Ein Hörspiel über Schillers geklauten Schädel

Philip Hehn

Freiburger Enthusiasten haben renommierte Uni-Professoren als Hörspielstimmen gewinnen können. Am 17. Mai hat "Kopfjäger" Premiere, ein Hörstück, in dem es um den geklauten Kopf Friedrich Schillers geht. Wir haben die preisgekrönten Hörspielmacher interviewt.



Worum geht's?

Im Jahr 2007 machten die Freiburger Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen mit einem Berliner Kollegen eine Untersuchung. Das Ergebnis: der Schädel, von dem bisher angenommen wurde, dass es der Schädel Schillers sei, stimmt nicht überein mit der DNS von Schillers eigens exhumiertem Sohn. Was ist passiert? Hat jemand dem Dichtergott ein Kuckuckskind untergeschoben? Schädelklau? Wer wars? „Kopfjäger“ deckt die wahre Geschichte des Schillerschädels auf, erzählt vom Schädel persönlich.



Wie sich herausstellt, hat kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe sich den Schädel unter den Nagel gerissen und ihn zu sich nach Hause gebracht. Hier entspinnt sich eine einseitige Unterhaltung zwischen dem Schädel und Goethe. Während Goethe versucht, aus der Form des hartnäckig schweigenden Schädels phrenologisch die Charakterschwächen seines verstorbenen Freundes und Konkurrenten aufzudecken, erzählt er seinem Untersuchungsgegenstand, was seit dessen Ableben in der Welt geschehen ist.



Aber egal, was Goethe versucht -  seine Untersuchungen können dem Schädel keine Charakterschwäche nachweisen. Frustriert entwickelt Goethe eine eigene Schädellehre, die die negativen Seiten seines hochgeschätzten Freundes besser erfassen soll, aber das Vorhaben kommt nicht recht voran. Und dann kommt auch noch Dr. Gall, der berühmte Erfinder der Phrenologie, höchstpersönlich zu Besuch.

„Kopfjäger“ ist das dritte und bisher aufwendigste Projekt der freien Hörspielmacher von AstroMedya. AstroMedya, 2006 gegründet, hat für seine bisherigen Produktionen „Gutensohn“ und „Mythos Mobbing“ bereits mehrere Preise gewonnen. Neben Ursula Wittwer-Backofen sprechen der Soziologe Wolfgang Eßbach und die Germanisten Katharina Grätz und, als Goethe, Günter Oesterle. Mehrere Doktoranden und Studenten der Universität und der Musikhochschule vervollständigen das Ensemble.



Autorin Sophie Ihle und Regisseur und Produzent Benedikt Strunz sprachen mit fudder über ihr Hörspiel.

Wie kommt man darauf, Hörspiele zu produzieren?

AstroMedya ist ein glücklicher Zufall. Felix Engel kommt aus der freien Theaterszene in Basel, wo er lange erfolgreich als Regisseur tätig war, außerdem arbeitet er auch als freier Filmregisseur. Benedikt Strunz arbeitet seit vielen Jahren bei Radio Dreyeckland und ist dem Medium Radio insofern eng verbunden. Die kritische Masse war dann letztlich erreicht, als unsere Freundin Maique Mumm mit "Gutensohn 2008" einen hörspielfähigen Text vorlegte.

Sofort stand für uns fest: Klar, das produzieren wir. Es war ein bisschen so, als hätten wir nur darauf gewartet, uns kreativ austoben zu können, eruptiv irgendwie. Mit Sophie Ihle ist zur AM-Gruppe nun ein neues Autoren-Talent gestoßen; Sophie bringt die Gabe mit, Texte als Hörspiele denken und schreiben zu können, was wohl nicht zuletzt daran liegt, dass sie selbst – wie wir alle – Hörspiel liebt.



Wie kam diese Liebe zustande?

Der Hang zum Hörspiel ist schwer zu erklären. Hörspiel ist freier und kreativer als Film, es arbeitet und wirkt subtiler, es ist in seiner Produktion schneller als der Film und verlangt dem Zuhörer mehr ab. Und wenn man eine Hörspielliebe einmal entwickelt hat und dann sieht, wie sich der Trend zum schlechten und immer schlechteren Kommerz-Hörspiel entwickelt, dann denkt man sich irgendwann: Stop! Save the Radiodrama! Vom Hörspiel leben können wir derzeit nicht, und wer die Regelsätze des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für Hörspiele kennt, die und der kann sich denken, dass AstroMedya auch in Zukunft ein idealistisch- aber nicht ökonomisch- profitables Unternehmen sein wird.

Was macht ihr hauptberuflich?

Wir sind alle in irgendeiner Form an und mit der Uni beschäftigt und das wird auch noch eine Weile so bleiben.

Macht die Produktion von Hörspielen wirklich so viel Spaß?

Ja und nein. Es gibt nichts Schöneres und nichts Schrecklicheres, als Hörspiele zu produzieren. Mal ganz im Ernst: Es sind doch wirklich dicke Bretter die man da bohren muss und wir werden alle sehr froh sein, wenn wir uns am 17. Mai im White Rabbit ganz entspannt zurücklehnen können, uns ein Bier aufmachen und unserem Hörspiel lauschen können.



War es schwierig, so viele Professoren als Sprecher zu gewinnen?

Es gibt wohl kaum etwas Schwierigeres, als die perfekte Stimme zu finden. Der perfekte Sprecher passt hundertprozentig auf die Rolle, hat schauspielerisches Talent, ist leicht zu führen und hat unbegrenzt Zeit. Natürlich muss er mit viel Leidenschaft dabei sein, darf aber keinerlei finanzielle Ansprüche haben. Das Stimmen-Casting ist ein schwieriger Prozess und bei einigen Rollen haben wir uns, was die Besetzung angeht, sehr schwer getan und bitten an dieser Stelle all diejenigen, die unsere Entscheidungsschwierigkeiten erleiden mussten, vielmals um Entschuldigung.

Okay, zurück zur Frage: es ging um die Professoren.

Dass wir letztlich soviele Profs für tragende Sprecherrollen gewinnen konnten, war ein glücklicher Zufall. Ein noch viel glücklicherer Zufall allerdings war, dass wir genau diese Professoren und Professorinnen erwischten. Insbesondere Herr Eßbach und Herr Oesterle haben sich mit erstaunlicher Hingabe und erstaunlichem Aufwand dem Projekt gewidmet, was aufgrund ihrer starken beruflichen Belastung alles andere als zu erwarten war. Dass die beiden dann auch noch so gut miteinander harmonierten und sich derart gut zuspielen würden, ist ein weiterer glücklicher Zufall, den niemand von uns voraussehen konnte. Insgeheim hoffen wir, Herrn Eßbach und Herrn Oesterle für eine weiterführende Hörspielkarriere bei der AstroMedya begeistern zu können, aber das ist noch ein Geheimnis.



Ihr habt euch vom Aufwand her bei jedem Projekt bisher gesteigert. Wie geht’s weiter?

Der Aufwand für "Kopfjäger" war wirklich sehr groß. 2009 wird es von uns kein weiteres 55-Minuten Hörspiel geben. Das bedeutet aber keineswegs, dass sich AstroMedya in den kommenden Monaten auf die faule Haut legt. Neben Festivals und Premieren werden wir versuchen, Kopfjäger bei möglichst vielen Radios unter zu bekommen. Und natürlich denken wir auch jetzt schon über andere Produktionen nach. Vielleicht ein Volksmusik-Stück, manche AstroMedyaner denken aber auch darüber nach, sich dem politischen Feature zu widmen. Auch Film-Projekte sind angedacht. Wer will, kann uns auch gerne Hörspielskripte zusenden.



Mehr dazu:

Was: Premiere von Kopfjäger
Wann: Sonntag, 17. Mai, 20 Uhr
Wo: White Rabbit, Leopoldring 1
Eintritt: 3 Euro