Du sammeln, ich jagen

David Harnasch

Als unsere Urahnen sich aufs jagen (Männlein) und sammeln (Weiblein) spezialisierten, legten sie den Grundstein für all die geschlechtlichen Verwirrungen, unter denen wir heute zu leiden haben. Den Beziehungsmonolog "Caveman" nur in seiner gestrigen Aufführung auf dem ZMF zu beschreiben, wäre grob vereinfachend und unvollständig. Das Stück, dessen deutsche Inszenierung von Esther Schweins mit verschiedenen Schauspielern seit Jahren auf Dauertournee durch das Land reist, ist ein unvergleichlicher Erfolg. David Harnasch versucht, das Geheimnis des Phänomens zu ergründen



Die Unterschiede zwischen der gestrigen ZMF-Aufführung des Caveman und allen anderen sind schnell erläutert: Normalerweise muss der Protagonist in der ersten Hälfte nicht gegen die Beatsteaks anschreien.


Üblicherweise geht der zackig inszenierten Frauenzeitschriften-Glosse keine langwierige und elend langweilige Selbstdarstellung des Festival-Gründers voraus, in der dieser seine eigenen übermenschlichen Leistungen im Zusammenhang mit der Buchung des Künstlers lobt und sich mit der Bewältigung dieser Herkulesaufgabe mindestens als Sondervermittler für den Nahost-Konflikt empfiehlt. (Was allerdings leider kein gangbarer Weg für ihn ist, da er bekanntlich – neben seinem einzigartigen kulturellen Engagement – stets auch mit Leib und Seele Arzt bleibt den seine Patienten gewiss nicht entbehren können.) Und zumindest im Bürgerhaus Denzlingen regten vor zwei Jahren auch nicht Dutzende Platzreservierungen des örtlichen Energiemonopolisten zu Gedanken über dessen Kernaufgaben und Preisgestaltung an.

Die Marke "Caveman" ist so bekannt, dass in einer nicht repräsentativen Umfrage hundert Prozent der vom Autor Befragten wussten, dass es sich um ein Stück über die ewigen Unterschiede zwischen den Geschlechtern handelt. Dass "Aida" eine Oper ist, weiß auch jeder, aber keiner der Befragten hatte auch nur den Ansatz einer Ahnung, worum es geht. Benjamin von Stuckrad-Barre beschrieb das Publikum eines Pur-Konzerts mal sinngemäß als: Zehntausend Zuschauer, auf dem Parkplatz fünftausend VW-Golf. Auch der Höhlenmensch zieht ein beziehungserfahrenes Publikum zwischen 25 und 45 Jahren an, meist Pärchen.

Ja, Männer schalten das Autoradio aus, wenn sie sich verfahren haben, weil sie sich sonst nicht konzentrieren können. Nein, sie fragen trotzdem nicht nach dem Weg. Ja, Männer haben nur eine erogene Zone, Frauen Dutzende. Ja, Frauen reden miteinander, Männer schweigen sich gerne an. Alles keine neuen Erkenntnisse, aber selten hat man so über Gags gelacht, die absolut erwartbar waren. Die Pointen sind in dieser wieder und wieder perfektionierten Darbietung schlicht perfekt getimed.



Als Buch wäre "Caveman" ein kurzlebiger Bestseller, ähnlich wie „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“. Als Theatermonolog ist das Stück im Original der erfolgreichste Monolog in der Geschichte des Broadways.

Warum? Es liegt sicher auch an der Darbietung, ein gut gespielter Gag ist einfach viel witziger als der reine Text – was Michael Mittermeier regelmäßig beweist. Wer gestern nicht lachte, hat kein Zwerchfell. Vor allem sind aber 40 Euro ein konkurrenzlos günstiger Preis für eine Paartherapie. Der Caveman sagt seinem Publikum ins Gesicht, was man dem eigenen Partner niemals verzeihen würde, obwohl es natürlich stimmt.

Ein Blick ins Gästebuch der Website belegt die Binse, dass tatsächlich alle Menschen viel weniger einzigartig sind, als sie sich einreden. Der Inszenierung gelingt der schwierige Balanceakt, ihre Zuschauer über die eigenen Schwächen ebenso lachen zu lassen wie über die des Partners, ohne dass irgendjemand sich peinlich berührt fühlt. Es steht zu befürchten, dass nicht wenige Paare einen echten Gewinn aus solch einem Theaterabend ziehen. Das spricht zwar gegen deren Kommunikationsfähigkeiten – aber extrem für ein Stück, das seinem Autor völlig ohne öffentliche Subventionen ein immerwährender Goldesel ist.

Mehr kann Theater nicht leisten.

Mehr dazu:

Caveman: Website