Eine Nacht im Taxi

Hannah Allgaier

Bernhard Klausmann (52) ist eigentlich Finanzberater für Ärzte. Seit 30 Jahren arbeitet er auch als Aushilfstaxifahrer am Wochenende. Wir haben uns eine Nacht lang zu ihm ins Taxi gesetzt. Ein Fahrtenbericht zwischen St. Valentin, Händelgedudel und Alkfahne.



22.50 Uhr

Schichtbeginn. Klausmann holt sein Taxi wie immer in der Zentrale in der Kaiserstuhlstraße ab. In der Zentrale sitzen ein Mann und eine Frau. Sie nehmen die Anrufe entgegen und teilen die Taxis zu. In einer Nacht gehen bei ihnen bis zu 800 Anrufe ein.



23 Uhr

Klausmann setzt sich in sein Großraumtaxi, ein VW-Achtsitzer. Er meldet sich an seinem Bordcomputer an.

Die erste Fahrt wird ihm gleich zugeteilt. Auf dem Schlossberg, im Resteraunt Dattler, feiert der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau ein Firmentreffen. In kurzer Zeit wollen 60 Gäste vom Schlossberg ins Colombihotel fahren.

23.22 Uhr

Klausmann und zehn seiner Kollegen erreichen den Dattler und warten auf ihre Fahrgäste. Die Taxifahrer kennen sich. Gleich herrscht reges Durcheinander auf dem Parkplatz.

Taxlerregel Nummer 1: Wer zuerst kommt, darf zuerst die Fahrgäste aufnehmen. Als die ersten Gäste erscheinen, gehen die Fahrer sofort auf sie zu und begleiten sie zu ihren Taxis.



23.40 Uhr

Sechs Gäste sind bei Klausmann eingestiegen und brausen jetzt die enge Straße am Schlossberg runter. Gehobene Gesellschaft: Die Damen klagen über die "eisige Kälte in Freiburg" und bitten Klausmann, die Heizung aufzudrehen. Er spricht nur kurz mit den Gästen, die sich desweiteren über ein Skigebiet in Frankreich unterhalten.

Nach zehn Minuten erreicht man das Colombihotel. Macht 15,50 Euro. Solche Fahrten mögen Taxifahrer nicht so sehr. Da die Firma den Fahrtpreis im Voraus zahlt, bekommt Klausmann kein Trinkgeld.

23.57 Uhr

Zum Martinstor. Hier ist (gegenüber des Subways) eine Taxistation, bei der alle Autos in einer Schlange stehen. Entweder muss Klausmann warten, bis er in die Pole Position vorgerrückt ist oder man schickt ihn schon vorher woanders hin.

0.23 Uhr

Klausmann erreicht die Pole Position. Drei Männer steigen ins Taxi. Alkoholgeruch. Mit dem Spruch: „So, Mädels, wo soll's denn hingehen?“ empfängt Klausmann seine Gäste. Sie wollen ins Hotel Hirschen in Lehen. Auf der kurzen Fahrt dorthin erfährt man eine Menge über die Männer. Sie kommen aus Heidelberg und machen eine Motorradtour in den Schwarzwald. „Da muss man natürlich in Freiburg haltmachen.“ Der Taxifahrer und seine Gäste führen eine Diskussion darüber, ob Heidelberg oder Freiburg die schönere Stadt ist.



0.30 Uhr

Hotel Hirschen. Die Fahrt kostet 12,70 Euro, die Männer reichen 15 Euro. „Der Rest ist für Sie."

0.31 Uhr

Taxistation in Lehen. Warten. Am Liebsten liest Klausmann ein Buch oder Zeitung, wenn er warten muss. Dabei hört er klassische Musik im Radio.

0.41 Uhr

Klausmann wird zu einem Bowlingcenter ans Eisstadion gerufen.

0.53 Uhr

Wo sind die Fahrgäste? Nach ein paar Minuten kommen vier Männer aus dem Center und steigen ein. Der Geruch von Alkohol und Schweiß steigt einem in die Nase. Björn, einer der Männer, feiert heute seinen 31. Geburtstag. Die Jungs wollen in die Innenstadt zur Markthalle und dort weiterfeiern. Die Laune ist gut.



1 Uhr

Das Geburtstagskind zahlt 9,50 Euro und gibt satte 5,50 Euro Trinkgeld. „Der ist eben in Spendierlaune gewesen. Glückstreffer“, sagt Klausmann.

1.04 Uhr

Wieder die Schlange am Subway.

1. 13 Uhr

Anruf aus der Zentrale. St.Valentin calling.

1.25 Uhr

Nach einer rasanten Fahrt erreicht Klausmann das Wirtshaus im Wald von Günterstal. Hier holt er eine Kellnerin ab, die Feierabend hat und nicht anders nach Freiburg kommt. Ein nettes Gespräch ensteht. Hier erfährt Klausmann, dass die junge Frau studiert, nur zur Aushilfe kellnert und ihren Freund vermisst, der momentan in Australien lebt. Klausmann fährt auf den eher unbefahrenen Straßen immer auf dem Mittelstreifen, knapp 100 km/h.

1.36 Uhr

Klausmann setzt die Frau an derJohanneskirche ab. Für die Fahrt muss sie 13,90 Euro zahlen. Solche Fahrten sind dem Mann am Liebsten. Nett und nüchtern.

1.40 Uhr

Gleich bekommt Klausmann einen neuen Auftrag. Wiehre, Bleichestraße.



1.45 Uhr

Klausmann scheint alle Straßen auswendig zu kennen. Über Schleichwege ist er in fünf Minuten am Ziel. Hier holt er eine junge Frau ab, die ihre Freundin besucht hat und jetzt nach Wildtal will. Während der Fahrt schweigt sie anfangs. Klausmann spricht sie auf ihren Akzent an. Sie sei Albanierin, sagt sie, und studiere in Freiburg. Wieder kommt ein Plausch zustande.

1.58 Uhr

Nach amüsanter Fahrt setzt Klausmann die Frau in der Gundelfingerstraße in Wildtal ab und fährt weiter Richtung Hornusstraße.

2.05 Uhr

Dort muss der Taxler wieder warten. Auch ein Kollege nebendran. Er hat seine Lehne zurückgestellt und döst vor sich hin. „Das ist mir auch schon passiert“, sagt Klausmann. „Ich bin eingeschlafen und habe nicht gehört, dass ein neuer Auftrag kam. Seitdem schlafe ich nicht mehr im Auto sondern versuche, die Zeit anders rumzukriegen.“ Zum Beispiel mit Rauchen.

2.29 Uhr

Neuer Anruf, Klausmann soll zum Gasthaus Goldenen Sternen. Obwohl die Distanz kurz ist, verlängern viele rote Ampeln den Weg.

2.32 Uhr

Ein junger Mann steigt ein und will in die Merzhauserstraße. Er scheint sehr müde und auch etwas angetrunken zu sein. Während der Fahrt ist es still im Auto. Man hört nur den Händel durch die Autoboxen dudeln.

2.41 Uhr

Nächster Auftrag: Die Gaststätte des ESV Freiburg. Hier läuft eine große Party. Klausmann geht ins Vereinsheim und kommt nach kurzer Zeit mit einem Schulterzucken zurück. „Die haben es sich anders überlegt. Das gibt es öfters. Ist aber ziemlich stressig für uns. Sowas nennt man dann eine Fehlfahrt.“



2.55 Uhr

Keine gute Nacht. Bernhard Klausmann macht Feierabend. Er fährt zurück in die Kaiserstuhlstraße und gibt sein Taxi ab. Dort muss er noch die Abrechnung für den Abend machen, dann fährt er nach Hause. „Da hab' ich immerhin noch was vom Samstag, wenn ich jetzt schon ins Bett komme. Ich schlaf bis um 11 Uhr und geh dann noch mit meiner Frau auf den Markt.



Klausmanns schlimmste Fahrt

„Ich saß nachts im Taxi und hatte eine Gruppe von Leuten zwischen 25 und 30 Jahren hinten drin. Einer kam mir schon von Anfang an etwas komisch vor. Ausgerechnet der setzt sich genau hinter mich. Während der Fahrt höre ich plötzlich Würgegeräusche von der Hinterbank. Ich dachte mir nichts weiter dabei, doch dann lief mir etwas den Hals hinunter. Da hatte mit der Kerl doch wirklich genau an den Hals gekotzt.“

...und seine schönste Fahrt

„Eine meiner schönsten Fahrten war erst vor ein paar Wochen. Ich sollte Gäste von einer Hochzeit abholen und nach Hause fahren. Die waren einfach alle so super drauf. Ich hatte soviel Spaß mit ihnen und wollte sie gar nicht mehr aussteigen lassen. Solche Fahrten zeigen mir einfach, warum ich Taxifahrer bin.

Eine anderer schöne Geschichte ist, als ich eine alte Frau zum Einkaufen fuhr. Ich habe mit ihr alle Einkäufe erledigt und ihr danach sogar noch beim Spargelschälen geholfen. Vier Stunden Arbeit, Pauschalpreis pro Stunde: 22,50 Euro.“

Mehr dazu:

fudder.de: Eine Nacht im Hotel
fudder.de: Eine Nachtschicht mit der Polizei