Der richtige (Farb-)Ton

Die "Villa Kunterbunt" in der Wiehre kommt nicht bei allen Nachbarn gut an

Fabian Vögtle

Am Annaplatz streichen Eigentümer ihr Haus in knalligen Farben. Die Stadt sieht keine Verunstaltung und viele Nachbarn freuen sich über den Farbtupfer. Doch einigen Anwohner ist es zu bunt geworden.

Die in der vergangenen Woche frisch gestrichene Fassade eines Hauses am Annaplatz in der Wiehre sorgt für Gesprächsstoff. Anders als die schlumpfblauen Parkplätze an der Dreikönigstraße, bei der die Stadtverwaltung im Juli erstmals einen Verstoß gegen das "Verunstaltungsverbot" sah, hat sie beim jetzt angemalten Haus gegenüber der Annakirche keine Bedenken. Viele Nachbarn freuen sich gar über den Farbtupfer. Doch längst nicht alle Anwohner sind davon begeistert. Der historische Charakter des Platzes ginge so verloren, finden sie.


"Vom ästhetischen Gesichtspunkt ist das ein Schlag ins Kontor", sagt Paula Albrecht. Die Kunstwissenschaftlerin wohnt am Annaplatz und war zunächst geschockt, als das Baugerüst in ihrer Nachbarschaft weg war und die Hausfassade in roter Farbe erstrahlte, mit grünen und gelben Fensterrahmen. Da gehöre eine ruhige Ockerfarbe hin, im Sinne des Bauensembles rund um die Kirche, findet sie. Doch letztlich könne sie den "rührigen" Eigentümer, der viel für die Gemeinschaft mache und vor Ort beliebt sei, auch verstehen. Der wollte halt mal etwas Buntes bieten. Alfred Föhrenbach widerspricht dem nicht. Im Sommer steht das Tor zu seinem Haus häufig offen, in seiner Laube finden hin und wieder Feste statt und in Kürze spielt er für die vielen Kinder am Annaplatz wie schon seit Jahren wieder den Nikolaus. Ihm geht es nicht um Provokation und auch nicht um Streit.

Im Zuge der Dachsanierung habe man auch der abblätternden Fassade einen neuen Anstrich verpassen wollen. Ein Sohn und die Schwiegertochter, die auch im Haus wohnen, wollten es mal bunt.

Bewunderung für den Mut

"Die Idee fand’ ich gut", sagt er und betont das herzliche, dörfliche Miteinander am Annaplatz. Das bestätigen auch andere, befragte Anwohner und loben die Föhrenbachs für ihren Anstoß, der diese Woche zum Gesprächsthema wurde. "Das bricht ein bisschen raus. Ich finde das mutig", sagt eine Frau, die mit ihrer Familie am Platz wohnt. Einige Kinder, die auf dem direkt vor dem Haus liegenden Spielplatz unterwegs sind, freuen sich auch über das aus der Reihe fallende Haus. "Das ist wie die Villa Kunterbunt", sagt ein Mädchen.



Auch Katharina Galli von nebenan sieht das entspannt und glaubt, dass sich die Gemüter bald beruhigen: "Es ist wie es ist, ich freund’ mich damit an", sagt sie. Familie Föhrenbach hatte bei der Stadt angefragt, ob man die Fassade so streichen dürfe. Die Denkmalschutzbehörde stimmte dem Antrag nach Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege zu. Da das Haus kein Kulturdenkmal ist, hätten keine denkmalfachlichen Bedenken bestanden, so Rathaussprecherin Edith Lamersdorf. Auch der Umgebungsschutz der Kirche werde nicht tangiert. In der Regel gibt es für Hausbesitzer nur in der Altstadt und bei denkmalgeschützten Gebäuden Vorgaben über die Farbauswahl. Das war hier nicht der Fall.

Eine Anwohnerin findet dennoch, es könne nicht sein, dass ein Einzelner die historische Umgebung und damit den Charakter des Platzes bestimme. Dafür müsse die Stadt doch weitere Instrumente haben. Bei den knallblauen Parkplätzen vor seinem Haus an der Dreikönigstraße hatte der Eigentümer im Juli laut Rathaus etwa gegen das "Verunstaltungsverbot" der Landesbauordnung verstoßen. Nach Auffassung des Baurechtsamts stellte die Farbgebung in der sensiblen Umgebung der Wiehre eine Verunstaltung da. Das gilt für dieses Haus laut Baurechtsamt jedoch nicht. Ein dunkleres, gedecktes Rot sei für historische Bereiche an Gebäuden üblich, so Lamersdorf.

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