Kritik

Ein Film arbeitet die Räumung des Kommando Rhinos im Vauban auf

Julia Caspers

Für die einen war es ein Schandfleck, für die anderen eine bunte Form des Zusammenlebens – das Kommando Rhino. Der Film "The Last Rhino" gibt Einblicke in das Leben in Wagenburgen auf einem besetzten Gelände im Vauban, das vor sieben Jahren geräumt wurde.

Einigen Freiburgern wird der frühe Morgen des 3. August 2011 wohl im Gedächtnis geblieben sein. An diesem Tag fand in den frühen Morgenstunden die polizeiliche Räumung des Wagenburg-Kollektivs "Kommando Rhino" statt. Zwei Jahre lang hatte das Projekt des Kunst-, Kultur,- und Wagenkollektivs das sogenannte M1-Gelände im Vauban zwischen Paula-Modersohn-Platz und des SUSI-Wohnprojekts besetzt.


Am Montagabend zeigte das Kommunale Kino in der Wiehre in Zusammenarbeit mit der Freiburger Medienwerkstatt den Film "The Last Rhino", ein ehrenamtliches und selbstfinanziertes Projekt. Die Regisseurin Eva Wörner stand dem Wagenburgkollektiv nahe und hat den Film mit Hilfe von ehemaligen Bewohnern realisiert. Dafür hat sie über 300 Gigabyte Material gesichtet, welches zum Teil aus privaten Aufnahmen stammt als auch von Cine Rebelde, Radio Dreyeckland und der Freiburger Medienwerkstatt zur Verfügung gestellt wurde.

Gezeigt wird die etwa zweijährige Geschichte des besetzten Geländes im Vauban

Entstanden ist eine Collage aus Fotos und kleinen Filmen unterschiedlichster Qualität, welche einen Überblick des Projekts vermittelt. Gezeigt wird die etwa zweijährige Geschichte des besetzten Geländes im Vauban. Auf dem Platz demonstrierten zunächst nur Aktivisten für eine Bürgerbeteiligung an den Bebauungsplänen, bis sich ihnen bald das Kunst-, Kultur,- und Wagenkollektiv anschloß.

Als "Kommando Rhino" forderten sie schließlich ein Recht auf Wagenplätze. Der Name wurde in Anlehnung an den in der Schweiz gegründeten Verein "Rhino" gewählt, welcher ab 1988 ein leerstehendes Haus in Genf besetzte. Nach einem langen Rechtsstreit wurde schließlich 2007 die polizeiliche Räumung des Projekts "Rhino" in Genf durchgesetzt.

Über die alternative Wohnform informieren

Von Anfang an drohte dieses Schicksal auch dem Kommando Rhino im Vauban. Mitten in einem Verkehrsknotenpunkt gelegen, zwischen starkem Autoverkehr und Straßenbahnlinien befanden sich die Rhinos auf dem "Präsentierteller", nutzten andererseits die zentrale Lage für Öffentlichkeitsarbeit. Sie wollten über diese alternative Wohnform informieren, veranstalteten Tage der offenen Tür, um Toleranz gegenüber anderen Formen des Zusammenlebens zu fordern.

Auf dem Gelände entstanden aus recyceltem Material eine Gemeinschaftsküche, eine Kneipe sowie ein Café. Regelmäßig fanden kulturelle Veranstaltungen wie Kinovorführungen oder Konzerte statt, die allen Bürgern offenstanden. Es werden Anwohner zitiert, die das Gelände als Bereicherung ansehen.

Viel Zeit an der frischen Luft

Die Frage, warum Menschen in Wagenburgen wohnen, wird durch die Aufnahmen verständlich beantwortet. Zum einen handle es sich um eine mobile Form des Wohnens, mit der Möglichkeit den Stellplatz zu wechseln. Die Bewohner schätzen zudem die Möglichkeit, viel Zeit an der frischen Luft zu verbringen. Im Film sieht man das Kommando Rhino im Wechsel der Jahreszeiten, mal ist es von Schnee bedeckt, mal tanzen Menschen bei Sonnenschein über den Platz.

Eine Wagenburg bietet außerdem die Möglichkeit preiswert zu wohnen. Dabei hätten sich einige Bewohner durchaus eine Mietwohnung leisten können. Letztendlich stehe bei dem Projekt aber auch das Leben in einer Gemeinschaft im Vordergrund, sich gegenseitig zu unterstützen und einen Raum für sozialen Austausch zu erschaffen.

Radikale Form der Konfliktlösung

Laut Kommando Rhino wurde immer wieder das Gespräch mit der Stadtverwaltung gesucht. Die Stadt berief sich auf einen Beschluss von 1996, der festlegte, keine städtischen Flächen für Wagenburgen zur Verfügung zu stellen. Im Film wird scharf kritisiert, dass schlussendlich eine radikale Form der Konfliktlösung gewählt wurde, die in der polizeilichen Räumung des Platzes mündete. Kritik kam auch vom damaligen Gemeinderatsmitglied Coinneach McCabe, Mitglied der Grünen Alternative Freiburg, der den unverhältnismäßigen Polizeieinsatz verurteilte.

Konstruktiv-kritische Stimmen fehlen

Einige Fragen bleiben im Film unbeantwortet, zum Beispiel, wie die Wasserversorgung ermöglicht oder die Müllbeseitigung und Abwasserfrage gelöst wurde. Ein Anwohner wird mit den Worten zitiert, er ärgere sich jedes Mal beim Anblick des Geländes, es sei "ein Schandfleck" in der Stadt. Für ein ausgewogenes Meinungsbild wären sicherlich auch mehr konstruktiv-kritische Stimmen von Seiten des Gemeinderats, den Bürgern oder auch der Polizei hilfreich gewesen.

Das Gelände wurde von der Stadt an die Stadtbau GmbH verkauft, welche dort in Zusammenarbeit mit der Freiburger Sozialarbeit den Bau des integrativen Green City Hotels plante, das im Jahr 2013 fertiggestellt wurde.

"Und wo wohnen die Bewohner jetzt?", fragten sich die Zuschauer am Ende des Films. Die seien weit verstreut, einige wohnten mittlerweile in Wohnungen oder seien ins Ausland gegangen.
Der Film greift auch eine politisch hochaktuelle Frage auf: Wem gehört die Stadt? Ist es das Recht eines jeden Bürgers, sie nach seinen Vorstellungen zu gestalten und Wohnraum einzufordern? Dürfen leerstehende Flächen besetzt werden oder kann allein das Kapital über Wohnraum entscheiden?
Wer sich den Film "The Last Rhino" anschauen möchte, hat dazu am 7.November im Autonomen Zentrum KTS in Freiburg noch einmal die Gelegenheit. Des Weiteren soll der Film als DVD sowie als Download-Link zur Verfügung gestellt werden. Eva Wörner wird außerdem mit dem Film auf Tour gehen und ihn in weiteren deutschen Städten zeigen.

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