Ein Mädchen, das nicht anders kann: Lisa Kränzlers Roman 'Export A'

Philip Hehn

"Wann meine Unruhe begann, ist nicht mehr auszumachen", sagt die jugendliche Protagonistin von 'Export A', dem Debütroman der Freiburger Autorin Lisa Kränzler. fudder-Autor Philip hat das Werk für uns gelesen:



„Export A“ beschreibt das Highschooljahr einer 16-Jährigen aus gutem süddeutschem Hause im eisigen Norden Kanadas. Gierig versucht die Protagonistin, die ebenfalls Lisa heißt, frei von der erdrückenden Fürsorge und den Anforderungen ihrer Eltern, das Maximum an Erfahrungen und Freiheit in die wenigen Monate zu packen.


Orientierungslos expandiert Lisa in das vorgefundene Sinn- und Autoritätsvakuum. „Verängstigt und todesmutig“ sucht sie Gefahren, um sich ihrer selbst zu vergewissern, will endlich ihren Willen durchsetzen, das Heft in die Hand nehmen. Sie strebt nach Höherem, Aufregenderem, versucht, ihren „Heißhunger nach Leben“ zu stillen. Lisa ist gleichzeitig gehetzt und gelangweilt, denkt und sucht rasend, die Rückkehr nach Deutschland bedrohlich vor Augen. „Meine eigene Lebendigkeit drohte, mich in den Wahnsinn zu treiben,“ beschreibt Lisa. „Es ist keine Zeit da, zu verarbeiten, und kein Platz, sich zu entfalten,“ sagt Kränzler.

Immer wieder läuft Lisa vor Wände. Eisige Kälte hält sie im Haus gefangen, der Gang ins Freie wird zur lebensgefährlichen Expedition. Ihre Suche nach Geborgenheit in einer weniger fordernden „Ersatzfamilie“ endet desillusionierend, ihre Erfahrungsgier bringt sie in Lebensgefahr. Sie findet keine Worte und keinen Ansprechpartner für das, was sie umtreibt, es wäre auch sinnlos: „Lisa ist auf der Suche nach dem „perfekten Moment“. Dieser Moment kommt ohne Sprache aus,“ sagt Kränzler.

In dem Maße, in dem das Ende des Kanada-Aufenthaltes näherrückt, steigert sich Lisas Rücksichtslosigkeit und Verzweiflung. Frustriert und gehetzt von widerstreitenden Bedürfnissen läuft Lisa nach dem Anfang mit Knutschen, Weichdrogen und Chaos-WG in einer Serie von Eskalationen dramatisch aus dem Ruder, versucht, sich im Exzess zu vergessen und die Räder im Kopf zum Stillstand zu bringen. „Am Anfang ist dieses Hineinstürzen in die Erfahrungen mit einer Hoffnung verbunden. Und diese Hoffnung geht ihr verloren,“ sagt Kränzler. Zwischen Kanada und Lisas Persönlichkeit ist kein konstruktives Wachstum möglich.

Kränzler erzählt Lisas Geschichte als umfassenden Unschuldsverlust. Mit Deutschland hat Lisa die Kindheit hinter sich gelassen. „Kanada war der Katalysator, der das alles ermöglicht hat,“ sagt Kränzler. Die Perspektiven der 16-jährigen Lisa und der sich mit Mitte 20 erinnernden Lisa fließen ineinander und machen das Buch auch zum Labor der Rückbesinnung und Verarbeitung. Die Ereignisse haben Lisa nicht losgelassen. „Über die Jahre dazwischen weiß man nichts. Was man weiß ist, dass sie irgendwann entscheidet, es aufzuschreiben. Und vielleicht ist das das Letzte, was ihr noch einfällt,“ sagt Kränzler und will die Namensähnlichkeit zwischen sich und ihrer Protagonistin nicht überbewertet sehen.



„Das wichtigste ist der Standpunkt. Es ging mir darum, beim Schreiben einen Standpunkt zu finden, der einerseits distanziert ist, aber auch so nah dran wie möglich. Es reicht eben nicht, zu sagen „da ist eine Wolke“ oder ein Wolkenband oder ein Wolkenhaufen, sondern man muss auch die Möglichkeit haben, in der Wolke zu sein. Und in der Wolke sind nunmal nur einzelne kleine Wassertröpfchen, von innen sieht es völlig anders aus als von außen. Zwischen diesen beiden Standpunken springe ich hin und her. Der Name verdeutlicht den Standpunkt: Dass es eine größtmögliche Nähe, aber auch eine Entfernung geben soll. Lisa ist einfach ein gängiger Frauenname mit L. Für mich ist 'Kränzler' viel mehr das, was ich bin ...“

Lisa versucht immer wieder, Sinn in das Gewirr von Schmerz und schließlich Schuld, in dem sie sich verstrickt, zu bringen. Der beruhigende, aber kindliche, magisch-sinnliche Katholizismus, den sie mitgebracht hat, passt nicht mehr zu ihren Erfahrungen. An seine Stelle treten Höllenvisionen und ein strafender Gott. Die Möglichkeit einer Absolution kann Lisa sich nicht vorstellen. „Gott zeigt sich Lisa auf jeden Fall von seiner alttestamentarischen Seite,“ sagt Kränzler.

„Es geht um Glaube, um Glaubensverlust, nicht darum, eine Religion an den Pranger zu stellen ...  Wenn man in einem Glauben großgezogen wird, wann fängt man an, ihn zu hinterfragen, und was passiert dann? Hört man einfach auf zu glauben, oder stürzt man in eine Krise?“ Nur eine Bildersprache gibt die Religion Lisa, um sich dem Unsagbaren zu nähern, keine Antworten. Von Gott ist in Lisas Metaphysik keine Gnade zu erwarten.

Aus der Angst sinkt Lisa in die Hoffnungslosigkeit. Ist Lisa in der Hölle? „Zum Teil ja. Sie strampelt. Das ist ja eine Höllenvorstellung, man bemüht und bemüht sich und es geht nicht weiter. Es gibt dieses Bild im Buddhismus, das Rad des Leidens, das sich immer weiterdreht und aus dem man nur entkommen kann, indem man die Buddhaschaft erlangt. Aber davon sind alle Personen in diesem Buch weit entfernt“ sagt Kränzler und lacht.

Eine erbauliche Parabel ist „Export A“ nicht, Lisa bleibt schwer verwundet zurück. „Das Buch bietet keine eindeutige Antwort. Ich glaube auch nicht, dass es eine gibt,“ sagt Kränzler. Es wird keine „richtige“ Sichtweise ausbuchstabiert. „Export A“ ist, nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Einfühlsamkeit, wuchtig und düster.

Lisas emotionales Chaos und ihre widersprüchlichen Impulse werden von allen Seiten beleuchtet, aber die Reflexion bringt keine Distanz und keine Lösung. Kränzler beschreibt Figuren und Umwelt, Lisas verzweifelte Suche nach einem Weltbild, das alles erträglich macht, ihr Kreisen um sich selbst, ihr Schlingern zwischen unstillbarer Sehnsucht, unerfüllbaren Ansprüchen, unerträglichem Schmerz mit großartiger sprachlicher Effizienz und Effektivität und ohne Rührseligkeit.

Lisa Kränzler
Export A
Verbrecher Verlag
ISBN-13: 978-3943167030
265 Seiten
21 Euro

Zur Person

Lisa Kränzler, Jahrgang 1983, ist Absolventin der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Karlsruhe. Sie lebt in Freiburg. „Export A“ ist ihr erster Roman.  

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