Haslacher Bad gerechnet habe. „Ja!“, antwortet sie bestimmt. Auch mit einem Andrang aus halb Deutschland? Jasmin kommt nämlich aus Augsburg, und Larissa ist extra aus Aachen angereist. "Wir haben ihr das zum Geburtstag geschenkt", sagt mir ihr Vater. "Ich finde es toll, dass die Artikel nicht nur verkauft, sondern mit Events verbunden werden, wo man Gleichgesinnte treffen kann."



Zugegeben, Kirsten Söllers Kostüme haben ihren Reiz. Sie bestehen aus einem schlauchartigen Unterteil aus Lycra- und Polyesterstoff mit Schuppendruck und abnehmbaren Kunststoff-Flossen. Dazu gibt es ein farblich passendes Bikini-Oberteil. Der Preis für die schicken Schwanzflossenkostüme: zwischen 80 und 100 Euro.

Zwischen all den Mädchen, die strahlen wie Honigkuchenseepferdchen, frage ich mich, wie hoch der Peinlichkeitspegel bei mir eigentlich gerade liegt. Bin ich mit 23 Jahren schon zu alt für ein Nixenkostüm? "Es bestellen auch Erwachsene", sagt Kirsten Söller. Im Gewusel entdecke ich sogar auch ein paar Jungen.

Am Flossenstand hat sich mittlweile eine zweite Schlange gebildet. Hier tummeln sich alle, die noch eine blaue Strähne ins Haar geflochten haben wollen. Viele von ihnen tragen Lederbändchen mit Flossenanhängern. Ein richtiger Mermaid-Hype, stelle ich fest, in den ich, zumindest unter Wasser, auch gerne einmal eingetaucht bin.

Mehr dazu:

  [Bild 1, 2, 3: Janna; Bild 2: Thomas Kunz]