Drogen, Raub und Mord

Ein Jurist aus Freiburg forscht in der gewalttätigsten Stadt Brasiliens

Christian Engel

Sieben Monate verbrachte der Freiburger Jura-Doktorand Cléssio Moura de Souza in Maceió: Er erlebte die Drogenmafia hautnah, wurde ausgeraubt – und berichtet nun darüber in einer Ausstellung.

Als die Männer ihre Pistolen hervorholen und auf seinen Bauch zielen, wird Cléssio klar: Aus der Nummer kommst du nur raus, wenn du ihnen gibst, was sie wollen. Er lässt sich ins Gesicht schlagen, geht zu Boden, spürt, wie sie seinen Rucksack vom Rücken streifen, den Geldbeutel aus der Hosentasche ziehen. Als er den Kopf vom Bordstein hebt, sieht er die beiden jungen Männer auf einem Motorrad verschwinden.


Etwas Ironie steckt ja in dieser Szene: Cléssio Moura de Souza ist an jenem Augustabend 2013 bereits seit sieben Monaten in Maceió. In der Stadt im Nordosten seiner brasilianischen Heimat forscht er für seine Doktorarbeit, bald soll es zurückgehen nach Freiburg. Genügend Material hat er gesammelt, seine Dissertation handelt von: Jugend und Gewalt in Maceió. Bei jenem Überfall erlebte er sein Thema am eigenen Leib.

Die Gewalt ist in der Millionenstadt allgegenwärtig: auf den Straßen, in Gassen, in Zeitungsberichten über Raub, Vergewaltigung, Mord. Als der Jurist für seine Feldforschung nach Maceió aufbrach, galt sie als gewalttätigste Stadt des Landes, weltweit auf Platz fünf. Die Gründe dafür sind schnell gefunden: hohe Arbeitslosigkeit, wenig Bildung, kaum Perspektive – und vor allem Drogen.

90 von 100 000 Einwohnern werden jährlich erschossen

Marihuana, Crack, Kokain: Die Jugendlichen und jungen Männer (selten Frauen) konsumieren es, dealen damit, bringen sich gegenseitig dafür um. "Bocas" werden die Orte genannt, an denen mit Drogen gehandelt wird; Bocas heißen aber auch die Banden, die in dem Geschäft tätig sind. Manche sind größer, manche kleiner. Jeder hat sein Territorium, will es verteidigen oder vergrößern. Das geht nur mit Gewalt, in der Regel mit Pistolen. Von 100 000 Einwohnern werden jährlich 90 mit einer Schusswaffe getötet. Die Täter (und Opfer) sind meistens zwischen 14 und 24 Jahre alt.

Für seine Dissertation am Max-Planck-Institut für internationales Strafrecht in Freiburg wollte Moura de Souza drei Dinge ergründen: Woher kommen die gewaltbereiten jungen Männer? Was erleben sie auf der Straße? Was geschieht mit ihnen nach der Straftat? 24 Interviews führte er mit Insassen mehrerer Gefängnisse. Was sie einte: Armut und keine schulische Bildung.

25 Bilder sind nun in einer Ausstellung zu sehen

Moura de Souza kann sich gut in die Lage der Jugendlichen reinversetzen: Er selbst wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, in Traipu. Sein Vater schlägt sich als Landwirt durch, seine Mutter nimmt Jobs als Näherin an – irgendwie müssen sie die zwölf Kinder versorgen. Der Unterschied zwischen den Jugendlichen aus Maceió und Cléssio aus Traipu: In dem Dörfchen gibt es keine Drogenbanden, er geht zur Schule – und erhält später ein Stipendium, das ihm ein Jurastudium in Rio de Janeiro ermöglicht und später einen Aufenthalt in Deutschland und kurz darauf eine Anstellung beim Max-Planck-Institut.

Die Doktorarbeit ist fortgeschritten, Cléssio Moura de Souza will den Moment nutzen, um über seine Forschung und die Situation in Maceió zu berichten. 2016 flog er noch einmal hin, in Gefängnissen durfte er fotografieren. 25 der 4000 Bilder sind nun in einer Ausstellung zu sehen. Der 38-Jährige will auf den "Teufelskreis" aufmerksam machen, in dem die Jugendlichen und jungen Männer stecken – ein Leben, aus dem die meisten nur mit dem frühen Tod herauskommen.
Info

Die Ausstellung ist zu sehen bis Ende November im Max-Planck-Institut für internationales Strafrecht, Günterstalstraße 73, Montag bis Donnerstag, 9 bis 17 Uhr, Freitag, 9 bis 14.30 Uhr. Am 6. November, 14.30 und 15.30 Uhr, gibt der Fotograf eine Führung. Gruppen können sich für weitere Führungen anmelden, per Mail an c.moura@mpicc.de. Der Eintritt ist frei.