Lieferdienst

Ein anonymer Fahrer berichtet über den Arbeitsalltag bei Foodora

Katharina Federl

Lieferando ist der größte Lieferdienst in Deutschland – und seit dem Aus von Deliveroo der klar dominierende. Ein anonymer Fahrer erzählt fudder über seine Zeit bei Foodora, das seit Ende 2018 auch zu Lieferando gehört.

Vor etwa zwei Wochen hat der britische Lieferdienst Deliveroo seinen Rückzug aus dem deutschen Markt verkündet. Zurück bleibt ein Lieferdienstunternehmen mit Monopolstatus: Lieferando. Seit Dezember 2018 gehören auch die früheren Delivery-Marken Foodora, Lieferheld und Pizza.de zu dem niederländischen Unternehmen Takeaway.com, das in Deutschland unter Lieferando bekannt ist. Die Marken gibt es seitdem nicht mehr, die einzelnen Betriebe schon. In Freiburg arbeiten laut Lieferando-Angaben rund 50 Fahrradkuriere für das Unternehmen.

Fudder hat mit einem ehemaligen Foodora-Fahrer über den Arbeitsalltag als Fahrradkurier gesprochen. Da er anonym bleiben möchte, nennen wir ihn Lukas.

Lukas hat von Sommer bis Winter 2018 für ein halbes Jahr bei Foodora gearbeitet, bis er ohne jegliche Erklärung entlassen wurde. Vor dem Beginn seines Beschäftigungsverhältnisses habe er viel Negatives, aber auch Positives über die Arbeit bei Foodora gehört. Im Schichtplanungssystem flexibel eintragen, wann man Zeit hat, aufs Fahrrad steigen und dann in pinken Boxen Essen ausliefern – das klingt fürs Erste nicht schlecht. Wie die Arbeit tatsächlich aussieht, habe Lukas erst erfahren, als er selbst eingestellt wurde – von einer App.

Kein Equipment, keine Abnutzungspauschale

"Ich habe mich über ein Online-Formular beworben und wenig später per Nachricht Bescheid bekommen, dass ich bei ihnen anfangen kann", berichtet Lukas, der im Durchschnitt acht Stunden pro Woche mit dem Fahrrad Essen ausgeliefert habe. Konkrete Voraussetzungen für den Job brauche man nicht, nur ein eigenes Fahrrad und ein Smartphone seien nötig. Das Equipment gebe es von Foodora nämlich nicht, genauso wenig wie eine Abnutzungspauschale – obwohl man nur Mindestlohn bekommt.

Was bringt junge Leute dazu, bei einem Lieferdienstunternehmen wie Foodora – jetzt Lieferando – arbeiten zu wollen? "Die werben mit ihrer Flexibilität. Die Arbeitnehmer sind formell selbstständig und können sich ein- und austragen, wann sie wollen", erklärt Lukas.

Doch selbst das stimme nur zur Hälfte. Oft sei es vorgekommen, dass er per Algorithmus zu Schichten eingeteilt wurde, für die er sich nicht eingetragen habe. "Einmal war ich in Frankreich und habe einen Strike bekommen, weil ich nicht zur Arbeit erschienen bin. Ich hatte aber schon lange vorher angegeben, dass ich nicht da bin", erzählt Lukas. Sogenannte Strikes werden automatisch von der App verteilt, wenn man nicht zu Schichten erscheint, die, wie Lukas berichtet, meistens nicht nach den Wünschen der Mitarbeiter, sondern des Unternehmens verteilt werden. Wenn eine gewisse Anzahl an Strikes erreicht sind, werde man entlassen.

Kein persönlicher Kontakt, Kündigung ohne Erklärung

Persönlichen Kontakt mit einem Foodora-Vertreter habe Lukas in dem halben Jahr kein einziges Mal gehabt. Es gibt zwar einen telefonischen Kundenservice, den man kontaktieren kann, wenn beispielsweise die App nicht funktioniert, aber selbst da gehe nur eine automatisierte Stimme ran. "Ich will bei Problemen mit einem Menschen reden, nicht mit einer KI", kritisiert Lukas. Selbst bei seiner plötzlichen Kündigung im November 2018 habe er keine Ansprechperson gehabt. Warum die Kündigung veranlasst wurde, sei ihm nicht mitgeteilt worden.

Zuvor habe Lukas als Mitglied der Freien Arbeiter*innen Union Freiburg zur Gründung eines Betriebsrats bei Foodora Freiburg aufgerufen und ihre Arbeitsbedingungen kritisiert. Seine Hauptforderungen waren eine verlässliche Schichtplanung, ein fairer Lohn und eine menschliche Kommunikation. Außerdem kritisiert er, dass der Lohn manchmal erst Monate später gezahlt werde. "Ich kenne Leute, die obdachlos wurden, weil sie ihren Lohn nicht zum Ende des Monats erhalten haben", erzählt er. Ein großer Anteil der Fahrradkuriere seien nicht-europäische Ausländer, die aufgrund fehlender Deutsch-Kenntnisse keinen anderen Job finden und keine familiäre oder staatliche Unterstützung bekommen.

Kritik kommt auch von der Gewerkschaft

Nicht nur Lukas kritisiert die Art und Weise, wie Foodora mit seinen Mitarbeitern umgeht. Viele Arbeitnehmer organisieren sich in Gewerkschaften, die sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen einsetzen. So auch die NGG (Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten), die bei Foodora bereits fünf Betriebsratsgremien in Deutschland durchsetzen konnte. In Freiburg gibt es noch keinen Betriebsrat, weil Foodora offiziell keine Betriebsstelle in Freiburg hat.

"Ich bezeichne die Arbeitsweise von Foodora als unprofessionell", sagt Christoph Schink, NGG-Referatsleiter für das Gastgewerbe. Das Unternehmen habe in sehr kurzer Zeit sehr viel geändert, habe neue Arbeitszeitmodelle eingeführt, die nach dem Prinzip "Wer am schnellsten ist, kriegt die besten Schichten" funktionierten. Seit der Fusionierung 2018 habe sich nicht viel verändert, nur die Schichtplanung habe sich durch die digitale Infrastruktur von Lieferando normalisiert. Christoph Schink betont aber auch, dass Lieferando sich gerade noch in einem Prozess des Ordnens und Sortierens befinde und die Fusionierung noch nicht abgeschlossen sei: "Lieferando sammelt gerade die ganzen hinterlassenen Scherben auf." Die Arbeitsbedingungen seien deutlich besser als bei Foodora, die NGG wartet derzeit auf weitere Veränderungen, bevor sie neue Forderungen stellen.

Dass Lieferando jetzt Monopolstatus in Deutschland hat, sei für Lukas keine Überraschung: "Kleinere Plattformen haben nur rote Zahlen geschrieben. Das ist eben der natürliche Gang der Dinge", meint er. Er könne sich vorstellen, dass sich die Essenspreise erhöhen und vermehrt eigene Lieferdienstunternehmen von ehemaligen Arbeitnehmern gegründet werden. "Aber solche kleinen genossenschaftlichen Unternehmen haben längerfristig keine Chance, gegen so ein großes Monopol anzukommen", vermutet er.

Was sagt Lieferando zu den Vorwürfen gegen die im April einverleibte Marke Foodora?

Der PR-Beauftragte von Takeaway, Andreas Engel, geht auf die Vorwürfe ein. Auf den Vorwurf, dass Lukas bei Foodora nie persönlichen Kontakt mit einem Mitarbeiter hatte, entgegnet Engel, dass Lieferando sicherstellt, dass es vor der Einstellung immer ein persönliches Gespräch gibt. "Unsere Kuriere sind in den meisten Städten ordnungsgemäß angestellt, versichert und mit E-Bikes ausgestattet", schreibt Engel. Wenn Kuriere eigene Fahrzeuge benutzten, erhielten sie dafür eine finanzielle Entschädigung für Wartung und Kraftstoff. Allerdings müssten Fahrer ihr eigenes Smartphone mitbringen. Außerdem erhielten alle Fahrer Kleidung und Rucksack. Auch Helme seien auf Anfrage erhältlich. Zum Vorwurf, dass Algorithmen die Schichtplanung übernähmen, teilt Engel mit, dass in Deutschland alle Fahrer fest angestellt seien und die Schichtplanung nach den Vorlieben des Fahrers erfolge. Die Gründung von Betriebsräten unterstütze das Unternehmen.

Sein eigenes Essen habe sich Lukas noch nie online bestellt. "Ich finde das einfach unnötig. Zum Teil habe ich Studenten in Freiburg einen einzigen Smoothie durch die ganze Stadt gebracht", erinnert er sich. Trotzdem sei das Boykottieren solcher Lieferdienste nicht die richtige Methode, um etwas zu ändern. Eher solle man sich in Gewerkschaften für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen.

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