"Die war so alt wie ich. Und da hat sie gewohnt."

Aljoscha Harmsen

Wie ist es Kindern und Jugendlichen in Freiburg ergangen, die im Nationalsozialismus von Deportation betroffen waren? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Projekt "Nazi-Terror gegen Jugendliche" und zeigt: Es gibt noch unverbrauchte Ansätze bei der Beschäftigung mit der NS-Zeit.



"Zwölf Schulen sind an der Ausstellung beteiligt und etwa 130 Schüler haben mitgeholfen", sagt Monika Rappenecker, Geschäftsführerin der Katholischen Akademie und Mitorganisatorin des Projekts.


Über zwei Etagen beansprucht die Ausstellung in der Katholischen Akademie – ganz fertig ist sie aber noch nicht. Geschichtstafeln von Freiburger Opfern, Fotografien, Karten und Bilder hängen bislang an den Wänden der Akademie, in der die Ausstellung zu sehen ist. "Wir wollen noch weitere Tafeln aufhängen und haben auch Videos, die wir zeigen möchten", sagt Robert Krais (Foto oben), einer der Organisatoren.



Ziel ist es, dass die Schüler ein authentisches Schicksal nachvollziehen können. Dafür haben die Jugendlichen den Text der Ausstellungstafeln selbst recherchiert und auch mit den noch lebenden Zeitzeugen gesprochen.

Lotte Schwab war eine der noch lebenden Opfer des Naziterrors. Die Schüler haben mit Frau Schwab gesprochen. "Sie lebt heute in Amerika und hat sich sehr gewundert, als wir sie angerufen haben", erinnert sich Krais.



"Wen interessiert denn das? Das ist doch längst vergessen! Was wollt ihr denn?" Mit diesen Fragen reagierte die im Jahr 1928 geborene Zeitzeugin, die einige Jahre lang in Freiburg gelebt hat. Sie kam auf die heutige Lessingschule, die von den Nationalsozialisten zu einer Zwangsschule für Juden gemacht wurde. Im Jahr 1941 wurde sie ins Arbeitslager Gurs deportiert. Damals war sie 13 Jahre alt.

"Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass sie hier in Freiburg noch nicht vergessen ist", sagt Krais. "Anfangs hat sie sich einen Besuch in Deutschland nicht vorstellen können, aber vielleicht kommt sie doch noch nach Freiburg und redet über ihre Erlebnisse – wir warten auf ihre Entscheidung."



Die Schüler haben sich in der Regel jeweils nur mit einer Person beschäftigt. "Auf diese Weise gehen die individuellen Geschichten mehr ans Herz. Einigen ist das Schicksal der Opfer sehr nahe gegangen", sagt Krais. Er erinnert sich an Reaktionen wie: "Die war so alt wie ich. Und da hat sie gewohnt."

Stephanie Brommer, Schülerin des St. Ursula-Gymnasiums, hat zusammen mit Mitschülerinnen einen Film über die Jüdin Ingeborg Hecht und die Auswirkungen der Nürnberger Rassengesetze auf ihr Leben gedreht. Hecht lebt heute in Freiburg.

"Wir haben vorher überlegt, gewisse Themen nicht anzusprechen, aber sie hat uns überrascht: Frau Hecht war ganz offen und locker; sie erzählte uns genau, wie sie das erlebt hat", sagt Stephanie. "Ich habe gut nachempfinden können, wie es damals für sie gewesen sein muss. Sie war in meinem Alter; da denkt man darüber nach, wie gut es einem heute geht."

Stephanie hat mitgemacht, weil sie in ihrem Geschichtskurs die Möglichkeit dazu bekam: "Der Kontakt mit Frau Hecht und die Arbeit an dem Film – das war eine besondere Erfahrung; und diese Ausstellung ist einmal eine andere Idee, sich dem NS-Thema zu nähern."

Finanziert wird das Projekt aus Mitteln der Landesstiftung Baden-Württemberg, und zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 19. März in den Räumen der Katholischen Akademie, Winterer Straße 1.



Mehr dazu:

Homepage: Nazi-Terror gegen Jugendliche