Eine Ritterburg auf dem Rhein

Adrian Hoffmann

Die Freiburgerin Christel Dattler (59) und ihr Partner Lenny Vries (56) haben das Foltermuseum aufgegeben, um sich einem außergewöhnlichen Projekt zu widmen: der Vlotburg - ein Schiff, das ein Mittelaltermuseum ist und aussieht wie eine Burg.

  Und obendrauf galoppiert ein Pferd, ein märchenhaftes Bild. Im Moment liegt das Schiff in Holland vor Anker, und bis in Breisach angelegt wird, dauert es wohl noch ein ganzes Jahr. Aber Ines Stöcklin, die Tochter von Christel Dattler, ist zuversichtlich, dass die Rheinroute bis in den tiefen Süden führt. Ines Stöcklin kümmert sich um die Organisation ? und hat uns ein Mail-Interview gegeben:  

   


Was muss man sich unter der Vlotburg vorstellen?

    Ines Stöcklin: Wenn sie es irgendwie möglich machen können, dann fahren sie für einen Tag nach Holland und sehen es sich selbst an. Es ist unglaublich. Ich war gerade drei Wochen auf der Vlotburg und bin immer noch ein bisschen verzaubert. Als ich das erste Mal auf Wodan (so heißt das Pferd) saß, hinter mir mein Sohn, da kam ich mir ein bisschen wie Pipi Langstrumpf vor. Mein schönstes Erlebnis auf der Vlotburg war die Fahrt von Den Helder nach Nijmegen. Durch die engen Schleusen und die Brücken. Die Menschen, die am Ufer saßen und angelten, plötzlich den Unterkiefer hängen ließen und zögernd ihren Angelpartner anstießen, die Kinder die im Auto an der Scheibe klebten und die vielen Bootsbesitzer die alle wie verrückt winkten. Das ist die Vlotburg.    

Wie kommt ein Mensch auf eine solche Idee?

    Ines Stöcklin: Ich glaube, sie können Lenny Vries nicht mit einem “Normalbürger”, der 8 Stunden arbeiten geht, vergleichen. Er ist ein Künstler, ein Geschichtenerzähler, ein Ritter der Neuzeit. Die Idee hatte er schon vor vielen Jahren, aber damals noch nicht die Möglichkeiten, sie zu realisieren.  

   

Und wie hat er es jetzt geschafft, solch ein ungewöhnliches Schiff zu bauen?

    Ines Stöcklin: Zuerst musste die Basis, das Schiff, gekauft werden. Das hört sich eigentlich ganz einfach an. Aber Schiffe werden nun einmal nicht wie Autos angeboten. Man muss auf die Suche gehen, mit sehr vielen Leuten sprechen und immer wieder Enttäuschungen ertragen. Ohne eine positive Lebenseinstellung wäre an diesem Punkt bei vielen schon Schluss gewesen. Nach über einem Jahr Suche hat er dann das passende Binnenschiff - die Andisa - gefunden. Der Eigner des Schiffes hat Lenny in die notwendigen Details eingeweiht und ihm gezeigt, wie man mit so einer gigantischen Menge Metall umgeht. Anschließend musste eine Werft gefunden werden. Aber auch hier gab es Hürden zu nehmen.    

Welche?

    Ines Stöcklin: Egal wo er hinkam und erzählte, was er vorhatte, wurde er ausgelacht. Niemand konnte sich vorstellen, was er will. Keiner wollte so einen Spinner in seiner Werft haben. In der Brouwer Werft in Zaandam hat der Besitzer zwar auch gelacht, aber trotzdem an ihn geglaubt. Ursprünglich war ein Jahr für den Umbau des Schiffes vorgesehen. Bis zur zum ersten zahlenden Kunden waren es dann drei Jahre Bauzeit, um eine schwimmende mittelalterliche Burg nach den Vorstellungen der Eigner entstehen zu lassen. So wurde für den Innenausbau zahlreiche Meter altes Eichenholz aus dem Schwarzwald verbaut, aber auch moderne Geräte wie Schneidbrenner waren notwendig, um beispielsweise die mittelalterlich anmutenden Fenster in den Schiffsrumpf zu integrieren. Die Vlotburg ist unten noch das ursprüngliche Binnenschiff und oben besteht sie ausschließlich aus Holz. Das Holz hat Lenny im Schwarzwald, aus alten Bauernhäusern, gekauft und mit leeren Blumenlastern nach Holland transportiert.    

Das ist ja bestimmt eine lange Bauzeit, gibt man da nicht irgendwann auf?

    Ines Stöcklin: Man braucht sehr viel Geduld, ein relaxtes Wesen und viele Freunde, die immer wieder geholfen haben. Eine Partnerin, die alles andere fern hält und organisiert, so dass Lenny sich nur auf die Fertigstellung der Vlotburg konzentrieren konnte.    

Woher kommt eigentlich der Name Vlotburg?

    Ines Stöcklin: Das bedeutet Floßburg.    

Lenny Vries gibt ja dann Freiburg als Wohnsitz auf. Fällt ihm das nicht schwer?

    Ines Stöcklin: Lenny ist glücklich auf der Vlotburg und ein schöneres Leben kann er sich nicht vorstellen. Immer an einem neuen Platz zu sein, und doch alles bei sich zu haben, das ist was er sehr genießt. Er war noch nie lange an einem Ort und er wird vermutlich auch nie lange an einem Ort leben können. Für seine Partnerin, die schon fast 40 Jahre auf dem Freiburger Markt steht, ist die Situation eine ganz andere. Aber auch sie ist zuversichtlich, sich auf dem Schiff wohl zu fühlen und dort ihren Lebensabend zu verbringen. Lenny hat auch alles dafür getan, dass sie sich wohl fühlen wird. Eine circa 80 Quadratmeter große Wohnung ist speziell für sie gebaut worden. Man sollte sich das jetzt nicht wie in alten Piratenfilmen vorstellen, denn das Leben auf einem Schiff unterscheidet sich heute kaum von dem in einer netten Wohnung. Zu den Annehmlichkeiten gehören eine große Küche, ein schönes Bad mit 2 Waschbecken, einer Dampfdusche für die kalten Tage und sogar eine Whirlpoolbadewanne soll auch im Alter den verdienten Luxus bieten. Darüber hinaus wird die Wohnung durch ein großes Wohnzimmer, Gästezimmer und Schlafzimmer vervollständigt. Sogar ein eigener Turm, mit direktem Zugang zum Pferd gehört dazu. Lenny wohnt bereits die ganze Bauzeit über auf dem Schiff. Die alte Schifferwohnung ist immer noch im Urzustand und voll funktionsfähig.  

   

Was hat die Sache mit dem Pferd auf sich?

    Ines Stöcklin: Lenny hat schon im Urwald ? dem Geburtsland Surinam - Pferde gefangen und gezähmt. Er liebt es mit diesen Tieren umzugehen und sie zu trainieren. Leider hatte er in Holland nie Zeit dazu. Auch in Deutschland konnte er es sich zeitlich nie leisten ein Pferd zu halten. Da auch seine Partnerin schon immer Pferde liebte und früher auch immer ein Pferd hatte, war es für ihn ganz klar, das auf dem Boot ein Pferd ständiger Begleiter sein wird. Die ganze obere Fläche des Schiffs gehört alleine Wodan. Hier wohnt er, trabt und galoppiert er, steigt mit Lenny, um Besucher zu begeistern und lässt sich von vielen Menschen jeden Tag streicheln. Er ist vier Jahre alt und genießt es sichtlich auf dem Schiff zu sein. Dort oben ist er der Chef und das kann man sehen. Der Auslauf wird selbstverständlich auch mit entsprechenden Landgängen vervollständigt.    

Das Pferd galoppiert quasi über die Ausstellung? Wie groß ist die?

    Ines Stöcklin: Ja. Die Ausstellung geht über das gesamte Schiff, die Privaträume natürlich ausgeschlossen. Alle Museumsgegenstände von früheren Ausstellungen sind auf dem Schiff zu betrachten. Geht man durch die Ausstellung wird, man zurück in das Mittelalter versetzt und durchläuft verschiedene alltägliche Lebensabläufe aus dieser Zeit. Angefangen von Menschen, die zuhause am Tisch sitzen und essen, über verschiedene Berufsgruppen, Bettler und natürlich ? als Homage an das Freiburger Museum - eine kleine Folterkammer und eine Waffenkammer, auf die Lenny besonders stolz ist. Viele der Waffen hat er selbst geschmiedet, die Kleider selbst genäht, die Puppen selbst gefertigt.    

Wer ist die Zielgruppe Ihres Museums?

    Ines Stöcklin: Es gibt keine wirkliche Zielgruppe. Natürlich finden besonders kleine Jungs die Burg spannend und wollen unbedingt rein, aber auch zarte Mädchen ziehen an den Rockzipfeln ihrer Mütter und bitten darum ins Museum zu dürfen. Viele ältere Menschen kommen und sind fasziniert von der Idee, von der Umsetzung und der Bauart. Spaziergänger, die einfach neugierig sind, Menschen aller Art und nicht in eine Schublade passen, durfte ich in den vergangenen drei Wochen dort begrüßen.    

Und wie machen Sie das Museum bekannt?

    Ines Stöcklin: Inzwischen sind schon zwei Fernsehberichte über das Schiff in Holland gelaufen. Viele Menschen kommen und erzählen: “Ahhh ihn kenne ich aus ?Mann beißt Hund’ eine Vorabendsendung.” Aber auch die Presse ist jedes Mal anwesend. Natürlich ist der Andrang nach einer solchen Veröffentlichung dann immer besonders groß. Wichtig ist aber auch ein guter Liegeplatz. Sieht man die Vlotburg, dann möchte man rein!    

Was hat Sie das alles gekostet?

    Ines Stöcklin: Sehr viel Zeit. Natürlich waren die Kosten nicht unerheblich, die Anschaffung des Schiffs, das ganze Material, die Werft usw. Aber wir sind guter Zuversicht, dass es sich irgendwann auch finanziell lohnen wird. Für Lenny hat es sich schon jetzt gelohnt. Er hat sein Lebenswerk erschaffen und fast vollendet. Er ist wohl der glücklichste Mensch den ich kenne.    

Wann erwarten Sie, mit dem Schiff Gewinn zu machen?

    Ines Stöcklin: Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis das Schiff Gewinn abwirft, aber das war nie im Vordergrund für Lenny. Für ihn ist es die Erfüllung schlechthin und Geld ist dabei zweitranig.    

Wie sieht Ihre Route genau aus?

    Ines Stöcklin: Eine erste Präsentation der Vlotburg war bereits auf der Sail 05 in Amsterdam. Nach einigen finalen Arbeiten lag die Vlotburg anschließend in Alkmaar, dann in Den Helder und momentan in Nijmegen. Im Oktober muss sie wieder in die Werft, um von den holländischen Behörden auf Sicherheit geprüft zu werden, dieser Vorgang ist dem deutschen TÜV sehr ähnlich und muss regelmäßig wiederholt werden. Anschließend werden wir uns um einen Liegeplatz in Düsseldorf oder Köln bewerben, hierbei müssen dann viele, für uns neue, Dinge eingeplant werden, so beispielsweise die Wasserstände, Liegeplätze, Stromversorgung, Publikumszugänge. Geplant ist ein längerer Aufenthalt bis zum Frühjahr, um dann den Rhein entlang fahren.    

Da kann man es ja noch abwarten, bis die Vlotburg in Breisach anlegt. Wann wird das sein?

    Ines Stöcklin: Leider kann ich das noch nicht genau sagen. Ich beginne erst jetzt damit die Route zu buchen und muss teilweise einfach auf die Anlegestellen Rücksicht nehmen.