Die Welle: "So ein Experiment ist ja ganz lustig, machen wir doch erstmal mit"

Carolin Buchheim

"Hölzerne Dialoge, klischierte Figuren, ein total übergeigtes Finale und gnadenlose Ranschmeiße werden nicht verhindern, dass "Die Welle" ein Kassenerfolg wird. Dafür werden Gemeinschaftskundelehrer schon sorgen." So kritisierte David Harnasch Dennis Gansels Film "Die Welle". Rund 875.000 Besucher haben den Film in den ersten 12 Tagen seit dem Kinostart bereits gesehen und ihn auf Platz 1 der Kinocharts gehoben. Doch wie bewertet die Zielgruppe selbst den Film? fudder lud sechs Jugendliche zum Kinobesuch mit anschließender Diskussionsrunde.

Ihr habt gerade zusammen „Die Welle“ gesehen. Welchen Eindruck hat der Film bei Euch hinterlassen?


Sophie: Ich fand es krass, dass man am Anfang der Welle gar nicht gemerkt hat, dass da so etwas Negatives bei rauskommen würde. Besonders in der Szene, als die Schüler durch die Stadt laufen und die Sticker kleben und das Logo sprühen, da denkt man schon: Was für eine tolle Gemeinschaft.

Caro: Ich fand es krass, dass die Schüler so unbewusst da hineingerutscht sind. Am Anfang fanden sie die Welle alle positiv. Als Zuschauer findet man Karo, die nicht mitmacht, auch ein bisschen doof, weil sie dagegen ist; erst später merkt man, dass sie als Einzige so wirklich checkt, was da abgeht.

Clara: Genau. Alle haben erstmal mitgemacht, ohne nachzufragen.

Fionn: Der Film hat die Situation von 1933 dargestellt, aber trotzdem habe ich unser alltägliches Leben wiedererkannt. Man macht viele Sachen mit, weil alle die machen, denn wenn man nicht mit will, steht man dumm da.

Was für Sachen sind das?

Clara: Es gibt total viele: Weggehen, natürlich, und Alkohol trinken, oder man kauft sich ein T-Shirt, obwohl man weiß, wie und wo es hergestellt wurde und obwohl man dagegen ist.

Juliane: Abends, wenn andere weggehen, und man hat selber nicht so Lust drauf, dann denkt man immer, vielleicht verpasst man irgendwas.

Caro: Stimmt, man hat immer Angst, irgendwas wichtiges zu verpassen, zum Beispiel dass irgendwer zusammenkommt, und man dann nicht mitreden kann, wenn danach alle darüber reden, und man dann ausgeschlossen ist.

Juliane: Zum Beispiel auch Fußball, da gehen Leute hin wegen der Stimmung, und damit sie mitreden können, auch wenn sie Fußball nicht mögen.

Sophie: Durch so was entsteht ja auch Gemeinschaft. Wenn man während der Fußball-WM mit einem Deutschland-Trikot durch die Stadt gelaufen ist, dann haben die Leute einem zugelächelt und mit einem über Fußball geredet.

Wie empfindet ihr Gemeinschaft dann?

Fionn: Es kommt schon cool, wenn man zu einem Konzert geht, und auf dem Weg dahin sieht man schon die Leute, die alle das gleiche T-Shirt anhaben wie man selbst. Aber das ist auch zwiespältig. Wenn dann beim Tokio-Hotel-Konzert (alle lachen) ein Hiphopper vorbeikommt, wird gleich geschimpft "Ey, was ist denn das für ein Hopper, wie läuft der denn rum".

Warum sind Gruppen so wichtig? Warum war die Welle für die Schüler so attraktiv?

Filipp: Es ist ein Instinkt, dass man Teil einer Gruppe sein will.

Fionn: Ja, ein Grundbedürfnis.

Juliane: Jeder Mensch braucht Anerkennung.

Caro: Man kann Spaß haben alleine, ja, aber alleine gehen Dir die Ideen aus.

Juliane: Und man braucht ein bisschen Bestätigung, dass man weiß, dass man auf der richtigen Seite ist.

Ron Jones, der Lehrer, der das Experiment, auf dem der Film basiert,1967 an einer High School in Palo Alto durchgeführt hat, sagt ‚Das Experiment funktioniert, weil die meisten von uns einsam sind, weil sie keine Familie haben, keine Gemeinschaft, kein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe. Es funktioniert heute noch, an jeder Schule. Geht zu einer Schule bei Euch vor Ort: Wo seht ihr da Demokratie?’ Hat er recht?


Caro: Es gibt ja an jeder Schule die SMV, die Schülermitverwaltung, aber die dürfen bei uns die Parties organisieren und die Kinonacht. Aber bei den wirklich wichtigen Sachen, da haben sie nichts zu sagen.

Sophie: Ich bin stellvertretende Klassensprecherin und unser Klassensprecher hat chronisch keinen Bock, zur Klassenstufensitzung zu gehen, deswegen geh ich da immer hin.

Wenn er keinen Bock hat, warum hat er sich dann wählen lassen? Und: Warum ist er gewählt worden?

Fionn: Ist er hübsch?

Sophie: Er spielt gut Handball und sieht gut aus. Ich bin da das genaue Gegenteil, irgendwie. Ich spiel zwar auch gut Handball, aber ich bin unbeliebt in meiner Klasse.

Und warum haben sie dich gewählt?

Sophie: Weil ich gesagt hab, was ich machen wollte. Und weil sie wissen, dass ich auf den Tisch haue. Ich bin halt nicht jemand, der still rumsitzt, ich setzt mich ein für das Ganze. Wir haben mit der Klassenstufe Acht durchgesetzt, dass wir in der Neunten ein BOGY-Praktikum machen dürfen. Dabei hat die Lehrerschaft gesagt, dass wir im achtjährigen Gymnasium zu wenig Zeit hätten und das Praktikum  gestrichen. Aber wir habe durchsetzen können, dass wir doch ein BOGY machen dürfen. Man kann da schon Sachen im Kleineren angehen, man kann da bestimmt nicht den Schulplan umschmeißen, aber den Stundenplan vielleicht schon. Wenn man sich genug da einsetzt, dann kann man schon was ändern.

Filipp: Das ist halt eine sehr beschränkte Demokratie. Die Leute dürfen sich schon für irgendwas stark machen, von dem sie denken, dass es total toll ist, aber eigentlich wird das nur gemacht, damit die Leute befriedigt sind. Bei den wesentlichen Sachen, zum Beispiel der Frage ‚Geh ich zur Schule oder geh ich nicht’, da gibt es keine Demokratie. Denn dann würde ja auch niemand mehr zur Schule gehen.

Clara: Das glaub ich nicht. Wir hatten die Diskussion gerade in Deutsch. Unser Deutschlehrer hat gesagt, "Ja, wenn ihr keine Lust habt, dann geht doch einfach mal alle". Und dann ist niemand gegangen.

Caro: Bei uns in der Schule haben die Lehrer einen Vertrag ausgehandelt, woran sich Lehrer und Schüler halten müssen, zum Beispiel, dass Hausaufgaben gemacht werden und dass die Tafel gewischt wird. Und jeder Schüler sollte unterschreiben. Und da haben sich ein paar Schüler geweigert, das zu unterschreiben. Einer davon war bei mir in der Klasse, und unser Direktor ist doch extra reingekommen und hat ihn gefragt, also jetzt nicht aggressiv oder so, warum er das nicht unterschreiben wollte. Ein bisschen wurde er da schon unter Druck gesetzt. Weil es doch auch nur zu unserem Besten sei.

Wer hatte über den Vertrag entschieden?

Caro: Lehrer, Eltern und ein paar Schüler. Aber es war schon klar, dass die Regeln eher für Schüler als für Lehrer sind.

Welche Szene hat Euch am meisten beeindruckt?

Juliane: Ich fand es erschreckend, als Tim sich auf einmal selber in den Kopf geschossen hat. Da hat man gesehen, wie verzweifelt er war, und was ihm diese Gruppe bedeutet hat.

Sophie: Die Szene fand ich auch krass. Vor allem, weil das Projekt ja nur ein paar Tage lief. Nach vier Tagen dreht einer so durch, folgt seinem Führer und bringt sich dann um. Wenn man das Projekt nicht abgebrochen hätte, wären die anderen bestimmt auch bald bekloppt geworden.

Fandet ihr das überzeichnet? Denn den Selbstmord und den vorhergehenden Amoklauf, den gab es in dem Experiment, auf dem der Film basiert, nicht. Den haben die Drehbuchautoren dazugedichtet.

Fionn: Ich fand die Szene sehr heftig, der Typ hat das sehr sehr gut gespielt. Tim war total fertig. Ich könnte mir schon vorstellen, dass das auch in echt passiert.

Filipp: Der Film war dadurch sehr klar strukturiert. Einer ist der Dumme, der alles für das System macht, so Typ SS-Mann, das war Tim. Dann gibt es Leute, die alles durchdacht haben und bewusst handeln, wie Dennis, der die Theateraufführung plant. Und natürlich den Führer, also den Lehrer, und die Leute, die dagegen sind, wie Karo und Mona und später auch Marco.

Tim wird als armes reiches Kind dargestellt, der zwar Geld und Markenklamotten hat, aber sonst nicht viel. Seine Freunde erkauft er sich mit Drogen. Könnt ihr die Leere, die er mit der Welle füllt, nachvollziehen?

Clara: Tim ging es in der Welle zum ersten Mal gut, zum ersten Mal hat ihm jemand zugehört. Ich kann schon verstehen, dass er nicht in seine alte Welt zurück wollte.

Juliane: Es gibt viele solche Außenseiter, schon allein in jeder Klasse gibt es meisten einen.

Caro: Tim hat die Drogen ja auch nur verschenkt, weil er Anschluss an diese Gruppe haben wollte. Die haben ihn trotzdem nicht akzeptiert. Als er in der Welle ist und von den Punks angegriffen wird, da haben ihm zum ersten Mal Leute geholfen. Das war bestimmt ein ganz wichtiger Moment für ihn.



Wie habt ihr die Eltern im Film erlebt, zum Beispiel die Eltern von Tim?

Caro: Die waren spießig.

Clara: Spießig, ja, und denen war ihr Sohn eigentlich egal. Es hat sie nicht interessiert, was ihn bewegt hat.

Filipp: Ich würde nicht sagen, dass er ihnen grundsätzlich egal wäre. Ich glaube, sie wussten, dass er eben ein bisschen minderbemittelt ist.

Was meinst Du mit minderbemittelt?

Caro: Das tut mir leid, aber er kommt halt schon leicht behindert rüber.

Filipp: Wie ein Kleinkind.

Fionn: Er hat Komplexe.

Sophie: Tim hat ja schon am ersten Tag seine Markenklamotten verbrannt, er ist sofort in das Extrem gegangen. Wäre er in der Projektgruppe Anarchie gewesen, und der Lehrer hätte von ihm verlangt, dass sie alle Anarchisten werden, dann wäre er sofort zum Punk geworden. Er ließ sich halt besonders schnell mitreißen. Aber ich glaube nicht, dass er minderbemittelt war.

Juliane:
„ch denke, er hatte halt Minderwertigkeitsgefühle und das lag auch an seinen Eltern, weil die ihn eben nicht richtig gewertschätzt haben. Deswegen, denke ich, ist es zum großen Teil ihr Fehler, dass er sich so entwickelt hat.

Am Ende des Films wird Lehrer Rainer Wenger abgeführt und die Schüler schauen zu. Hätte die Polizei nicht auch die Schüler mitnehmen müssen? Hatten die nicht auch Schuld?

Filipp: Tim war natürlich schuldig, denn er hat auf den anderen geschossen. Aber die anderen haben eigentlich nichts Schlimmes gemacht, weswegen sie hätten abgeführt werden müssen. Klar, die haben eine Gruppe gegründet, ja, und da gab es ein paar Schlägereien, aber mehr nicht.“

Sophie: Man kann natürlich die Frage stellen, wer Tim so behandelt hat, dass er sich so ausgeschlossen gefühlt hat, dass er die Welle brauchte. Aber dann hätte man bestimmt schon im Kindergarten anfangen können, und bei den Eltern erst aufhören können, weil sie ihm nicht das Gefühl von Wärme gegeben haben.

Fionn: Ich finde, die Gruppe trägt eine Teilschuld.

Sophie: Sie sind alle auch mit Schuld, denn keiner von denen, außer Mona und Karo, ist stutzig geworden beim Projekt.

Fionn: Die Schüler waren sich ja sehr bewusst, worum es in dem Autokratiekurs ging. Ganz am Anfang erklären sie selbst, was eine Autokratie ausmacht, und keine zehn Minuten später sind sie mittendrin und schnallen es noch nicht mal.

Clara: Ich fand es so real, wie alle geschockt waren, aber man hat schon gemerkt, dass die Schüler das schnell vergessen werden. Nachhaltig haben sie nicht etwas gemerkt.

Sophie: Ich glaub, die waren alle auch sehr mit ihren eigenen Geschichten beschäftigt. Das Mädchen, das Marco geküsst hat, zum Beispiel. Ich glaub, die hat eher wegen des Streits mit ihrer besten Freundin Karo geheult. Ich glaub, die haben alle erschreckend wenig gelernt, so sollte das rüberkommen. Die waren selber in der Sache drin und haben den Lehrer so böse angeschaut und haben nicht gecheckt, dass sie selbst auch mit Schuld waren. Ich glaub, denen könnte genau das auch noch mal passieren.

Caro: Ich fand die Schlussszene ganz toll. Als der Lehrer im Auto sitzt und dann ganz am Ende das Standbild kommt und man sieht, dass er versteht, was passiert ist. Das war mein Lieblingsmoment im Film. Da habe ich Gänsehaut bekommen.

Fionn: Ich fand das Ende absolut top, man hat sich als Zuschauer richtig gelähmt gefühlt. Verdammt, der wollte doch nur Gutes, der Lehrer, der wollte die nur aufwecken, dass das doch noch passieren könnte. Und dann so was.



Warum hat er das während des Experiments vergessen?

Filipp: Er hat selber eine ganze Bewegung erschaffen, das ist jetzt nichts Kleines.

Sophie: Ich glaube, er hat die Sache echt unterschätzt. Und zwar als jemand, der Politikwissenschaften studiert hat und Punk war. Der Lehrer, der seine Schüler reinlegen wollte, ist selber mitgerissen worden und hat die Kontrolle verloren. Er hat vergessen, dass Macht nicht nur auf die Unterrückten wirkt, sondern auch die Unterdrücker verändert.

Filipp: Und er hat seine Behauptung bestätigt, dass Autokratie möglich ist.

Erst beim dritten Mal, als ihm jemand sagt, dass das Projekt gefährlich wird, handelt Herr Wenger. Warum?

Caro: Als Karo ihm das sagt, da hat er die Gefahr noch nicht richtig ernstgenommen, da hat er es noch so als Projekt gesehen.

Fionn: Ich glaube, er konnte das Aumaß der Bindung der Schüler an die Welle nicht einschätzen. Er war deren Führer, kein Teilnehmer, und nicht dabei, als sie nachts sprühen und stickern waren.

David Harnasch hat Die Welle als Film der Woche bei fudder verissen. Er fand, dass der Film voller Klischees war.

Caro: Ja schon, aber das hat geholfen, dass er leichter zugänglich war. Und gerade Tim war nicht klischeehaft dargestellt.

Sophie: Klar war das klischeehaft, der coole Lehrer, den man duzen darf, und der ein Ramones-Shirt anhat und einen Fuck-Bush-Sticker auf dem Briefkasten und laut gröhlend Auto fährt. Aber ein Film lebt halt manchmal von Klischees.

Fionn: Er war zwar schon voller Klischees, aber für einen Teenagerfilm war er gar nicht so arg klischeehaft. Aber alle waren ein bisschen zu reich und zu schön!

Wie, fandet ihr, war der Lebensstil der Jugendlichen dargestellt?

Juliane: Ich fand das sehr gut dargestellt.

Caro: Und die Sprache auch.

Clara: Aber die Party war ein bisschen zu arg. Allgemein fand ich es nicht schlimm, dass es ein bisschen übertrieben war.



Würdet ihr den Film weiterempfehlen?

Sophie: Ja, auf jeden Fall.

Juliane: Ja, vor allem auch für die Schule.

Fionn: Genau.

Filipp: Einerseits schon, war gut, aber andererseits war er zu simpel. Es war zu einfach und zu schnell dargestellt. Ich glaube, man kann ein totalitäres Regime nicht in einer Woche erschaffen.

Angenommen, Euer Politiklehrer würde am Montagmorgen in der Schule so ein Experiment starten würde? Was würdet ihr machen?

Fionn: Ich hoffe, ich wäre wie Mona.

Juliane: Ich glaube, die meisten hätten nichts dagegen. Sie würden sicher sagen ‚So ein Experiment ist ja ganz lustig, machen wir doch erstmal mit.’ Wie im Film.

Die Diskussionsrunde



Caro Niwinski

16 Jahre
11a Deutsch-Französisches Gymnasium
Freiburg



Sophie Passmann

14 Jahre
8. Klasse Heimschule St.Landolin
Ettenheim


Juliane Barbach
17 Jahre
Theodor-Heuß-Gymnasium
Freiburg



Clara Koller
17 Jahre
12. Klasse Rotteck Gymnasium
Freiburg



Fionn Große
17 Jahre
11a  Staudingergymnasium
Freiburg



Filipp Piator

16 Jahre
11b Kreisgymnasium Bad Krozingen
Bad Krozingen

 

Mehr dazu:

Dennis Gansels Film „Die Welle“ basiert auf einem Experiment, das der Geschichtslehrers Ron Jones 1967 an der Cubberley High School in Palo Alto, Kalifornien durchführte, nachdem seine Schüler behauptet hatten, dass Verhaltensformen des Nationalsozialismus bei ihnen nicht vorkommen könnten.

Der Stoff wurde bereits 1981 in den USA verfilmt und von Morton Rhue zu einem Roman verarbeitet, der als Schullektüre beliebt ist. Allein in Deutschland wurde der Roman mehr als 2 Millionen Mal verkauft.

[Diskussionsleitung: Carolin Buchheim, Fotos: Dominic Rock]