Trainwriting

Dieser Freiburger sammelt im Internet Bilder von Graffiti auf Zügen

Charlot Behrens

Dominik Jozic dokumentiert die vergessene goldene Ära des "Trainwriting" in Freiburg auf Instagram und Tumblr. Fudder hat mit ihm über sein Projekt und seine Motivation gesprochen.

Was hat es mit deinem Trainwriting-Projekt auf sich, Dominik?

Meine ersten zwanzig Lebensjahre habe ich in Freiburg verbracht. Zwischen 1995 und 2000 habe ich angefangen mit der Spiegelreflexkamera meines Vaters die Graffiti, die plötzlich an jeder Ecke zu sehen waren, zu fotografieren. Mittlerweile lebe ich in Köln, aber meine Familie wohnt noch in Freiburg. Letztes Weihnachten war ich zu Besuch bei meinen Eltern und habe dort einen ganzen Schuhkarton, voll mit alten Negativen, meiner fotografierten Graffiti, gefunden. Ich dachte, es wäre schade, wenn die Negative versauern würden, und habe sie dann in ein Labor gegeben und sie professionell scannen lassen. Danach habe ich sie noch ein bisschen bearbeitet, sortiert und ins Netz gestellt.

Woher kam die Leidenschaft für die Züge? Graffiti findet man ja überall.

Züge sind einfach etwas ganz Spezielles. Ich habe sie damals entdeckt, weil ich direkt an der Bahnlinie zwischen Basel und Freiburg gewohnt habe. Als ich bemerkte, dass immer mehr Züge besprüht sind, und nachdem sie auch bei uns, im Bahnhof St. Georgen, immer öfter gehalten haben, habe ich sie fotografiert. Außerdem bin ich tiefer in die Szenen eingetaucht und habe die Zusammenhänge durchschaut, wer zum Beispiel mit wem malt. Züge sind die Königsdisziplin der Szene und deswegen habe ich gesagt, ich mache nicht alles, was es in Freiburg gab, sondern nur Züge, die durch Freiburg gerollt sind. Das heißt nicht, dass die Graffiti nur von Freiburgern sind, sondern sie können von überall sein, wo der Zug durchgefahren ist. Das fängt in Basel an und hört in Offenburg auf.

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Also hast du Züge gewählt, weil sie für dich die Königsdisziplin der Graffiti-Szenen sind?

Ja. Züge kannte ich vorher nur aus Großstädten. In Freiburg waren die Züge immer sauber, und plötzlich fing es an, dass sie immer mehr bemalt wurden. Wenn man einen Zug bemalt, geht man ein höheres Risiko ein. Du musst mehr Herzblut investieren und trotzdem ist es vielleicht gar nicht von großem Erfolg, weil es sein kann, dass der Zug zwei Tage später wieder gereinigt wird. Auf der anderen Seite hast du einen großen Überraschungseffekt. Das ist glaube ich das Wichtigste. Erstens zeigst du es den anderen Writern und zweitens überraschst du alle, die am Bahnsteig stehen und mit einem sauberen Zug rechnen, statt mit einem bunten. Ich sage übrigens immer "malen" statt "sprayen", weil die Sprayer sich selber auch nicht als "Sprayer" sondern als "Writer" bezeichnen.

Was ist genau deine Motivation? Du hättest die Negative ja auch einfach liegen lassen können.

Ja, das stimmt. Die aktuellen Writer machen viel mit digitalen Fotos und Videos. Für die erste Writer-Generation in Deutschland, Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre, gab es noch aufwändige Bildbände. Aber die Fotos der zweiten Generation, die ich fotografiert habe, sind allerhöchstens in Magazinen gelandet, die heute alle vergriffen sind.

Das heißt von dieser "Sandwich-Generation", Mitte bis Ende der 90er, gibt es eigentlich nicht so viel. Das fand ich sehr schade und mir hat zu dieser zweiten Generation einfach etwas gefehlt. Vor allem Freiburg ist total unterrepräsentiert. Meine Motivation war es, diese zweite Generation ein bisschen stärker zu dokumentieren, mit Blickpunkt auf Freiburg. Da komme ich her, und da habe ich es hautnah miterlebt.

Warum ausgerechnet 1995 bis 2000? War das Zufall, weil von diesem Zeitraum die Negative da waren?

Ja genau. Sie waren da, und vorher ist auch nicht so viel gefahren. Ich rede da gerne von der goldenen Ära. Damals wurden viele qualitativ hochwertige Panels gemalt. Panel bezeichnet das, was unterhalb des Fensters gemalt wird. Die sind sehr lange gefahren, teilweise wochenlang, wodurch man alles gut beobachten konnte und einen guten Überblick über die Szene bekommen hat. Heute sind fast nur noch schnelle Sachen möglich. Es wird strenger überwacht und die Bahn putzt die Züge viel schneller.

Hast du selbst eine bestimmte Verbindung zu Zügen und Graffiti?

Habe ich schon, aber ich würde sagen, ich war eher ein beobachtender Teilnehmer, also von beidem ein bisschen was. Ich war nicht mitten in der Szene, aber ich kannte ein paar Leute aus ihr, wodurch mein Interesse geweckt wurde.

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Was erhoffst du dir von deinem Projekt?

Vielleicht, dass sich die aktuellen Sprayer aus der Region ein bisschen mehr dafür interessieren, was mal war. Es geht nicht darum, dass früher alles besser war, sondern, dass man Graffiti als Kunstform, die es jetzt schon seit fast 40 Jahren gibt, betrachtet. Wenn du dich mit dem beschäftigst, was war, bekommst du vielleicht auch einen anderen Blick auf das, was gerade ist. Natürlich auch mit dem Appell an andere, die vielleicht auch noch Fotos haben, mir die zu schicken, dass wir eine Plattform dafür schaffen können.
  • Tumblr: trainwritingfreiburg.tumblr.com
    Zur Person

    Dominik Jozic, 40, kommt ursprünglich aus Freiburg und lebt mittlerweile in Köln. Dort arbeitet er als Radio-Journalist.


Du hast auch noch Fotos von Graffiti-Zügen, die zwischen 1995 und 2000 in Freiburg hielten? Dominik Jozic freut sich über Zusendungen oder Kontaktaufnahme via Instagram und Tumblr.