Eine Freiburgerin hat ein Buch über ihr Auslandsjahr in Thailand geschrieben

Melissa Betsch

"Zwischen Stromaufall und Erleuchtung" heißt das Buch, das Carla Dörr nach ihrem Jahr in einer buddhistischen Community in Thailand geschrieben hat. Im Interview spricht sie über ihre Reise, Selbstfindung und Englischunterricht.

Viele junge Erwachsene machen eine Auslandsreise, weil sie nicht wissen, was sie nach dem Schulabschluss machen möchten oder sich selbst finden wollen. Welchen Grund hattest du, auf diese Reise zu gehen?

Ich hatte auch erst einmal dieselben Gründe. Zudem wollte ich etwas Soziales machen und hatte keinen richtigen Plan, was ich nach der Schule machen soll. Auch habe ich mich total für Asien und für den Buddhismus interessiert. Dann habe ich mich beworben und den Platz dort bekommen.

Was meinst du: Muss man erst ins Ausland reisen, um sich selbst zu finden?

Ich denke nicht, dass das ein Kriterium dafür ist und würde wahrscheinlich auch nicht sagen, dass ich mich dort gefunden habe. Dennoch würde ich schon behaupten, dass es eine große Bereicherung ist. Inzwischen ist ja oft ein gewisser Druck da, dass man weggehen und etwas möglichst Exotisches machen soll. Für eine soziale Tätigkeit muss man aber nicht unbedingt ins Ausland. Es gibt auch hier total viel, was man dazu machen kann.

Warum ist dieser Selbstfindungstrip fast immer eine Reise nach Südostasien?

Ich würde mein Auslandsjahr nicht als Selbstfindungstrip bezeichnen. Ich glaube es ist sehr schwer zu sagen, dass man sich unbedingt finden will, wenn man eigentlich gar nicht genau weiß, wonach man sucht. Mich selbst hat es nach Thailand gezogen, weil ich davor bereits zwei Mal mit meiner Familie dort war und deswegen schon einen Bezug zu dem Land hatte und weil mich der Buddhismus interessiert hat, der eben nur dort in dieser Ecke so intensiv gelebt wird.

Das Ganze wird oft mit Spiritualität in Verbindung gebracht. Ist das deiner Meinung nach berechtigt?

Also an dem Ort, an dem ich war, ist das ein ganz großes Thema, da die sogenannte Asoke eine streng buddhistische Selbstversorger-Community ist, in der auch Mönche leben. Dadurch bin ich ständig in Kontakt damit gekommen. Buddhismus wird oft nicht als Religion, sondern als Philosophie oder Lebensweise gesehen, daher habe ich das als sehr offen erlebt.

Ist es problematisch, dass wohlhabende Menschen aus dem Westen in arme östliche Länder reisen?

Durchaus! Ich fand es immer ein bisschen fragwürdig, ob die dort wirklich so viel von uns gelernt haben. Meiner Meinung nach habe ich unglaublich viel bekommen, also denke ich, dass es ein kultureller Austausch war. Wenn ich das so betrachte, dann ist das für mich stimmig. Aber ich kann nicht sagen, dass ich dort hingegangen bin und den armen Leuten ganz viel gegeben habe. Das finde ich sehr kritisch, denn da wird man auf jeden Fall enttäuscht, wenn man diesen Anspruch hat.

Was ist der Freiwilligendienst genau?

Das ist sehr unterschiedlich. Bei ganz vielen Stellen unterrichtet man Englisch, bei anderen übt man Hausmeistertätigkeiten aus oder ist in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. Man arbeitet ein Jahr lang, das anerkannt ist wie ein FSJ, bekommt ein kleines Taschengeld und ist in eine Gemeinschaft eingebunden.

Warum hast du dich gerade für die Asoke entschieden, in der du gelebt hast?

Die Organisation, die mir das vermittelt hat, bot nicht so viele Stellen in Thailand an. Ich habe mir die jeweiligen Beschreibungen durchgelesen und fand es toll, dass sie ökologische Landwirtschaft betreiben, was in Thailand wirklich außergewöhnlich ist. Es hieß auch, dass man dort nicht nur den ganzen Tag in der Schule arbeitet, sondern auch in das Dorfleben mit eingebunden ist, also bei der Ernte hilft oder Produkte herstellt. Das fand ich spannender und vielseitiger, weil ich auch nicht genau wusste, ob mir das Unterrichten liegt.

Wie kamst du auf die Idee, ein Buch über deine Reise zu schreiben?

Wenn man den Freiwilligendienst bei der Organisation macht, bei der ich war, muss man erst einmal einen Unterstützerkreis, bestehend aus beispielsweise Verwandten und Firmen, aufbauen, der einen am Anfang finanziert. Um denen etwas zurückzugeben habe ich einen Blog geschrieben, zu dem dann auch noch ganz viele weitere Texte und Fotos hinzugekommen sind. Zu meinem Blog haben sie mir ganz viele tolle Rückmeldungen gegeben und gefragt, ob es nicht die Möglichkeit gibt, ihn irgendwie in der Hand halten zu können. Dann habe ich verschiedene Verlage angeschrieben und den traveldiary-Verlag gefunden, der mich sofort veröffentlichen wollte.

Ist dir das Schreiben leichtgefallen?

Ich habe das ehrlich gesagt ziemlich unterschätzt. Dadurch, dass ich das meiste als groben Entwurf vor Ort geschrieben habe, konnte ich mich an viele Sachen noch gut erinnern und habe zum Teil auch in meinen Tagebüchern noch einmal nachgeschaut. Aber es ist wirklich viel Fleißarbeit. Manchmal liest man eine Seite fünf Mal und findet immer noch Fehler, das ist dann ziemlich frustrierend. 2015 habe ich damit angefangen, also waren es fast drei Jahre Arbeit, bis es fertig war.

Was hast du dir von deiner Reise erhofft?

Ich habe eigentlich versucht, wenige Erwartungen zu haben. Ich wollte erst einmal selbstständig werden und auf eigenen Füßen stehen, denn ich habe ja bis dahin bei meinen Eltern gewohnt. Ich habe gehofft, mal etwas anderes zu sehen, ein bisschen über den Tellerrand zu schauen und wirklich tief in eine andere Kultur einzutauchen, nicht nur oberflächlich als Tourist.

Welche Erfahrungen sammelt man dabei?

Natürlich sehr viele. Oft sind es gar nicht so sehr die großen Sehenswürdigkeiten, die einem in Erinnerung bleiben, sondern viel mehr kleine zwischenmenschliche Begegnungen, die besonders oder absurd waren und die ich auch in meinem Buch festhalte. Denn die Sehenswürdigkeiten kann sich jeder im Internet anschauen, das berührt einen oft nicht wirklich.
Die Freiburger Autorin Carla Dörr ist 21 Jahre alt und lebt, wenn sie nicht gerade auf Reisen ist, momentan in Konstanz, wo sie Psychologie studiert. "Zwischen Stromausfall und Erleuchtung" ist seit Oktober 2017 für 16,80 Euro im Buchhandel oder unter carlainthailand@yahoo.com erhältlich.