Die Wipfelstürmer: Baumpfleger klettern um die Wette

Anne-Kathrin Weber

Am Wochenende wurde in Waldkirch ein neuer deutscher Meister im Baumklettern gesucht. Die 60 internationalen Teilnehmer, die alle ausgebildete Baumpfleger sind, mussten ihrem Berufsalltag entsprechende Aufgaben bewältigen. Über 1000 Zuschauer verfolgten den Wettbewerb im Alleenpark.



"Aerial Rescue" (Rettung) heißt die Disziplin, die Teilnehmer Nummer 48 als erste bestreiten muss. Ein Jurymitglied sitzt im Baum, simuliert eine Verletzung und bittet den Baumpfleger um Hilfe.


"Kein Problem, bleib ganz ruhig, bin gleich da!" schreit der in Richtung Baumkrone und hat sein Seil schon gekonnt im Geäst befestigt. Flink klettert er am Baum hinauf und sucht sich einen Weg durch die Äste. Einmal rutscht er auf dem feuchten Gehölz aus und kann nur mit großer Anstrengung sein Gleichgewicht halten. Schließlich balanciert er auf einem vermeintlich dünnen Ast zu der zu rettenden Person. Mit geübten Griffen sichert er sich und das Jurymitglied ab und kommt unter den Jubel- und Anfeuerungsrufen seiner Kollegen schließlich am Boden an.

Die Zeit wird gestoppt. Zufrieden? Nein, Teilnehmer Nummer 48 flucht: "Das hat im Training aber schon besser und schneller geklappt".



In Deutschland gibt es insgesamt 3000 ausgebildete Baumpfleger.
Sie kommen überall dort zum Einsatz, wo Mensch und Baum zusammentreffen: Wenn ein Baum beispielsweise für den Menschen hinderlich oder gar gefährlich werden könnte, klettern die Spezialisten hinauf und schneiden die Äste korrekt ab.

"Baumpfleger sind Individualisten, die für den Weiterbestand der Bäume kämpfen. Sie pilgern von Stadt zu Stadt und arbeiten dort, wo sie gebraucht werden", erklärt Kay Busemann, der den Wettbewerb in Kooperation mit der International Society of Arboriculture (ISA) veranstaltet.

Der Waldkircher Alleenpark bot sich als Veranstaltungsort an, weil hier auf kompaktem Raum große, weite Laubhölzer stehen, die für die verschiedenen Disziplinen gut geeignet sind. Im Alltag müssen die Baumpfleger jedoch auch in schwierigerem Geäst zurecht kommen.



An den Start gingen 58 Teilnehmer und 2 Teilnehmerinnen. Da es eine offene Meisterschaft war, nahmen auch Baumpfleger aus der Schweiz, Frankreich und Australien teil. Der Wettbewrb bietet ihnen auch eine Möglichkeit, sich über neue Techniken auszutauschen und sich vom Berufsalltag zu erzählen. Gekommen sind die meisten mit der ganzen Familie im Wohnmobil.

Beim Finale am Samstag setzten sich dann im sogenannten Fünfkampf die beiden Deutschen Ronny Epple und Hanja Fritsche durch. Weil die deutsche Meisterschaft als hochkarätiger Wettbewerb und internationaler Maßstab gilt, können sie sich auch gute Chancen für die Europa- und Weltmeisterschaft ausrechnen.

Weniger hektisch, dafür aber umso ästhetischer ging es bei den Seiltänzern zu. Die an gewöhnlichen Kletterseilen befestigten Tänzer bewegten sich zwischen den Bäumen und am Boden schwebend zu klassischer Musik.



Der erste Wettbewerb im Baumklettern fand übrigens 1975 in Amerika statt. Damals wollte der Kalifornier Dick Alvarez die Kompetenz der Mitarbeiter seiner Baumfirma bei der Rettung verletzter Kollegen austesten.

Teilnehmer Nummer 48 hätte trotz harter Selbstkritik dabei sicher überzeugen können.

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