Die Normalität des Ungewöhnlichen

Anne-Sophie & Imke Plesch

Im Haus Lichtblick in Seefelden leben ein Pfarrer, ein Ehepaar mit zwei Kindern und neun Menschen mit psychischen oder körperlichen Erkrankungen in einer WG zusammen. Imke und Anne-Sophie haben sie besucht.



Ein guter Platz zum Leben

8.30 Uhr. Noch etwas verschlafen sitzen die Bewohner von Haus Lichtblick im Speisezimmer um die Tische, die einen großen Kreis bilden. Kleine Narzissensträuße zwischen den Tellern, draußen regnet es. Claudia erzählt vom Kinofilm „Die Welle“, Brigitte reicht den Kaffee und die Brötchen herum. Eigentlich wie in jeder beliebigen Studenten-WG. Eine gewöhnliche WG ist das Haus Lichtblick aber nicht.

 
Die Hälfte der Hausbewohner kann wegen psychischer Erkrankungen nicht mehr arbeiten. Sie leben von Sozialhilfe oder kleinen Berufsunfähigkeitsrenten. „Zum Leben zu wenig und zum Sterben zuviel“, klagt Laure. „Fünf Euro bleiben mir noch für die nächsten zwei Wochen.“ Die 42-jährige Französin muss sich durchkämpfen.

Abschieben wollten die Behörden sie, als sie vor einigen Jahren plötzlich an starken Depressionen erkrankte, ihren Beruf als Kinderpflegerin nicht mehr ausüben konnte und nach einem Klinikaufenthalt fast auf der Straße gelandet wäre. Im Sommer 2007 zog sie aus dem Haus Lichtblick in eine eigene Wohnung. Vor ein paar Wochen kehrte sie wieder zurück. „Ich konnte einfach nicht alleine sein.“



„Unsere Idee war eigentlich, ein stationäres Hospiz aufzumachen. Dann haben wir aber festgestellt, dass es ganz viele Menschen gibt, die keineswegs im Sterben liegen, aber trotzdem keinen guten Platz zum Leben haben“, erzählt Klaus Schober, 60, Pfarrer a.D. und Mitbegründer des Haus Lichtblick. Lange weiße Haare, energisches Auftreten und Birkenstock-Sandalen. Socken trägt der Pfarrer das ganze Jahr über keine, „außer im Gottesdienst natürlich und vielleicht mal im Theater.“

Gemeinsam mit der Altenpflegerin Birgit Lenzen rief er vor über fünf Jahren das Wohnprojekt ins Leben und fand im ehemaligen Dorfgasthaus den passenden Ort dafür. Beide leben selbst im Haus Lichtblick, Birgit Lenzen gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren zwei jugendlichen Kindern in einer Wohnung im ersten Stock.



Stress mit den Behörden

Als die Post verteilt wird, kommt Stress auf. Laure hat einen Brief von der Stadt Freiburg bekommen. Ihr stehe kein Wohngeld zu, so die Behörden. Claudia, 35, mischt sich in die Diskussion ein. „Selbst das wenige Geld, das einem zusteht, wollen die nicht herausrücken. Da zählt nur der Paragraph und nicht der Mensch. Als hätte man mit der Krankheit nicht schon genug zu kämpfen!“ Eine der wenigen Situationen, die an diesem Tag zu eskalieren drohen, in dieser sonst so friedlichen Wohngemeinschaft.

Damit das Miteinander möglichst reibungslos klappt, gibt es Regeln und Pflichten im Haus. Drei Seiten hat der Putzplan am Kühlschrank. Heute ist Laure mit Kochen dran. Rumpsteak, Kartoffelgratin und grüne Bohnen, dazu gemischter Salat und als Nachspeise Straciatella-Joghurt mit Apfelstückchen. Die Kochkünste der Französin schätzt die WG. Geschirr klappert, Brigitte spült noch den Rest vom Frühstück und stellt den Aufschnitt zurück in den Kühlschrank. Julia macht sich einen Tee.

Eigentlich gefällt es ihr im Haus Lichtblick ganz gut, doch ab und zu würde sie sich schon gern eine eigene Wohnung nehmen. In guten Zeiten fühlt sie sich dazu auch in der Lage, aber ihre gesetzliche Betreuerin rät ihr davon ab.



Julia ist manisch-depressiv. Ihr Leben pendelt zwischen Hochs und Tiefs wie bei einer Achterbahnfahrt. Auf eine aktive Phase folgt immer eine Zeit der völligen Antriebslosigkeit. Allein leben kann Julia deshalb nicht. Die Gemeinschaft im Haus Lichtblick ist für sie das kleinere Übel im Vergleich zum betreuten Pflegeheim.

Die meisten der Bewohner haben Psychatrie-Erfahrungen gesammelt, meist nicht sehr positive. „Als ich das erste Mal in der Klinik war, gab es dort noch regelmäßig Massagen, die einem einfach sehr gut tun. Heute beträgt die Wartezeit für eine Massage drei Monate", sagt Julia. Auch Gespräche und Arbeitsangebote würden seltener – die einfachere Lösung sei eben die Verabreichung von Psychopharmaka.



Leben und Tod unter einem Dach

Im Haus Lichtblick soll das Leben so normal wie möglich ablaufen. „Wir sind keine therapeutische Einrichtung“, betont Klaus Schober immer wieder. Die gemeinsamen Mahlzeiten sind Pflicht, ansonsten macht jeder den Tag über das, was er will. In die Stadt gehen, den Freund besuchen oder im eigenen Zimmer fernsehen.

Schober selbst zahlt wie Birgits Familie und die neun weiteren Bewohner ganz normal Miete und Essensgeld. „Jeder zahlt allerdings unterschiedlich viel. Man bringt soviel ein, wie man kann."

Neben dem Wohnzimmer liegt ein speziell umgebautes Pflegezimmer, in dem auch Menschen mit körperlichen Behinderungen aufgenommen werden können. Oder Todkranke. Wie Andrea, die Krebs hatte und mit 29 ins Haus kam, um dort in Frieden zu sterben. „Keine leichte Zeit, aber letztlich eine sehr große Bereicherung für das ganze Haus“ so Schober.



Zurück in der Küche. Bernhard schaut den Frauen beim Kochen zu. Von Geburt an durch eine körperliche Behinderung beeinträchtigt, musste der 46–Jährige nach dem plötzlichen Tod seiner Eltern in der WG vieles erst lernen. Wäsche waschen zum Beispiel. Jetzt wollen die Frauen im Haus ihm das Kochen beibringen. Damit könne man bei Frauen auf jeden Fall punkten, versichern sie. Normalerweise ist Bernhard mittags gar nicht zuhause. Seit 26 Jahren arbeitet er bei einem Automobilzulieferer in Freiburg. Und aufs Kochen scheint er sowieso nicht so viel Lust zu haben.

Starker Zusammenhalt

„In der heutigen Gesellschaft vereinsamen die Menschen immer mehr. Dadurch nehmen auch die psychischen Krankheiten stark zu. Es sollte wieder viel mehr Formen des Zusammenlebens geben“, sagt Laure, während sie den Karottensalat in die riesige Schüssel füllt.



Nach über fünf Jahren ist für Klaus Schober klar, dass das Projekt ein Erfolg ist. „Eine sehr intensive Art zu leben ist das schon, es gibt viele Höhen und Tiefen. Und für die Kinder von Birgit war es auch nicht immer leicht. Aber ich lebe total gerne hier. Die Gemeinschaft gibt auch mir und Birgit sehr viel. Es ist für mich die Erfüllung eines Lebenstraums.“

Für die Zukunft wünscht er sich noch einen Mitbewohner mit Down-Syndrom. Der würde noch mehr Leben in die Bude bringen.

Mehr dazu:

Website: Haus Lichtblick