Dieser Mann hat ein Bier im Flügel

Johann Schwarz

fudder-Rezensentin Johanna Schwarz hat in den vergangenen 17 Jahren wahrscheinlich über hundert Konzerte gesehen. Der Auftritt von Jamie Cullum am Freitag im Konzerthaus hat ihr von allen am besten gefallen. Warum, schreibt sie hier.

Überraschend klein ist er und überraschend jung wirkt er, wenn er die Bühne betritt, um auf einem Schlagzeughocker vor dem Flügel Platz zu nehmen. Jamie Cullum. Vor seinem eigenen Flügel, wie der 27jährige das Publikum kurz darauf wissen lässt. Man wird den vollen Gehalt dieser Aussage erst im Laufe des Abends begreifen. Denn nicht nur stellt Jamie Cullum seine Bierflasche im (sic!) Flügel ab, nein, er selber steht auf dem Instrument, um sich einen Überblick über das Publikum zu verschaffen oder es begeistert anzufeuern.Hinzu kommen Schlagzeugsoli auf dem Corpus des Instruments, gespielt mit den nackten Händen und dem Drahtbesen. Was nach einem Berserker klingt und an das mutwillige Zerstören von Equipment erinnert, mit dem Metalbands gerne verdeutlichen, dass es keine Zugaben mehr geben wird, ist hier musikalischer Enthusiasmus.

Denn in den zweieinhalb Stunden des Konzertes baut Jamie Cullum eine Melange aus Bühnenpräsenz und gleichzeitigem in Musikgefangensein auf, die wohl einmalig sein dürfte. Keine Sekunde ruht sein drahtiger Körper während der Show.Ständig hüpft, stampft, tanzt Cullum auf der Bühne oder windet sich mit geschlossenen Augen. Selbst während der Soli der Mitglieder seiner herausragenden Band verfolgt er jede Note, kommentiert jeden Beat – mal mimisch, mal durch begeisterten Applaus.

Dabei gelingt es dem Künstler, der seit 18 Monaten mit seinem aktuellen Album „Catching Tales“ um die Welt tourt, dass nichts einstudiert wirkt. Je weiter das Konzert fortschreitet, um so mehr überträgt sich die Stimmung von der Bühne auf das Publikum. Zuerst zartes Mitwippen und Kopfnicken. Am Ende steht jeder Besucher des Konzerthauses, einige in den Reihen, viele aber auch direkt vor der Bühne. Kurz vorher war Jamie Cullum selber zusammen mit dem Saxophonisten, dem Trompeter, dem Schlagzeuger, Bassisten und einem Mikrofon in den Saal gegangen, um eine kurze Session im Kreise des Publikums zu spielen.Das Programm, das der Gastgeber charmant und humorvoll moderiert, reicht von der Klassikerinterpretation „What a difference a day made“ (Maria Grever, Stanley Adams) über Eigenkompositionen („All at sea“) bis zu cullumierten Pop- und Rocksongs von Jimi Hendrix und Massive Attack.Zugleich ist Platz für den Auftritt eines Schweizer Freunds: Der Klavierstimmer Stefan, der Jamie Cullum bei den Auftritten in der Schweiz begleitet hat und sich seines Yamaha-Flügels annahm, tritt mit seiner Mundharmonika auf und jammt sich einen mit.

„Nie vorher gemacht, alles spontan gestern bei Weißbier beschlossen.“Vielleicht macht diese Spontaneität, den ganzen Abend spürbar, ein Konzert wie dieses aus. Dennoch mangelt es nicht an Professionalität und Musikalität. Falls der Londoner Künstler noch einmal nach Freiburg kommt, ist das ein Pflichttermin.