Dirty Milonga im Artik: Tango tanzen zwischen Trockeneisnebel und Videoprojektionen

Chris Reding

Im großen Saal des Artik, dem "Palais de la Jeunesse" finden regelmäßig HipHop-, Reggae und Dub-Partys statt. Aber einmal im Monat läuft hier Tango. Bei der "Dirty Milonga" tanzen Paare zu Tango, der mit elektronischen Beats vermischt wird.



Der Blick des Mannes im weißen Hemd ist fest auf seine Tanzpartnerin gerichtet. Er hat den Arm fest um sie geschlungen, zieht mit ihr Kreise durch den Raum. Ihre streng kalkulierten Bewegungen, das Drehen der Beine, ihre Körperhaltung zeugen von Perfektion und Leidenschaft. Sie tanzen zu einem Song von Tom Waits, unter den ein Elektro-Beat gemischt ist. Sie tanzen Tango. Willkommen bei der Dirty Milonga im Artik.


Der Tänzer ist Ruben Miranda (Bild unten), Initiator dieser ungewöhnlichen Veranstaltung. Der 33-jährige Freiburger lädt seit gut einem Jahr einmal im Monat zum Tangotanzen in das Jugendkulturzentrum unter dem Siegesdenkmal. "Man kann auch auf Nicht-Tango-Musik tanzen", sagt der Halb-Kolumbianer, und erklärt, wie er auf die Idee kam, die Tanzsession zu veranstalten: "Es gab Anfang der 2000er eine Bewegung in Argentinien, bei der viel elektronische Tangomusik produziert wurde. Das ist dort inzwischen wieder out, aber ich finde das nach wie vor total geil."

Nachdem die Suche nach einem solchen Event in Freiburg erfolglos blieb, entschloss sich Ruben, es kurzerhand selbst aufzuziehen. "Ich war heiß darauf, auf diese Musik zu tanzen." Das Risiko, dass sich niemand für diese Form des Tanzens interessieren würde, war ihm egal. "Ich will tanzen und wenn da nur drei Nasen tanzen, dann ist das für mich in Ordnung.“

Schon zwei Stunden bevor die ersten Tanzpaare eintreffen ist Ruben mit den Vorbereitungen für die Dirty Milonga beschäftigt. Eine Milonga ist eigentlich ein Tango-Tanzabend, für den besondere Regeln gelten. Paare tanzen mindestens drei Lieder lang zusammen, der Mann fordert die Frau auf.

Diese Rituale gelten hier nicht, auch wenn nach Rubens Ansicht die Frau beim Tango im Mittelpunkt steht: „Als Mann hat man die Rolle die Richtung vorzugeben und die Frau übernimmt den Part, es auszuführen, also alles was dazwischen liegt. Du zwingst die Frau nicht in irgendeine Rolle, sondern du gehst mit ihr und dabei muss sie so aussehen wie die schönste Prinzessin der Welt.“Neben der Musik ist auch die Deko ungewöhlich.

Auf einer Leiter in der Mitte des Raums balancierend, fixiert Ruben eine Blacklight an einem Tuch, das von der Decke hängt. Dann baut er zwei Projektoren auf, mit denen er Videos projizieren kann. Bilder von Snowboardfahrer, die über Klippen springen, bewegen sich bald über die Wände. „Ich versuche die Projektion immer an das jeweilige Thema anzupassen", sagt Ruben. "Es ist Winter, deswegen der Schnee und die Snowboards.“ Kurz vor 21 Uhr ist er mit den Vorbereitungen für den heutigen Abend fertig.

Die ersten Milongueras und Milongueros treffen ein. Ihr Verhalten erinnert zunächst an eine pubertäre Geburtstagsparty: die Sofas des großen Veranstaltungsraums im Artik werden belagert, die Tänzerinnen und Tänzer – Studierende, Ü40-Frauen mit buntgemusterten Kleidern, Paare, die sich an den Händen halten - blicken verlegen durch den Saal. Das Klientel der Dirty-Milonga ist genauso ungewöhnlich wie die Veranstaltung selbst.

Schon bald treten zwei Frauen gemeinsam auf die Tanzfläche und fangen an, zur elektronischen Musik im Tangoschritt zu tanzen. Ruben ist es wichtig, dass sich hier alle willkommen fühlen – Menschen jeden Alters, jeder Orientierung und auch alle, die bisher noch nicht mal den Grundschritt des Tangos gelernt haben. Die Generationen vermischen sich", sagt er. "Viele sind da, die noch keinen Tango getanzt haben, die es nur mal sehen wollen und sich dann manchmal sogar davon begeistern lassen.“



Manche Tänzer kommen direkt von der Arbeit und noch im Business-Outfit, entledigen sich ihrer Krawatten und wechseln die Schuhe, bevor sie sich dann auf die Tanzfläche begeben. "Ich würde mich als einen modernen Tangotänzer bezeichnen und halte nicht viel vom Standard-Tango", sagt einer der Tänzer, während er sich umzieht. "Die Möglichkeit zu haben, auf elektronische Musik zu tanzen ist eigentlich der wesentliche Grund, wieso ich schon viermal hierhin gekommen bin.“

Um 22 Uhr drehen mehrere Paare ihre Runden, offensichtlich wunderbar zufrieden mit der Musikauswahl. Sobald die Tänzer auf die Tanzfläche treten, tauchen sie ab in eine Welt, die nur ihnen gehört. Ein Partnerwechsel wird nicht gefordert, eine etwas zu lockere Körperhaltung stört hier niemanden, und die in der Überzahl vorhandenen Frauen warten nicht auf einen männlichen Tanzpartner, sondern tanzen miteinander. An den Wänden flackern die Video-Projektionen. „Tanz und visuelle Bewegung kann man wild kombinieren", sagt Ruben. "Wie schwingende Melodien im Tango findet man auch im Film solche Elemente. Ich arbeite gerne mit Zeitlupeneinstellungen, weil das die Geschmeidigkeit der Bewegung während dem Tanzen wundervoll unterstreicht.“

Ruben ist es wichtig, dass die Veranstaltung alle Sinne anspricht. Irgendwann hockt er sich neben eine Tiefkühlbox, die beim DJ-Pult steht und schüttet heißes Wasser hinein. Kurz darauf steigt Nebel daraus empor, der die ganze Tanzfläche einhüllt: Trockeneis, hausgemacht. "Man muss sich zu helfen wissen, wenn man nicht die finanziellen Mittel für solche technischen Geräte hat", sagt er. Seine Party-Gimmicks sollen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern helfen, lockerer zu werden. Denn so stellt Ruben sich den Tango vor: als einen Tanz, der emotional anspricht, der Körper und Sinne ganz einnimmt.

Bevor Ruben zum Tango kam, hat er Salsa getanzt. Eine Freundin überredete ihn zu einem Tango-Kurs, der ihn gleich überzeugte. „Auch wenn man vor dem Tanzen nicht so gut gelaunt ist, bringt Tango dich in eine andere Welt und verbessert deine Laune schlagartig." Doch es geht für ihn auch um Kommunikation. "Wenn man sich auf die Musik einlässt, kann man sich inspirieren lassen vom Moment und jedes Mal wenn man einen neuen Tanz anfängt, entwirft man eine Geschichte, die man dann mit seinem Gegenüber abtanzt.“

Das Klischee des erotischen Tanzes wird bei der Dirty Milonga – trotz des "Dirty" im Namen - nicht erfüllt. Das Hauptziel ist nicht das Imponieren des jeweiligen Partners. Die Dirty Milonga ist ein Versuchsraum, in dem Menschen sich frei fühlen und ihre Art von Tango erleben können. „Ich kann meine inneren Emotionen sehr gut damit ausdrücken", sagt eine Tänzerin. "Tango schafft einen Raum, wo ich einfach alles vergessen und mich fallen lassen kann.“ Ihr gefällt es auch, dass sie sich hier von den anderen Tänzern inspirieren lassen kann.

Noch später tanzen ein halbes Dutzend Paare selbstversunken durch den Raum. Manche konzentriert und mit streng aufrechter Haltung, andere halten sich eng im Arm und verharren beinahe auf der Stelle. In ihrer Vielfalt sind sie vereint durch die Musik.



Die Autorin


Chris Reding
(24, Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft & Kunstgeschichte) studiert an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen (ZfS) hat sie im Wintersemester an einem Berufsfeldorientierte Kompetenzen (BOK)-Kurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die fudder-Redakteure Manuel Lorenz und Carolin Buchheim angeboten haben. Im Rahmen dieses Kurses hat sie diese Reportage konzipiert, recherchiert und geschrieben. An der Recherche waren auch Kathrin Koch und Nora Vogel beteiligt.

Mehr dazu:



Was:
Dirty Milonga im Artik
Wann: Mittwoch, 29. Januar 2014, 21 Uhr
Wo: Artik, unter dem Siegesdenkmal
Eintritt: auf Spendenbasis