Diese beiden Freiburger machen beim wichtigsten Wettbewerb für junge Literatur mit

Brigitte Rohm

Mit Lyrik und Prosa in die erste Liga der Literatur: Felix Schiller und Thilo Dierkes haben sich gegen rund 550 Bewerber durchgesetzt – und es ins Finale des 24. Open Mike in Berlin geschafft.

Thilo Dierkes kann es noch immer kaum glauben: "Das ist das erste Mal, dass literaturkundige Leute zu mir sagen: Was du machst, ist nicht kacke." Bislang kennt man den 21-jährigen Germanistik-Studenten vor allem als Poetry Slammer und Rapper des Freiburger Duos "Halbwegs Dope".


Nun wird er im Finale des Open Mike stehen, das vom 11. bis 13. November 2016 im Heimathafen Neukölln stattfindet. Und ist damit einer von 22 jungen Autorinnen und Autoren, deren Texte unter einer Flut aus rund 550 Einsendungen von Lektoren aus renommierten Verlagen auserwählt wurden: "Man denkt sich dann: Okay, der hat diesen einen Text aus einem Karton mit Hunderten anderen Texten rausgefischt, und fragt sich – warum?"

Nächte durchfeiern und Texte im Sonnenaufgang tippen: Schriftsteller müsste man sein

Vielleicht, weil in seinem 15-minütigen Werk "Von Ajaccio her" der ironische, pointierte Stil seiner Rap-Texte eine gelungene Symbiose mit ziemlich eloquenter Prosasprache eingeht. Oder weil Dierkes mit seiner "Anti-Haltung" bei Weltschmerz-Geplagten einen Nerv trifft. "Es geht um sehr große Traurigkeit, die teilweise an absurd lächerlichen Dingen festgemacht wird." Ajaccio ist übrigens eine Stadt auf Korsika, die ungefähr so romantisch ist wie die Vorstellung, dass der junge Autor den Text in den Ferien nach durchfeierten Nächten "irgendwo im Sonnenaufgang" auf seinen Laptop tippte. Man glaubt ihm das und bekommt Lust auf ein Glas Rotwein.

Was den Open Mike betrifft, befürchtet der bühnenerfahrene Dierkes indes eine seriöse "Wasserglaslesung" und könnte damit recht haben: Der internationale Wettbewerb junger deutschsprachiger Lyrik und Prosa ist so etwas wie der Rolls-Royce der Nachwuchsförderung für Schriftsteller. Die drei Preisträger – darunter mindestens ein Lyriker – erwartet eine Gewinnsumme von insgesamt 7.500 Euro und eine Lesereise. Die Finaltexte werden als Anthologie veröffentlicht, und alle Finalisten dürfen an einem Workshopteilnehmen, bei dem sie mit erfahrenen Lektoren und Autoren an ihren Texten feilen und wichtige Kontakte knüpfen.

Als Dichter "Schiller" zu heißen macht den eigenen Namen zum Running Gag

Für Felix Schiller (30), der einen Abschluss in Philosophie, Geschichte und Germanistik gemacht hat, war dieser Workshop sogar die Hauptmotivation, um ein zweites Mal am Wettbewerb teilzunehmen: "Das bringt wahnsinnig viel. Gerade, wenn man nie Schreiben studiert hat." Der Lyriker, der gelegentlich auch Prosa zu Papier bringt, eigentlich kein Bühnenmensch sei und von seinen Professoren als Running Gag gern ironisch "Der Herr Schiller" genannt wurde, stand 2014 schon einmal im Finale. Und hat daran Gefallen gefunden: "Die Theater-Atmosphäre in dem riesigen Raum war beeindruckend."

Freudige Erwartung ist bei beiden Kandidaten zu spüren. Sie geben sich gegenseitig Tipps und witzeln darüber, dass sie ihren Auftritt auflockern könnten, indem sie sich mit einer Rasierklinge die Stirn aufritzen, wie der Schriftsteller Rainald Goetz 1983 beim Ingeborg-Bachmann-Preis. "Ich bin echt froh, einen anderen Freiburger dabei zu haben – dann bin ich nicht so verloren", sagt Thilo Dierkes. Schiller pflichtet ihm bei: "Freiburg ist bei vielen Wettbewerben ziemlich unterrepräsentiert. Dabei passiert in der Stadt so viel junge Kultur." Als Mitbegründer der Lesereihe Zwischen/miete weiß Schiller, wovon er spricht.

Eloquente Lyrik entsteht bevorzugt zu Technomucke

Schillers Beitrag für den Wettbewerb heißt "Gastierende Saaten" und kreuzt das antike Lehrgedicht rhythmisch mit aktuellen Agrar- und Ernährungsdiskursen. Klingt ziemlich verkopft. Aber das soll es auch sein: "Ich schreibe sehr konzeptuell von der Idee her. Zuerst lese ich zu dem Thema und sammle Material, dann setze ich mich hin und collagiere gewissermaßen", erklärt Schiller seine Arbeitsweise. "Und ich kann gut bei Störgeräuschen schreiben. Bevorzugt Techno – sehr zum Leidwesen meiner Mitbewohner." Seine Texte hat der Dichter, der vergangenes Jahr Stipendiat der Kunststiftung Baden-Württemberg war, bislang in verschiedenen Anthologien veröffentlicht.

Er mache sich aber keine Illusionen, von der Lyrik allein leben zu können. Thilo Dierkes schmunzelt und kommentiert: "Ich bin zufrieden, wenn es für das Bier reicht, die Miete und die Pferde." Auch das glaubt man ihm. Trotz allem: Der Open Mike ist für aufstrebende junge Schriftsteller ein richtig großer Schritt. "Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, das Fußfassen in der Literaturszene ist realistisch geworden", sagt Dierkes. Jetzt müssen die beiden nur noch die Jury in Berlin überzeugen.