Eine Leiche auf Reisen

Lorenz Bockisch

Schon gewusst,wie man als Philosoph auch nach dem Tod noch für Aufsehen sorgen kann? Als François Marie Arouet, der sich selbst Voltaire nannte, im Jahr 1778 in Paris verstarb, begann für seinen Leichnam eine Odyssee. Da er zu Lebzeiten stets die Katholische Kirche und ihre Deutungshoheit anzweifelte, war es sehr umständlich, ihn auf einem kirchlichen Friedhof zu begraben, auch wenn er schon zu Lebzeiten ein im Volk ungemein beliebter Schriftsteller und Philosoph war.

Im Alter von für damalige Verhältnisse methusalemhaften 83 Jahren fuhr er von seinem Landsitz Ferney bei Genf nach Paris, um dort die Uraufführung seines Stückes Irène beizuwohnen. In dieser Zeit ging es ihm zunehmend schlechter, sein Pariser Arzt schrieb über ihn: “Der alte Kranke ist mit 84 Jahren und 84 Krankheiten gesegnet.“


Nach langer Leidenszeit mit ausuferndem Bluthusten verstarb er am 30. Mai 1778, wie man heute weiß an Prostatakrebs. Doch seine kirchenlästerliche Vergangenheit und die Verweigerung der letzten Ölung, einer ordentlichen Beichte und eines letzten Abendmahles machten es für die Kirchenoberen von Paris unmöglich, ihm eine katholische Beisetzung, geschweige denn eine Totenmesse, zuteil werden zu lassen.

Dennoch wurde Voltaires Körper einbalsamiert, die Innereien in den Pariser Latrinen heruntergespült, Herz und Hirn aber wurden aufbewahrt. Zunächst bestattete man den Leichnam in einem Pariser Vorortkloster, um seine Verbringung auf einem für Ketzer vorgesehenen Schindacker zu verhindern. Die heimliche Reise dorthin fand in einer Kutsche statt, in der der Leichnam in voller Kleidung und mit Pantoffeln und Nachtmütze saß.

 Zu seinem zweiten Todestag ließ König Friedrich II. von Preußen, an dessen Hof Voltaire auch jahrelang gewirkt hatte, im Berliner Dom eine pompöse Totenmesse für ihn ausrichten. Und schon elf Jahre später, die französische Revolution war in ihrem glorreichen zweiten Jahr, exhumierte man  den aufklärerischen Vater der bürgerlichen Revolution und brachte ihn, begleitet von einem ungeheuren Triumphzug, zurück nach Paris. Dort hatte man die Kirche Sainte-Geneviève in eine Panthéon umgewidmet, wo er neben seinem Berufskollegen Rousseau bestattet wurde.

Doch da Frankreich auch danach nicht zur Ruhe kam, buddelten im Jahr 1814 ein paar Royalisten die Gebeine wieder aus. Seitdem sind die sterblichen Überreste verschwunden. Nur das Herz ist noch erhalten, eingeschlossen in den Sockel einer Voltaire-Statue in der Bibliotèque Nationale. Sein Hirn wurde zwischenzeitlich von einem Apotheker gekocht und in ein Marmeladenglas gesteckt. Letzteres ist auch nicht mehr auffindbar.