Getötete Joggerin bei Endingen

Ein "Seher" äußert sich zum Fall Carolin G.

Patrik Müller

Der "Seher" Michael Schneider hat sich in den Endinger Mordfall eingeschaltet: Er sagt, dass er Dinge sieht, die andere nicht sehen – nicht nur die Polizei ist skeptisch.

Sein Finger bewegt sich über die Karte, kreist über Flüsse, Städte, Wälder. Blaue Linien, rote Punkte, grüne Flächen. Dann verharrt der Finger. Hier. In diesem Wäldchen liegt sie: Carolin G. Die 27-jährige Endingerin, die vom Joggen nie zurückkehrte. Am Sonntag lief sie los, am Donnerstag entdeckte die Polizei ihre Leiche. Am Montagabend, sagt Michael Schneider, hätte sie sie finden können, hätte sie auf ihn gehört.


Auf den Seher.

So nennt er sich. Andere halten ihn für einen Spinner, der im Privatfernsehen und in Klatschmagazinen zu sehen ist. Sie sagen, dass er ein Scharlatan sei, der Aufmerksamkeit und Geld wolle. Schneider sagt: "Mit der Suche nach Vermissten habe ich noch nie Geld verdient. Ich betone immer, dass Belohnungen an den Weißen Ring gespendet werden sollen." Er fügt an: "Ich würde es selbst nicht glauben, wenn ich diese Gabe nicht hätte."

Seher Schneider kann eine Nervensäge sein

Michael Schneider, der 1970 geboren wurde und im nordrhein-westfälischen Siegburg lebt, kennt sich aus mit Ermittlungsarbeit. Früher berichtete er als Polizeireporter über Kriminalfälle, das betont er bei fast jedem Telefonat. Er telefoniert viel: mit Menschen, die Angehörige suchen und verzweifelt sind. Mit Journalisten, die neugierig sind. Und mit Polizisten, die misstrauisch sind oder genervt, weil sie nicht wissen, was sie von diesem Typen halten sollen, der sich in ihre Arbeit einmischt.

Telefongespräche mit Schneider dauern. Selten ist er es, der sie beendet. Seine Mails sind lang und haben viele Absätze. Schneider kann eine Nervensäge sein. Er kann auch recht haben. "Ich weiß, das klingt spooky und scary", sagt er. "Aber es ist, wie es ist."

Auf eine Stelle zwischen Endingen und Bahlingen hingewiesen

Montag, 7. November, 20.30 Uhr. Schneider bekommt eine Mail, eine Frau schreibt ihm. Sie kenne die Familie nicht persönlich, schreibt sie, wolle aber helfen. Sie hängt Fahndungsfotos an, Schneider greift zu einem zerfledderten Falk-Plan. Der Maßstab ist groß, 1:200 000, er öffnet Google Maps. "Ich bin sehr gottgläubig, ich verbinde mich mit oben", erzählt er ein paar Tage später am Telefon. "Wenn ich eine Karte sehe, bleiben mein Finger und mein Auge stehen." Klick. Mit der Maus markiert er eine Stelle zwischen Endingen und Bahlingen.

Er ruft die Freiburger Polizei an, um 21.59 Uhr schickt er einem Beamten eine Mail. Er bedankt sich für das offene Ohr, schickt Koordinaten und bittet darum, auch in einem gewissen Umkreis zu suchen, vor allem entlang der Wege. "Der Polizist hat gesagt: Oh, das ist ja der Bestattungswald", erzählt Schneider. "Er sagte: Da schicke ich ein paar Leute hin." Die Polizei fährt tatsächlich vorbei. Sie findet: nichts. Und entdeckt die Leiche drei Tage später in einem anderen Waldstück, wenige hundert Meter entfernt.

Für Polizist Walter Roth sind die Angaben zu wenig

Für Schneider, den Seher aus Siegburg, mehrere hundert Kilometer vom Kaiserstuhl entfernt, ist das ein Volltreffer. Für einen Polizisten ist es wenig.

Walter Roth ist Pressesprecher bei der Polizei in Freiburg. Er und Schneider haben telefoniert und sich Mails geschrieben. Sie sind keine Freunde. "Wir stellen uns jetzt mal vor, dass wir Personen sind, die behaupten, Seher zu sein", erklärt Roth. "Wir wissen, dass eine Frau vermisst wird. Wir wissen aus den Medien in etwa, wie lang ihre Joggingstrecke war. Auf der Landkarte sehen wir vor allem Felder und Reben. Läge sie dort, hätte man sie aus der Luft entdeckt. Zwei Möglichkeiten bleiben übrig: Wasser und Wald." Der Polizist zählt auf: Erleweiher und Krötenweiher, beide in Endingen, beide in der Nähe von Häusern. "Ein schlechter Ort, um eine Leiche abzulegen", sagt Roth. "Also bleiben zwei Waldstücke übrig, beide am Rand einer gedachten Laufstrecke. Der Seher hat eines davon genannt – und lag daneben."

Zwei Welten prallen aufeinander. Die der Beamten, die Fakten und Beweise brauchen und ihre Spuren nummerieren. Und die des Sehers, der erklärt, dass er Dinge weiß, die er eigentlich nicht wissen kann. "Herr Roth sagt, ich hätte mir alles erschließen können", sagt Michael Schneider. "Aber wieso hat die Polizei die Frau dann nicht früher gefunden?"

Er ist nicht der Erste, der sich als Seher in Kriminalfälle einschaltet. Es gibt ein Fremdwort dafür: Kriminaltelepathie.

Behörden schweigen aus ermittlungstaktischen Gründen

Der Experte forscht in Freiburg: Uwe Schellinger arbeitet im Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP), die Institutsräume liegen im Sedanviertel, in der Wilhelmstraße. Die Wissenschaftler beschäftigen sich mit außer- und übersinnlichen Wahrnehmungen und Menschen, die diese haben oder zu haben glauben. Schellinger leitet das Archiv, er ist Historiker – und hat sich viel mit Kriminalfällen beschäftigt, bei denen Seher eine Rolle spielen. "Bei jedem größeren Fall werden Sie früher oder später Meldungen finden, in denen es um die Mitwirkung von Hellsehern geht." Er sagt auch: "Man kann nicht ausschließen, dass es Leute gibt, die Treffer landen."

Der Zeitraum, den Schellinger untersucht hat, ist etwa um das Jahr 1980 zu Ende. Das hat mehrere Gründe. Einer ist, dass die Ermittlungsbehörden in den vergangenen Jahrzehnten verschlossener wurden, was die Zusammenarbeit mit Sehern angeht. Schellinger erzählt von einer Kollegin, die im Jahr 2004 Fragebögen an 16 Landeskriminalämter verschickt hat. Die Zahl der Rückmeldungen war dürftig, eine Behörde erklärte ihr Schweigen mit ermittlungstaktischen Gründen.

Michael Schneider fühlt sich ungerecht behandelt

Das Thema ist heikel: Hellseher bringen Ärger. Wenn sie recht haben, sind sie die Stars. Wenn sie sich irren, drohen interne Untersuchungen, falls die Ermittler auf sie gehört haben. Das merkte die Polizei in Südbaden nach der Jahrtausendwende bei einem Mordfall, der Schlagzeilen machte: Im Mittelpunkt stand ein Mann aus Wehr, der seine Frau und seine Tochter getötet hatte. Die Beamten hielten diese zuerst für vermisst. Ein Ermittler soll auf eine Wahrsagerin gehört haben und Beweise gefälscht haben, um das zu verschleiern. Die Geschichte ließ die Polizei nicht gut aussehen, im Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel erschien ein Text mit dem Titel "Das Medium und der Polizist".

Michael Schneider fühlt sich ungerecht behandelt. "Die wollen nicht zugeben, dass ein Seher den Hinweis gegeben hat", sagt er. Das ist auch der Grund, warum er sich an die Presse gewandt hat. "Ich will die Polizei wirklich nicht anpinkeln, ich bin für die Polizei", sagt er. "Ich habe auch mehr Misserfolge als Erfolge. Aber manchmal finde ich die Stecknadel im Heuhaufen – und die Polizei hat nicht mal den Heuhaufen."

Mord und Totschlag faszinieren

Auf seiner Webseite listet er Fälle, in denen er Tote fand und Täter. Im Jahr 2000 fängt es an: Schneider ist Polizeireporter, berichtet über die Flucht eines Sexualstraftäters aus dem Maßregelvollzug. Er wartet auf einen Interviewtermin mit dem Einsatzleiter, guckt auf eine Lagekarte. Sein Auge fällt auf den Ort Postbruch. "Der Ortsname", schreibt Schneider, "löste schon beim Lesen in mir das Gefühl aus, dass er etwas mit dem Fall zu tun haben könnte." Tage später erschlägt der Flüchtige dort einen Mann.

Mord und Totschlag faszinieren. "Das hängt mit der entsprechenden emotionalen Aufladung von solchen Fällen in der Berichterstattung zusammen – und damit, dass diese die Fantasie vieler Menschen beschäftigt", sagt Eberhard Bauer. Er ist Psychologe am Freiburger IGPP, war Assistent des Institutsgründers Hans Bender und leitet das Beratungsteam des Institutes – dort können, unter anderem, Leute anrufen, die Gespenster gesehen haben.

Oder Tote. Ab und zu melden sich Menschen und erzählen von Kriminalfällen, schildern Träume und Ahnungen – oder erzählen, das Leiden der Opfer nachempfinden zu können. "Das sogenannte Übersinnliche fasziniert die Menschen seit jeher", sagt Bauer. "Es ist eine Art Spiegel für die großen Menschheitsfragen und -dramen: Gibt es ein Jenseits oder ist mit dem Tod alles aus? Gibt es eine verborgene Wirklichkeit, die den üblichen Sinnen entzogen ist? Gibt es außergewöhnliche Erfahrungen oder paranormale Phänomene wie Telepathie, Hellsehen oder Spuk?" Bauer hört zu, sagt aber auch, dass solche Eindrücke immer mit rationalen Methoden nachgeprüft werden müssen: "Sie bieten kein zuverlässiges, belastbares Wissen."

Schneider äußert sich auch zum Freiburger Fall

Da sind sie sich einig: Bauer, der Wissenschaftler. Roth, der Polizist. Und Schneider, der Seher, der zugibt, dass er sich irrt, der aber will, dass andere es zugeben, wenn er sich nicht geirrt hat.

Schneider liefert der Polizei früh Informationen, die sich kurz darauf bestätigen: Die Joggerin ist tot. Der Fahrer eines weißen BMW, der kurzzeitig im Visier der Ermittler ist, hat nichts damit zu tun. Er äußert sich auch zum Freiburger Fall: Der Mörder der Studentin Maria L., die in der Nähe des Stadions getötet wurde, halte sich oft in Herdern auf – dort liegt der Hörsaal, in den später eine Spur einen Polizeihund führt. "Die Polizei sagt, ich zähle eins und eins zusammen. Wenn es sich als richtig herausstellt, sagen sie: Ja, das hatten wir auf dem Schirm."

Er nennt auch einen Ort, wo der Mörder von Carolin G. zu finden sei, eine Straße in einem Kaiserstuhldorf. Er bleibt zunächst vage, er wolle keinen Rufmord begehen, wie er sagt; später schildert er Details. Die Polizei kann nicht viel mit seinen Ahnungen anfangen. "Er soll doch sagen, wer es ist", sagt Polizist Roth. "Ich bin der Erste, der sich revidiert."

Die Polizei nimmt jeden Hinweis ernst

Schneider ist nicht der einzige Nichtpolizist, der sich in die aktuellen Fälle eingeschaltet hat, mehrere Leute haben den Beamten Lagepläne und Tathypothesen zugeschickt. "Einige machen sich eine Wahnsinnsmühe", sagt Roth. "Es hat uns aber noch kein privater Profiler ein Szenario geschickt, das wir noch nicht angedacht hatten." Die Polizei nehme jeden Hinweis ernst, sagt er. Er könne sich durchaus vorstellen, dass sich die Ermittler auch eine "geträumte" Fundstelle ansehen, wenn es einen Bezug zur Tat gebe, wenn es im Verhältnis stehe. "Irgendwo ist eine Grenze."

Michael Schneider weiß, wie unglaublich seine Geschichte klingt. Er könne die Skeptiker verstehen, sagt er. "Muss man immer alles beweisen? Ich bin gottgläubig, kann Ihnen Gott aber auch nicht beweisen." Horoskope, sagt er dann noch, finde er übrigens unseriös.
Kriminaltelepathie in Deutschland

Minna Schmidt war eine der Ersten. Die Frankfurter "Wahrträumerin" sagte der Polizei im Jahr 1921 tatsächlich, wo die Leichen zweier vermisster Bürgermeister zu finden waren, die von einem Spaziergang in den Wäldern um Heidelberg nicht zurückgekehrt waren. Andere Seher hatten weniger Erfolg, obwohl sie sogar okkulte Detektivbüros eröffneten. Im Jahr 1929 verbot das Preußische Innenministerium seinen Ermittlern sogar, Hellseher zu konsultieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte die Kriminaltelepathie wieder auf: Der Freiburger Psychologieprofessor Hans Bender, der Gründer des Freiburger Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP), bekam 1953 den Auftrag der Staatsanwaltschaft Baden-Baden, Seher für die Suche nach dem Opfer eines Verbrechens bei Gaggenau unter die Lupe zu nehmen. Bender war skeptisch: Obwohl einige Seher Treffer erzielt hatten, mahnte er zur Vorsicht – und warnte vor dem gemeingefährlichen Treiben selbsternannter okkulter Detektive. In den 70er-Jahren war der Belgier Gérard Croiset einer der bekanntesten Hellseher. Er bekam im Jahr 1977 Besuch von zwei Sonderermittlern, die ihn zum Fall des verschwundenen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer befragten. Wochen später erschien in Der Bunten ein Artikel mit dem Titel "Ein Hellseher sah Schleyers Versteck". Welche Tipps Croiset gab, ist unklar. Jahre später soll einer der Sonderermittler gesagt haben, dass Schleyer hätte gerettet werden können – hätte man auf den Seher gehört.

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