Drei frühere SS-Wachmänner festgenommen: Durchsuchung auch in Freiburg

Joachim Röderer & dpa

Drei mutmaßliche SS-Wachmänner des KZ Auschwitz sind in Baden-Württemberg festgenommen worden. In Freiburg hat das Landeskriminalamt die Wohnung eines 91-Jährigen durchsucht.



NS-Fahnder haben in mehreren Bundesländern Wohnräume von mutmaßlichen ehemaligen SS-Wachmännern des KZ Auschwitz durchsucht und in Baden-Württemberg drei von ihnen verhaftet. Die drei Männer im Alter von 88 bis 94 Jahren sitzen in Untersuchungshaft, wie die Staatsanwaltschaft Stuttgart und das Landeskriminalamt am Donnerstag mitteilten.


Die Polizei hatte bereits am Mittwoch im Südwesten, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen die Wohnungen von 14 mutmaßlichen früheren NS-Schergen im Vernichtungslager Auschwitz durchsucht. Darunter waren Wohnungen in Freiburg, Karlsruhe, im Kreis Rottweil, Ludwigsburg, im Enzkreis, im Rhein-Neckar-Kreis und im Kreis Lippe. Die Männer stünden im Verdacht, an der Tötung Deportierter beteiligt gewesen zu sein. Im größten der nationalsozialistischen Todeslager wurden mindestens 1,1 Millionen meist jüdische Häftlinge ermordet.

Die Ermittlungen gehen auf die Recherchen der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg zurück, erklärte die Stuttgarter Staatsanwaltschaft. Die Zentralstelle hatte im November entsprechende Fälle an Anklagebehörden in mehreren Bundesländer abgegeben.

Durchsuchung in Freiburg

In Freiburg wurde die Wohnung eines 91 Jahre alten Mannes durchsucht. Gegen ihn besteht laut Claudia Krauth, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Stuttgart, ein Anfangsverdacht. Verhaftet worden sei er nicht, er befinde sich auf freiem Fuß. "Wir haben jedoch Unterlagen sicher gestellt, die nun ausgewertet werden müssen", so Krauth gegenüber der Badischen Zeitung. Das Mobile Einsatzkommando sei mit mehreren Fahrzeugen angerückt, habe die Wohnung gestürmt und durchsucht. Weitere Informationen liegen nicht vor.

Im Südwesten richten sich die Ermittlungen gegen sechs Männer im Alter von 88 bis 94 Jahren, drei von ihnen wurden verhaftet. Fünf der Männer äußerten sich nicht zu den Vorwürfen. Ein aus dem Enzkreis stammender 88-Jähriger erklärte, in Auschwitz gewesen zu sein. Eine Beteiligung an der Tötung von KZ-Insassen habe er bestritten, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Der Mann wurde zusammen mit einem 92-Jährigen aus dem Rhein-Neckar-Kreis sowie einem 94-Jährigen aus dem Raum Ludwigsburg dem zuständigen Haftrichter beim Amtsgericht Stuttgart vorgeführt. Dieser erließ nach ärztlicher Bestätigung der Haftfähigkeit Haftbefehle und setzte sie in Vollzug. Im Anschluss daran wurden die drei Männer in ein Justizvollzugskrankenhaus eingeliefert.

Dokumente und Fotos sichergestellt

In NRW wurde die Wohnung eines 92-Jährigen durchsucht. Er habe eingestanden, von Anfang 1942 an in Auschwitz gewesen zu sein, teilte das LKA in Düsseldorf mit. Eine Beteiligung an der Ermordung von Insassen habe er verneint. Es wird auch noch gegen zwei andere Männer aus Ostwestfalen und vom Niederrhein ermittelt.

Im Rhein-Main-Gebiet gab es Durchsuchungen bei zwei Männern im Alter von 89 und 92 Jahren. Die beiden sollen in den Jahren 1942, 1943 und 1944 zur Wachmannschaft des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau gehört haben, sagte Oberstaatsanwältin Doris Möller-Scheu.

Im Raum Aschaffenburg gab es bei einem 92-Jährigen und im Raum Coburg bei einem 90-Jährigen Durchsuchungen, wie Oberstaatsanwalt Dietrich Geuder aus Würzburg sagte. Im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim wurde Oberstaatsanwältin Antje Gabriels-Gorsolke zufolge die Wohnung eines 91-Jährigen durchsucht. Verhaftet wurde niemand.

Individuelle Schuld muss nachgewiesen werden

Bisher blieben viele mutmaßliche Täter straffrei, weil der Bundesgerichtshof 1969 im Fall Auschwitz festgelegt hatte, dass für eine Verurteilung der Wächter wegen Beihilfe zum Mord die individuelle Schuld nachgewiesen werden muss. Dies war vielfach nicht möglich.

In Vorermittlungen für den Prozess gegen den Aufseher im Vernichtungslager Sobibor, John Demjanjuk, hat aber die NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg die Beihilfe zum Mord im KZ neu definiert. Dem widersprach das Landgericht München nicht. Nach Auffassung der Zentralstelle ist somit jeder belangbar, der in einem KZ dazu beigetragen hat, dass die Tötungsmaschinerie funktionierte – egal ob direkt als Aufseher bei den Gaskammern oder indirekt etwa als Koch. 2011 hatte das Landgericht München Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord an mehr als 28.000 Menschen schuldig gesprochen.

Verdächtige müssen verhandlungsfähig sein

Die NS-Fahndungsstelle hatte im vergangenen Jahr nach Voruntersuchungen 30 Fälle an Staatsanwaltschaften in Deutschland weitergeleitet. Sieben weitere Ermittlungen betrafen Verdächtige im Ausland, unter anderem in Israel.

Für eine Anklage muss eine Tatbeteiligung nachgewiesen werden. Außerdem müssen die Männer auch noch verhandlungsfähig sein. Der Leiter des Wiesenthal-Zentrums, Efraim Zuroff, sagte in Jerusalem: "Das hohe Alter der Verbrecher darf eine strafrechtliche Verfolgung nicht verhindern." Die Verbrecher hätten kein Mitleid verdient.

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