Die verworrene Welt der Schuhgrößen

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, woher die eigentümliche Art der Schuhgrößeneinteilung kommt? Die Weite und die Länge von handelsüblichen Jeanshosen sind in Inch angegeben, was wegen der Herkunft dieser Beinkleider nachvollziehbar und leicht verständlich ist. Doch für Schuhe gibt es nicht nur mindestens drei verschiedene Maßsysteme, sondern diese haben alle auch nur entfernt oder kompliziert etwas mit der Länge eines Fußes zu tun. Denn früher war es egal, in welcher Größe ein Schuster die Schuhe anfertigte, Hauptsache sie passten. Aber dann kam die industrielle Massenfertigung...

Leider versäumten es die größer werdenden Schuhproduzenten, sich auf ein Maßsystem zu einigen. So gibt es noch heute – im Wesentlichen – drei Maße: Das französische, das britische und das amerikanische. Und auch die sind von Hersteller zu Hersteller verschieden, da der eine die Fußinnenlänge als maßgebend ansieht, der andere die Schuhinnenlänge und wieder andere auch noch die Breite des Fußes/des Schuhs berücksichtigen.


Das französisch-deutsch-italienische Maß basiert auf dem französischen Stich; die genormte Nahtstichlänge des "Pariser Stichs" beträgt 2/3 Zentimeter, was als kleinste Abstufung 3,3 Millimeter pro halbe Größe erlaubt. Dies bezieht sich auf die Naht, mit der die Sohle am Schuh rundherum befestigt wird. Die von der Industrie angenommenen Normalgrößen sind hier 37 für Damen und 43 für Herren.

Noch etwas undurchschaubarer ist das – wohl älteste – britische System. Das beginnt bei Schuhgröße 1, die 4 Inches (= 10,16 cm) Schuhinnenlänge entspricht. Das ist, wie man sich vorstellen kann, ein recht kleiner Kinderschuh. Die nächsten Größen sind dann in Intervalle von 1/3 Inch (= 8,46 mm) eingeteilt. Doch bei Größe 13 (etwa 22.01 cm) gibt es plötzlich wieder Größe 1: Hier beginnen die Schuhgrößen für Erwachsene.

Das amerikanische Schuhgrößensystem ist ähnlich aufgebaut, nur beginnt das Boston Foot Sizing System nicht bei 4 Inch für Größe 1, sondern bei 3 11/12 Inch, eine Größe ist also reichlich 2 Millimeter kürzer als in der britischen Messart. Auch hier beginnen für Herren wie für Damen ab Größe 13 wieder neue Schuhgrößen.

Das Problem ist, dass viele Schuhhersteller nicht einmal den Unterschied zwischen dem britischen und dem amerikanischen System beachten, was auch teiweise nachvollziehbar ist: Es gibt nämlich mehrere amerikanische Schuhgrößensysteme (z.B. Brannock-Size), die so weit verbreitet wie nicht vergleichbar sind.

Dass so ein Wirrwarr auf dem gut durchgeregelten Europäischen Binnenmarkt möglich sein soll, erscheint undenkbar. Und richtig: Es gibt ein internationales System, das sowohl die Schuhlänge als auch die -weite berücksichtigt. Doch dieses Mondopoint genannte System (mit SI-Einheiten) benutzen derzeit nur sehr wenige Hersteller von speziellen Schuhen, wie etwa Militärstiefeln, Skischuhen oder Birkenstock-Latschen.

Dem normalen Schuhkäufer bleibt also weiterhin nichts anderes übrig, als sich die eigene ungefähre Größe zu merken und sich im Laden hinzusetzen und zu probieren, und zu probieren, und zu probieren. Und wenn genug probiert wurde, zum Krafttanken danach passenderweise eine Pizza Funghi essen gehen.