Ein Nachmittag im Pianohaus Lepthien

David Weigend

Merkwürdige Nachbarn in der Hildastraße: Arenabar, Metzgerei Kindle, Pianohaus Lepthien. In letzterem empfängt die musikalischen Kunden Heiner Sanwald, sehr höflich und mit einem Schuss Restpfälzisch in der Mundart. Uns hat er einiges erzählt. Eine Reportage.



Wie in Öl

Ein recht bekannter Kabarettist aus Freiburg betritt das Pianohaus. Er will ein Klavier kaufen. Alle wollen das hier. Manche auch einen Flügel, aber dazu später. Der Kabarettist will ein Klavier für seine Schwiegermutter. Heiner Sanwald, der Chef, zeigt ihm das Pfeiffer im Untergeschoss. Der Kabarettist spielt drei, vier Akkorde. Dann sagt er: „Schwerer Anschlag. Wie, wenn das in Öl liegen würde.“ „Ja, wie wenn’s in Öl liegen würde“, sagt Sanwald, der Klavierverkäufer. Er hat die Eigenart, öfters den letzten Satz seines Kunden zu wiederholen.

Sanwald setzt sich ans Steingraeber nebendran und spielt ein paar Takte der Moldau. Mit viel Hall, das rechte Pedal durchgedrückt. Der Kabarettist, der vis à vis noch größer wirkt als auf der Bühne, sagt: „Das Pfeiffer hat ein bisschen dunkleres Timbre als das Steingraeber. Das gefällt mir.“ „Ja, genau, Matthias“, sagt Sanwald. So kommt das zustande, was der Kabarettist „veritables Kaufinteresse“ nennt.



Ein Bechstein für Kissin

Wenn man wissen will, wie ein Klavierkauf zustande kommt, sollte man Heiner Sanwald einen Nachmittag lang über die Schulter schauen. Das ist nicht weiter schwer. Sanwald ist etwa 1,70 Meter groß und so freundlich, dass er einem schon beim Erstkontakt den Arm um den Rücken legt. Der 59-jährige Klavierbaumeister aus Kaiserslautern führt mit seiner Frau Rotraut das Pianohaus Lepthien in der Hildastraße seit 1974.

Wenn man all die Pianistenhände listen wollte, die Sanwald in den vergangenen 34 Jahren geschüttelt hat, würde das länger dauern als die Schubert-CD, die er einem zum Abschied mitgibt (Spielzeit: 1:12:20): „Hier, kennen Sie den Kissin? Unglaublicher Mann. Mit dem hab ich auch schon zusammen aufgenommen.“

Später erzählt Sanwald, er habe dem Evgeny (Kissin) 1981 auch mal ein Bechsteinklavier mitgebracht, in seine Pariser Wohnung. „Da gibt’s Bilder, wo wir das Klavier anliefern in unserem kleinen Anhängertransporter. Kissin kommt begeistert runter, geht aufn Wagen, setzt sich hin, spielt und wir tanzen auf der Straße.“



Top 3

Direkt über dem Geschäft liegt die Wohnung Sanwalds. Natürlich stehen darin auch Instrumente. Sein Meisterstück, das Pfeifferklavier von 1970. Außerdem ein Pleyelklavier, das gleiche Modell, das Chopin während seines Aufenthalts 1838 in der Kartause von Valldemossa gespielt hat. Dort hatte sich Chopin, von Kälte und Tuberkulose geplagt, nicht besonders wohlgefühlt, aber immerhin oder vielleicht gerade deshalb seine 24 Préludes niedergeschrieben. Und manchmal setzt sich Sanwald auch an seinen Blüthnerflügel, aber nicht in der Mittagspause, da macht er lieber ein Nickerchen.



Klang und Kunden

In Sanwalds Welt ist es Filz auf Stahl, der da schlägt. Dieser Schlag löst Emotionen aus. „Das kann das Virtuosentum eines Alfred Brendel sein, der hier auch schon unterrichtet hat; das kann aber auch ein einfaches Volkslied sein; letztlich ist es doch fantastisch, was da an Differenzierung möglich ist“, sagt Sanwald nach der zweiten Tasse Kaffee.

Differenzieren sollte man auch bei den Kunden, die ins Pianohaus kommen. Am Samstag vor zwei Wochen, um 9.30 Uhr, war ein Mann da, der seiner Frau zum Hochzeitstag ein Klavier schenken wollte. Sein Budget lag zwischen 10.000 € und 26.000 €. Sanwald klebte die Namensschilder und Preisetiketten von acht Pianos ab, mit Pappe. Die Frau probierte eine gute Stunde alle acht aus. Sie führte eine Strichliste um den Klang zu ermitteln, der ihr am besten gefiel. „Es wurde dann ein Bechstein für 23.000.“

Das Sekundenfragment sei das Entscheidende, sagt Sanwald. „Beim Klang des Klaviers ist es wie bei einem Bild. Man schaut es an und weiß meist sofort – das gefällt mir oder das gefällt mir nicht.“

Vor einem Monat kam ein Vater mit Einkaufstüten ins Geschäft und sagte: „Wir waren eigentlich nur grad beim Kindle nebenan, Lyoner kaufen. Aber jetzt wollen wir für unseren Kleinen auch ein Klavier holen. Soll schon was Ordentliches sein. Was für 27.000 €, für den Anfang.“



Extravaganz und Luftfeuchtigkeit

Es soll hier kein falscher Eindruck entstehen. „Unser Klientel ist sehr verschieden“, sagt Erwin Retlich, der im Pianohaus arbeitet und während des Zeltmusikfestivals als Chefstimmer am Mundenhof fungiert. Natürlich mieten sich bei Lepthien auch Bafög-Studenten ein E-Piano. Aber man kann hier eben auch den Steinway-Flügel für 85.000 € erstehen, Pyramiden-Mahagoni oder im Udo-Jürgens-Look, ganz in weiß. „Über das Steinway Finanzierungs-System informiert Sie Ihr Fachhändler gern ausführlich“, heißt es im Prospekt.

Er liegt aus bei einer Luftfeuchtigkeit zwischen 45 und 55 Prozent. Die ist „zwingend erforderlich“ wegen der richtigen Stimmung der Instrumente. Dies ist übrigens auch etwas, mit dem Sanwald und seine 12 Mitarbeiter Geld verdienen: „Wir machen etwa hundert Stimmungen pro Woche.“



Hämmern für Lang Lang

Sanwald stimmt auf der ganzen Welt und auch für die Klassikprominenz. Zum Beispiel auf dem Internationalen Kammermusik-Festival in Jerusalem, bei dem er auch diesen Sommer wieder zu Gast sein wird. Das muss man sich etwa so vorstellen: Daniel Barenboim und Lang Lang wollen die D-Dur-Sonate von Mozart zu vier Händen spielen.

Lang Lang ("der chinesische Wunderpianist", DIE ZEIT) kommt, spielt, äußert Wünsche über Intonation und Regulation. Er sagt: „Das Instrument spricht mir zu schnell an, es soll heller klingen. By the way, was schlagen Sie vor: Sollen wir den Flügel verschieben, vielleicht kommt der Klang dann besser?“

Sanwald drückt Lang Lang dann ein Stück Kreide in die Hand. Der Pianist markiert auf manchen der 88 Tasten, ob ihm der Ton zu hart ist, zu weich oder ob er klirrt.

Sanwald packt dann Stimmhammer, Keile und die Intoniernadel aus und macht zwei Stunden Feintuning. Er bearbeitet den Hammerkopf, die akustische Anlage, die Saiten. Und nach dem Konzert, wenn sich Lang Lang seinen gewohnt großzügigen Beifall abholt, macht er auch eine kleine Verbeugung zum Flügel hin. Dann weiß Sanwald, er hat mal wieder alles gestimmt.