fudder-Interview

Diese Lehrer stecken hinter der Schüler-Talkshow "Nachgefragt" am Rotteck-Gymnasium

Anna Lob

Am Rotteck-Gymnasium moderieren bei "Nachgefragt" regelmäßig Schülerinnen und Schüler. Jetzt verlässt Rainer Kügele, einer der Gründer des Talkshow-Formats, die Schule. Anna Lob hat bei ihm und seiner Kollegin Agnes Durzinsky nachgefragt.



Nach 13 Jahren ’Nachgefragt’ – welche Show war besonders gut?

Kügele
: Das lässt sich nicht in den Kategorien gut und schlecht bewerten, weil die Gäste unterschiedlich sind. Ewig in Erinnerung bleibt aber zum Beispiel Gregor Gysi, der sich fast in unseren Schüler verliebt hätte. Oder der lange Abend mit Konstantin Wecker, an dem für eine Schülerin ein Traum in Erfüllung ging, weil sie ihn auf dem Klavier begleiten durfte – da hab ich geweint vor Glück.

Gab es problematische Gäste?

Kügele: Nicht wirklich. Bei Guido Westerwelle war es schwierig, weil er versucht hat, der ernsthafte Politiker zu sein. Jeder Gast ist anders herausfordernd.

"Beim ersten Mal musste Agnes nach der Show weinen." Rainer Kügele, Mitbegründer der Nachgefragt-Talkshow

Schüler eine Talkshow moderieren zu lassen – wie kommt man da drauf?

Kügele: Es gab in Freiburg eine studentische Talkshow. Martin Walter und ich suchten etwas, bei dem wir mit Schülern projektorientiert zusammenarbeiten und die Identifikation mit der Schule stärken könnten. Als ich aus dieser Talkshow kam, dachte ich ’Das ist es!’.

Samuel Koch, Christian Streich – wie kommen Sie an die prominenten Gäste?

Kügele: Wir fragen die Leute an – an manchen ist man jahrelang dran. Manchmal öffnet sich durch einen Gast die Tür zu einem anderen. Es ist schwierig, wenn im politischen Bereich gerade Umbrüche stattfinden. Der Termin mit Claudia Roth stand schon vor einem Jahr fest und kann erst jetzt stattfinden.
Durzinsky: Vielen ist es wichtig, solche Termine wahrzunehmen und mit jungen Leuten ins Gespräch zu kommen.

"Die Schüler sind nach dem Gespräch zehn Zentimeter größer und tanken Selbstbewusstsein." Agnes Durzinsky, Lehrerin am Rotteck-Gymnasium

Wie bereitet man Schüler vor?

Kügele: Sie bereiten sich selbst vor. Inhaltlich mit Recherche rund um den Gast und seine Themen. In einer Redaktionskonferenz wird dann ein Konzept entwickelt. Daraus entstehen Fragen und unsere sogenannten wohl präparierten Situationen, in denen etwas Unerwartetes geschieht und man schaut, wie der Gast darauf reagiert. Wenn das Konzept steht, geht’s an die Proben.

Wie ist es, so intensiv mit Schülern an einem Projekt zu arbeiten?

Durzinsky: Das ist das Beste, was ich jemals mit Schülern gemacht habe.
Kügele: Beim ersten Mal musste Agnes nach der Show weinen.
Durzinsky: Die Schüler sind nach dem Gespräch zehn Zentimeter größer und tanken Selbstbewusstsein. Es vermittelt ihnen Wissen über demokratische Strukturen und ist eine besondere Erfahrung mit einer Person aus der Öffentlichkeit.

Was vermitteln Sie Schülern durch dieses Format?

Kügele: Es geht um demokratische Befähigung. Wir brauchen Menschen, die Klartext sprechen und Debatten einfordern. Unsere Schüler trauen sich. Sie sehen demokratische Zusammenhänge und werden politisch denkende Menschen. Das zeigt sich daran, wie der OB-Wahlkampf verfolgt wurde. Wir arbeiten mit Schülern, die nicht nur ein großes Haus wollen, sondern das Bestreben haben, die Gesellschaft zu verbessern.
Durzinsky: Wenn wir den Schülern von "Nachgefragt" erzählen, sagen wir, das Ziel ist, dass sie irgendwann die Welt retten. Das ist ein bisschen pathetisch, aber das bleibt bei vielen hängen.

Sie sind sonntags in der Schule. Das zeugt von einem hohen Zeitaufwand.

Kügele: Die Schulleitung hier hat von sich aus erkannt, dass dieses Projekt für die Schule wichtig ist und versucht uns fair zu bezahlen und uns zu unterstützen, wo es geht.

Durzinsky: Und wir machen das ja auch gern. Das ist eine Herzblutsache. Man schaut nicht drauf, wie viele Stunden man an einem Tag in der Schule war. Bis Donnerstag werden wir vermutlich jeden Tag bis 22 oder 23 Uhr proben. Das muss so sein – weil die Schüler gut vorbereitet sein müssen. Sie sollen sich auf der Bühne sicher fühlen und Spaß haben. Dafür braucht es Zeit.


Über nachgefragt
Das Projekt "Nachgefragt" gibt es inzwischen seit 13 Jahren am Rotteck Gymnasium. Das Format kann inzwischen viele hochkarätige Gäste aus Politik, Gesellschaft und dem öffentlichen Leben verzeichnen. Diese werden bei "Nachgefragt" von Schülerinnen und Schülern interviewt. Geleitet wird das Projekt von Agnes Durzinsky, Anne Brünner, Sebastian Göppert und Jan Rüggeberg. Rainer Kügele, einer der Gründer des Projekts, wechselt zum kommenden Schuljahr als Rektor an das Kreisgymnasium Neuenburg.




Was:
"Nachgefragt" mit Claudia Roth
Wann: Donnerstag, 19.07.18, 19.30 Uhr
Wo: Rotteck-Gymnasium, Lessingstr. 16, 79100 Freiburg