Die Schönheit in anderen Songs suchen: Sänger Jochen Distelmeyer im Interview

Bernhard Amelung

Jochen Distelmeyer, einst Kopf der Band Blumfeld, kommt mit den Songs seines aktuellen Albums "Songs From The Bottom Vol. 1" ins Freiburger Jazzhaus. Bernhard Amelung hat mit ihm gesprochen – über Britney Spears, die Schönheit der Songs und das Scheitern.

Fudder: Herr Distelmeyer, was ist Ihnen passiert, dass Sie auf Ihrem aktuellen Album einen Song von Britney Spears covern?
Jochen Distelmeyer: Bevor ich das Album "Songs From The Bottom Vol. 1" veröffentlicht habe, habe ich einen Roman geschrieben, der sich in groben Zügen an Homers Odysee orientiert. Während ich mich mit den antiken Sagengestalten beschäftigt habe, zum Beispiel den gefährlichen Sirenen, erschien mir "Toxic" von Britney Spears wie eine Anrufung dieser Sirenen. Ich fand es sehr sinnfällig, mit meiner Version auf Britney Spears’ Sirenengesang zu antworten.


Fudder: In "Toxic" beschreibt Britney Spears, wie ein Mann für sie zur Droge wird und sie nicht mehr von ihm los kommt. Inwieweit treten Sie als Sänger nun in die Rolle der Spears?
Distelmeyer: Eigentlich bleibe ich die ganze Zeit über Jochen Distelmeyer. Ich habe den Text aus der Perspektive eines Mannes gesungen. Ich denke, diesen können sowohl Frauen als auch Männer singen. Denn jeder hat mit dem Verliebtsein, mit rauschhaften und vielleicht gefährlichen Liebschaften seine Erfahrungen gemacht.

Fudder: Also eine Chiffre für kraftraubende, aufzehrende Beziehungen?
Distelmeyer: Ja. So kann man das durchaus sehen. Andererseits kann eine Beziehung auch leidenschaftlich und verheißungsvoll sein, obschon man weiß, dass sich das Ganze wie Abhängigkeit anfühlt. Das macht ja auch häufig die Passion des Verliebtseins aus. Das ist Teil des Spirits.

Fudder: Auf "Songs From The Bottom Vol. 1" haben Sie auch Songs von Joni Mitchell und Lana Del Rey interpretiert, starken, schillernden Frauen der Popwelt. Was fasziniert Sie an diesen?
Distelmeyer: Da muss ich unterscheiden. Joni Mitchell empfinde ich als eine wesentlich stärkere, schillerndere, für meine Arbeit auch viel interessantere Gewährsfrau. Meine Version von "Just Like This Train" stellt dementsprechend auch eine Verbeugung vor einer Singer-Songwriterin und Gitarristin dar, die für mich einzigartig ist. Sie ist eine vollständige Künstlerin.

Im Falle von Britney Spears oder eben Lana Del Rey waren es die Songs, die mich angesprochen haben und die ich schön zu covern fand. Sonst haben sich beide Sängerinnen für mich noch nicht so schillernd dargestellt. Da bleibt abzuwarten, was da noch passiert.

Fudder: Was war beim Einspielen der Songs die größte Herausforderung für Sie?
Distelmeyer: Ich wollte das Einfache der Lieder, ihre Klarheit und Direktheit, wiedergeben, und zwar in einer auf Gitarre, Klavier und meine Stimme reduzierte Form. So wollte ich zum Kern der Stücke vordringen. Die Herausforderung dabei war, hörbar zu machen, um was für Lieder es sich handelt und wie gut die Texte auch gerade bei den Songs sind, bei denen man vielleicht sonst nicht so genau hin hört.

Fudder: Wo mussten Sie bei diesem Album ganz von vorne beginnen, um einmal eine Bedeutung von "from the bottom" zu zitieren?
Distelmeyer: Eigentlich fängt man bei jedem Song von vorne an. Da spielt es keine Rolle, ob man ihn selbst schreibt oder covert. Für meine Coverversionen habe ich mich den Songs als Fan genähert. Stücke, die ich gut fand, wollte ich auf eine ganz intuitive, manchmal vielleicht auch naive Art spielen.

In der Frage schwingt für mich nämlich etwas Bewusstes und Handwerkliches mit. Doch darüber denke ich nicht nach. In dem Moment, in dem mich ein Lied anspricht, behandle ich eine Coverversion wie einen eigenen Song. Ich spiele ihn und denke nicht darüber nach, was ich machen muss. Ich vertraue da ganz meinem Gefühl und gehe mit dem Flow, der bereits in der geschriebenen Version der Stücke angelegt ist.

Fudder: Das klingt sehr spontan.
Distelmeyer: Ja. Das ist es auch.

Fudder: Mit jedem Song, den Sie covern, betreten Sie eine fremde Welt, die Welt des...
Distelmeyer: Nein. Das ist für mich keine fremde Welt. Die Songs sind Teil meiner Welt. Deswegen kann ich mich mit den Songs anderer Interpreten auch verbinden und entdecke Eigenes, wenn man so will. Das verhält sich genau so, als ob man Musik hört und das Gehörte einen tief berührt. Bei manchen Künstlern mag das vielleicht mehr der Fall sein als bei anderen. Aber eigentlich habe ich stets das Gefühl, dass die gecoverten Songs meine Songs sind.

Fudder: "I Could Be The One", im Original von Avicii und Nicky Romero produziert, findet auf großen Festivals wie dem Tomorrowland in Belgien statt. Dazu gehen Hunderttausende ab. Inwieweit entspricht dieser Song Ihrer Welt?
Distelmeyer: Ich habe diesen Song zum ersten Mal im Radio gehört. Was mir sofort gefallen hat, war die Melodieführung. Davon konnte mich auch das ungelenke Geballer dieser doch sehr arrangierten Version nicht ablenken.Auch der Text hat mich berührt. Ich wollte das Unschuldige darin, den schillernd-schönen Kern, herausarbeiten. Der nämlich liegt versteckt unter dem Effizienzgeballer.

Fudder: Sie suchen die Schönheit in anderen Songs.
Distelmeyer: Das ist richtig, ich suche die Schönheit in anderen Songs.

Fudder: Was macht für Sie die Schönheit eines Songs aus?
Distelmeyer: Mir gefallen einfache, klare, direkte Gesten. Da bietet Popmusik im Allgemeinen sehr viel. Doch da schießen so viele andere Genres durch meinen Kopf. Das Musikspektrum, das mich interessiert, das ist so breit gefächert. Vielleicht gehört zur Schönheit auch dazu, sobald mich ein Song sofort bewegt, in welcher Form auch immer. Zum Beispiel, dass ich dazu tanzen möchte. Oder dass ich das Gefühl habe, dass mich das Gesungene sofort etwas angeht.

Fudder: Einfache Songs – bilden diese auch das Fundament Ihres Albums?
Distelmeyer: Ja.

Fudder: Einige dieser Songs haben Sie auch auf den Lesungen zu Ihrem Roman "Otis" gespielt. Inwieweit gehören Roman und Album zusammen?
Distelmeyer: Man muss das Buch nicht gelesen haben, um Gefallen an meinen Coverversionen zu finden. Ich habe das Album unabhängig von meinem Roman aufgenommen. Aber die Idee dazu, eine Coverplatte zu machen, ergab sich aus den Lesungen, auf denen ich auch gesungen habe. Insofern bildet "Songs From The Bottom Vol. 1" eine Art Schlussakkord zu der Geschichte und den Gedanken, die ich in diesem Roman entwickelt habe. Eine Art übergeordnetes Ende einer Irrfahrt, die ich im Roman ja eher offen lasse.

Fudder: Der Held in "Otis" ist ja ein Mensch, der strauchelt, scheitert und sich in gefühlsschweren Situationen befindet. An welchem Punkt hätten Sie mit Ihrem Album scheitern können?
Distelmeyer:Ich denke nicht in der Kategorie des Scheiterns. Das Verfassen von Texten, das Schreiben eines Buches, das Aufnehmen eines Albums sind alles Bereiche, in denen ich mich sehr wohl fühle. Ich weiß dabei, was ich tue und kann auch darauf vertrauen.

Dass mein Romanheld strauchelt, kann ich so nicht unterschreiben. Er ist jemand, der umherirrt und sich treiben lässt. Gescheitert ist er auch nur in einem Punkt: Seine Beziehung ist auseinander gebrochen. Und so nimmt er Abschied von einer Welt, die ich im Roman als eine längst Gewesene darstelle.

Fudder: Also auch ein Schlussakkord.
Distelmeyer: Durch diesen Abschied entsteht erst der Held.
Zur Person

Als Mitgründer und Sänger der Band Blumfeld (1990 – 2007) hat der 1967 in Bielefeld geborene Jochen Distelmeyer deutsche Popgeschichte geschrieben (u.a. "L’état et moi", 1994). 2009 hat er mit "Heavy" sein erstes Solo-Album, 2015 seinen ersten Roman "Otis" veröffentlicht.

  • Was: Jochen Distelmeyer präsentiert "Songs From The Bottom Vol. 1"
  • Wann: Dienstag, 13. September 2016, 20 Uhr
  • Wo: Jazzhaus Freiburg