Diese Freiburgerin studiert in sieben verschiedenen Ländern

Theresa Ogando

Stella Serger studiert an der Minerva Universität, einer besonderen Uni: Während ihres Studiums wohnt sie in sieben verschiedenen Ländern. Im Interview spricht Stella über ihre Uni, dem Leben auf Reisen und neue Blickwinkel.

Die Freiburgerin Stella Serger studiert seit eineinhalb Jahren an der Minerva Universität, die mit sieben Standorten, Online-Seminaren und keinen Prüfungen alles andere als eine gewöhnliche Uni ist. Stella befindet sich gerade am dritten Standort in Indien und hat mit fudder über ihr Studium gesprochen.


Stella, während deines Studiums wohnst du in sieben verschiedenen Ländern. Ist Heimweh ein Problem für dich?

Eigentlich nicht. Umso länger ich weg bin umso mehr lerne ich alltägliche Dinge aus Freiburg wertzuschätzen, wie Fahrradfahren und auf den Münstermarkt gehen. Aber diese Dinge laufen ja nicht davon. Das Einzige was mich wirklich manchmal traurig macht ist, dass ich so viel von der Entwicklung von meinem kleinen Bruder verpasse. Plötzlich ist er größer als ich und schmiedet Pläne in Berlin mit mir tanzen zu gehen, wenn ich nächstes Semester dort studiere.

Das viele Umziehen in andere Länder, ist das nicht anstrengend?

Doch, aber man gewöhnt sich dran. Jedes Mal bringe ich weniger mit und bin schneller mit dem ein- und auspacken. Außerdem nehme ich immer ein paar Dinge mit, mit denen ich mein Zimmer dekorieren kann, damit es sich schneller nach Zuhause anfühlt. Meine Weltkugel-Fahne ist immer mit dabei und einen Adventskalender musste es in der Weihnachtszeit auch geben.

Hast du dich durch die interkulturellen Erfahrungen verändert?

Obwohl ich schon seit der Schulzeit viel mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern zu tun hatte, ist es nochmal etwas ganz Anderes selbst im Ausland zu wohnen. Durch diese Erfahrung wird mir immer mehr bewusst, wie ich mich als Gast in einem Land verhalten sollte und wie ich auf Menschen aus anderen Kulturen zugehen sollte. Zum Beispiel gibt es hier in Indien viele kulturelle Normen darüber wie Frauen sich zu kleiden und zu verhalten haben.

Als eine deutsche Feministin liegt es da nahe, gegen diese Dinge zu protestieren. Ich habe allerdings gelernt, dass – besonderes in einem postkolonialen Land wie Indien – ich nicht das Recht habe Menschen, deren Kultur ich nur oberflächlich verstehe, zu sagen wofür sie zu kämpfen haben. Meine Privilegien und Perspektiven die von meinem weißen, gebildeten und europäischen Hintergrund geprägt wurden, sind mir jetzt ständig bewusst. Außerdem beschäftigt mich die Frage, wie ich durch meine Arbeit Entwicklungsländer Stärken kann, anstatt neue Abhängigkeiten zu erzeugen.

Die Studierenden der Minerva Uni reisen zusammen, der Unterricht findet allerdings am Laptop statt. Es gibt keine realen Vorlesungen und keine Klausuren. Wie ist es denn nur Seminare am Computer zu haben?

Bevor ich mit dem Studium angefangen habe, hat es mich ziemlich abgeschreckt, Seminare am Computer zu haben. Aber irgendwie vergisst man dann fast, dass man nicht im selben Raum ist – zumindest solange die Verbindung gut genug ist. Jeder Studierende greift über seinen Laptop auf den "Seminarraum" zu und kann dort alle andere Studierenden und Dozierenden sehen, Umfragen ausfüllen, und in Kleingruppen arbeiten. Manchmal treffe ich mich mit ein paar anderen aus meinen Kursen, vor allem um zusammen lachen zu können, wenn etwas lustiges passiert. Im Seminar hört man immer nur den, der gerade spricht.

Video: So laufen die Online-Seminare der Minerva-Uni



Fehlt dir die reale Interaktion mit den Dozierenden?

Da ich noch nie eine deutsche Uni besucht habe, kann ich nicht vergleichen, ob meine Beziehung mit Dozierenden hier enger oder weniger eng wäre. Klar wäre es schön die Professoren mal in "echt" kennen zu lernen, aber ich habe auch so den Sohn von meinem Philosophie-Professor kennengelernt, als er mal ins Bild gestolpert ist, und bleibe oft noch nach den Seminaren, um meine Professoren besser kennenzulernen und Fragen zu stellen.

Was macht die Minerva Universität deiner Meinung nach besonders?

Ich würde sagen, die drei wichtigsten Eigenschaften von Minerva sind die interaktive Pädagogik, das Lernen durch reale Probleme in verschiedenen Ländern, und die Studentengemeinschaft. Es gibt zwar viele Programme die zum Beispiel Auslandssemester anbieten oder ähnliche pädagogische Methoden nutzen, aber ich glaube die Kombination aus diesen drei Elementen ist was Minerva besonders macht.

Warum hast du dich für diese Uni entschieden?

Für mich war die Pädagogik das wichtigste Kriterium. In den letzten Jahren im Gymnasium habe ich gemerkt, wie wenig Wissen und vor allem Fähigkeiten von Frontalunterricht beziehungsweise Vorlesungen und dem Auswendiglernen für Prüfungen hängen bleiben. Außerdem wollte ich nicht, wie in Deutschland üblich, nur ein einziges Fach studieren, sondern mehr Wahlmöglichkeiten haben. Ich möchte irgendwann selbst im Bereich von innovativer Bildung arbeiten, also ist Minerva auch eine gute Gelegenheit, live mitzuerleben wie ein solches Programm entsteht.

Wem kannst du die Universität weiterempfehlen?

Minerva passt nicht zu jedem. Wenn man sich für einen sehr speziellen Beruf zum Beispiel Zahnmedizin interessiert und gut mit Vorlesungen und Auswendiglernen klar kommt, ist Minerva wahrscheinlich nicht das Richtige. Ich würde die Uni jedem empfehlen, der weitgefächerte Interessen hat und dem es wichtig ist, aktiv sein Studium mitzugestalten. Jedes Semester umziehen, studieren, sich in der Studentengemeinschaft zu engagieren und Projekte in der Stadt zu machen - das alles kann ganz schön anstrengend sein. Wer zu Minerva geht sollte vor allem selbstständig und neugierig sein.

Unternehmt ihr internationalen Studierenden viel gemeinsam oder interagiert ihr vor allem mit Locals?

Jeder Studierende kann für sich selbst entscheiden was ihm oder ihr wichtiger ist. Manche haben schon nach der ersten Woche einen besten Freund in der Stadt und manchen sind ihre Mitstudierenden wichtiger. Ich habe für mich gemerkt, dass vier Monate nicht lang genug sind, um wirklich enge Freundschaften zu schließen, also konzentriere ich mich lieber darauf möglichst viele Gespräche auf der Straße zu führen und Kontakte zu spannenden Organisationen zu knüpfen, während meine engsten Freunde auch von Minerva sind.
Info über die Minerva Universität

Die Minerva Schools at KGI ist eine innovative Uni aus San Fransisco. Sie wurde erst 2012 gegründet und hat den Anspruch eine Elite-Universität des 21. Jahrhunderts zu sein. Das Programm der Uni basiert auf drei Kernideen: Globalen Erfahrungen, innovativer Pädagogik und einer internationaler Studiengemeinschaft. Die Studierenden leben in vier Jahren in sieben Städten. In: San Fransisco (USA), Seoul (Südkorea), Hyderabad (Indien), Berlin (Deutschland), Buenos Aires (Argentinien), London (England) und dann in Taipeh (Taiwan). Der Unterricht ist auf englisch und anders als an deutschen Unis hat man nicht ein Hauptfach, sondern wählt im zweiten Studenjahr eine von fünf Fachrichtungen: Arts and Humanities, Computational Sciences, Business, Natural Sciences oder Social Sciences. An der Uni gibt es keine Prüfungen, die Noten entstehen aus den Redebeiträgen der Studierenden in den Online-Seminaren.