Drama mit Massenkeile in Hannover

Dirk Philippi

Mit 3:5 verloren die Wölfe Freiburg gestern Abend auswärts vor der beeindruckenden Kulisse von 4300 Zuschauern gegen die Hannover Indians das dritte von insgesamt vier Spielen der Viertelfinalserie in den Eishockey-Oberliga-Playoffs. Um doch noch das Halbfinale zu erreichen, müssen sie nun drei Mal in Folge gewinnen. Das Ende der gestrigen Partie eskalierte in einer wüsten Massenschlägerei. Schiedsrichter Neubert sprach 137 Strafminuten aus. fudder hat für Euch die Ereignisse in einer XXL-Rückschau inkl. Videolinks und Pressekonferenz zusammengefasst.



Das vierte Spiel des Viertelfinales (Best of seven) zwischen den Wölfen Freiburg und den Hannover Indians im Stadion am Pferdeturm folgte gestern Abend dem Aufbau des klassischen Dramas. Das Spielgeschehen im Überblick:


1. AKT: EXPOSITION

(Vor Spielbeginn)

Die Hannover Indians treten auf. Auf dem Spielberichtsbogen steht ein falscher Name (Dirksen statt Mathis), Torhüter Kondelik wird – angeblich verletzt – von zwei Mann vom Eis gestützt, um zum Eröffnungsbully putzmunter wiederzukommen, der Spielbeginn verzögert sich aus undurchsichtigen Gründen um rund 10 Minuten und an der Scheibe hinter der Freiburger Spielerbank hängen Fotomontagen von Trainer Peter Salmik als Suppenhühnchen. Ein tiefer Griff in die Laien-Psychotrick-Kiste lässt die Köpfe der Freiburger bereits vor Spielbeginn schütteln.

Kommentar: Ganz normale Hannoveraner Playoff-Mätzchen, die die Stimmung allerdings anstacheln.



2. AKT: ERREGENDES MOMENT

(1. Drittel)

Das Spiel ist fair und die Wölfe gehen durch Adam Spylo in Führung. Schiedsrichter Neubert leitet die Partie unauffällig, bis er innerhalb von 59 Sekunden zwei Freiburger auf die Strafbank sendet. Zumindest die Strafe gegen Bares erscheint fragwürdig, weil überaus kleinlich. Musial ist das egal, er trifft zum insgesamt verdienten 1:1 für Hannover. In der letzten Sekunde erhält Petr Bares erneut eine Strafzeit, bereits seine dritte.

Kommentar: Bei fünf gegen fünf Feldspielern ist Hannover das bessere, weil engagiertere und schnellere Team. Freiburg und Torhüter Glaser konzentrierter als zuletzt, aber mit großen Problemen in der neutralen Zone und zu vielen Strafzeiten. Die Spannung steigt.

3. AKT: WENDEPUNKT - PERIPETIE

(2. Drittel – bis zur 39. Spielminute)

Die Wölfe beginnen stark. Erst überstehen sie das Unterzahlspiel souverän, dann hämmert Jeff White in eigener nummerischer Überlegenheit das kleine Schwarze ans Metall. Lattentreffer. Die Führung für die Freiburger liegt in der Luft, als das Spiel plötzlich kippt.

Tief in der gegnerischen Zone stellt Herman seinem Kontrahenten in dümmlichster Art ein Bein und muss für zwei Minuten raus. Falsch. Bereits nach einer Minute muss sich Glaser umdrehen, weil er den Puck von Baumgartner nicht fangen kann. Torwartfehler.

Hannover jetzt oben auf und zum zweiten Mal greift Schiedsrichter Neubert ein, obwohl er offensichtlich nichts gesehen hat: In einer fortlaufenden Aktion stellt er erst nach Rücksprache mit seinen Linienrichtern Kottmair und Kucharchik hinaus und Huddy kann in Überzahl ungehindert vors Tor ziehen und einnetzen. Abwehrfehler.

Kommentar: Eine Mischung aus Undiszipliniertheit, Fehlerhaftigkeit sowie einer strittigen Schiedsrichterentscheidung wirft die Wölfe zurück. Hannover noch immer das druckvollere Team in einem an sich verhaltenen und zerfahrenen Spiel. Bislang alles soweit fair.



4. AKT: RETARDIERENDES MOMENT - VERZÖGERUNG

(39. bis 54. Spielminute)

Noch vor der zweiten Drittelpause bringt Kapitän Vozar Hoffnung zurück in die Wölfe-Seelen. In einer 5:3-Überzahl (nach einem Anderson-Foul hatte Morrow die Scheibe über die Umrandung gespielt) verwertet das Breisgauer Kämpferherz endlich einen der vielen Rebounds, die der starke Kondelik gestattet.

In der Kabine schwören sich die Wölfe ein, doch Ryan Huddy macht es Vozar nach und stellt mit einem Nachschuss die Zwei-Tore-Führung der Indians wieder her. Das Spiel scheint vorentschieden, als Chamberlain zum Stockschlag ansetzt und erneut Adam Spylo in Überzahl trifft. Die Wölfe liegen trotz weniger Spielanteile nur ein Tor zurück und der Ausgleich liegt in der Luft. Die Indians-Fans werden kurzzeitig leiser.

Kommentar: Beiden Teams ist der immense Kräfteverschleiß anzumerken. Das Tempo wird immer langsamer und die Fehler nehmen auf beiden Seiten zu. Gefahr für die Indians kommt über Spylo, Vozar und Kadera sowie die Geschwindigkeit der vierten Freiburger Angriffsreihe. Alle anderen zwar bemüht, aber ohne Durchschlagskraft. Die Indians wirken spielbestimmender, aber die Entscheidung ist noch nicht gefallen.



5. AKT – SCHLUSS - TRAGÖDIE - KATASTROPHE

(Das Ende des Spiels)

Es läuft die 55. Minute als den Freiburger Anhängern der Atem stockt: Chris Billich setzt sich gegen zwei Hannoveraner durch und will zum Schuss ansetzen, als Schiedsrichter Neubert plötzlich pfeift. Strafe. Wegen unkorrektem Körperangriffs. Selbst Indians-Anhänger schütteln den Kopf und lachen verschmitzt. In der folgenden Überzahl macht es Doyle großartig, Freiburgs Verteidiger sind stehend K.O. und Hannover liegt mit 5:3 vorne. Alle acht Tore fielen in Überzahl-Situationen. Die Entscheidung.

Benjamin Wildgruber hat genug, schlägt frustriert mit dem Stock und Freiburg hat in Unterzahl keine Chancen mehr. Morrow und Kucharchik geraten aneinander und Peter Salmik nimmt eine Auszeit. Eine Auszeit? Weshalb? Die Ansprache Salmiks bleibt im Verborgenen, man denkt sich seinen Teil und das Spiel endet sofort nach Wiederbeginn in hässlichen Szenen:

Adam Spylo, in der Rolle des Aggressors, versetzt Kyle Doyle einen üblen Crosscheck und vermöbelt ihn in wilder Obelix-Manier. Rudelbildung. Gesichtsmassagen. Spieler liegen übereinander und schlagen aufeinander ein. Dann sprintet Josiah Anderson von der Indians-Bank heran und schlägt wie ein Berserker von hinten oben auf Spylo ein. Schläge donnern auf Köpfe. Hässlich und unappetitlich. Freiburgs Torhüter Glaser versucht Anderson wegzuzerren. Schiedsrichter Neubert steht daneben und notiert. Aber was?

Spylo erhält die höchste aller Strafen, Spieldauer plus Matchstrafe, der verprügelte Doyle eine Spieldauer und (!) Anderson eine lächerliche 2+2-Minuten-Hinausstellung. Was hat Neubert bloß notiert? Es wird diskutiert. Erst nach Spielende korrigiert er seine Strafvergabe und sorgt damit endgültig dafür, dass Freiburgs trotz des guten Hannoveraner Spiels mit der Leistung des Unparteiischen hadern wird. Das Spiel endet, Freiburg verliert verdient und steht nun mit dem Rücken zur Wand.

Kommentar: Das Spiel nimmt ein Ende, das es so nicht verdient hat. Hannover überzeugte mit einer maximalen Ausschöpfung ihrer spielerischen Mittel und - wie auch die Wölfe - mit einem guten Powerplayspiel. Insgesamt waren die Wölfe aber zu langsam und zu zweikampfschwach, um in voller Teamstärke auf dem Eis Akzente setzen zu können. Zur Auszeit und den folgenden unschönen Szenen bleibt zu sagen, dass gerade Spylo mit seinen zwei Toren die Wölfe hoffen ließ. Nun hat er sich selbst hinausgenommen und die Wölfe sind auf der Suche nach einem neuen Rezept gegen eine Mannschaft der Hannover Indians, die in Top-Form spielt und die Serie vollkommen verdient anführt.

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EPILOG – IN EIGENER SACHE

In einer nach den Vorkommnissen um die Auszeit von Salmik verständlich aufgeheizten Atmosphäre, aber in einem für eine Pressekonferenz (siehe fudder-Audiomitschnitt) vollkommen ungeeignetem Bierzelt-Rahmen samt Buhrufen, Störungen und Schmäh- bis hin zu Hasstiraden machte gestern nach Spielschluss die Geschichte von einem Zusatzbericht der Hannoveraner Clubführung die Runde.

fudder ließ sich diesen Bericht vorlegen und staunte nicht schlecht: Sinngemäß schreiben dort die Verantwortlichen der Indians, dass vier Personen bezeugen könnten, dass Peter Salmik zu Spylo gesagt habe: “Los, hol dir den Doyle.” Zudem sei dies auch im fudder-Webradio zu hören gewesen, so die Darstellung der Indians.

Wir von fudder erklären dazu Folgendes:

1. Die Behauptung ist faktisch und nachweisbar falsch. Der zitierte Ausspruch wurde weder so gesendet noch in dieser Art sinngemäß wiedergegeben. Es war dem Reporter aufgrund seines Standortes und der Lautstärke unmöglich auch nur einen Ton von der Bank der Wölfe zu vernehmen.
2. Das fudder-Playoff-Radio ist Bestandteil eines Blogs und somit per se einer subjektiven Perspektive zuzuordnen. In höchst anspruchsvollen, bis hin zu zweieinhalbstündigen live-Reportagen (ohne Pausen) wird versucht, das sportliche Geschehen emotional und doch journalistisch-innovatisch zu transportieren.
3. Wir finden es beschämend, dass ein Teil der insgesamt ohnehin raren Eishockeyberichterstattung in Wahrheit verfremdender Weise instrumentalisiert wird, um persönliche Interessen durchzusetzen.
4. Die Ligenleitung wurde bereits heute Morgen telefonisch darüber informiert, dass der uns betreffende Aspekt des Zusatzberichts so nicht der Wahrheit entspricht. Die Ligenleitung hat dies – nach eigener Aussge - so vermerkt.

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Am Freitag kommt es um 20 Uhr in der Freiburger Franz-Siegel-Halle zum nächsten Aufeinandertreffen der Wölfe Freiburg und Hannover Indians im Playoff-Viertelfinale der Eishockey-Oberliga. Wir von fudder wünschen uns ein faires Spiel.

Mehr dazu:

Video: Von der Auszeit bis zur Massenkeilerei auf YouTube

Audio: Die Pressekonferenz nach Spiel 4: