Die Nestrockerin: Nina von Kanitz und ihr Spielhaus aus Matratzen

Rebekka Sommer

Als Kind hatte die Freiburgerin Nina von Kanitz ein Spielhaus aus Matratzen. Jetzt produziert sie das Spielmöbel selbst - obwohl das Produzieren für sie Neuland ist. Die Geschichte des Labels "Nestrocker" von der Idee bis zum - fast fertigen - Produkt:



Ninas Kindheitserinnerungen sind rot-weiß-kariert. Das Karomuster durchzieht ihr Fotoalbum: Erst sieht man Nina als Baby im Strampelanzug auf der grünen Wiese, die karierten Kissen sind zu einer Krabbelfläche ausgebreitet. Eine Seite weiter: Nina kann jetzt sitzen, und zwar im karierten Häuschen. Der fünfte Geburtstag: Die blonde Nina präsentiert einen neuen Body, hinter ihr die rot-weißen Kissen, diesmal sind sie zum Sofa aufgebaut.


„Meine beiden Brüder und ich, wir haben diese Kissen geliebt“, sagt sie heute. „Man konnte darauf hüpfen, darin kuscheln und Kassette hören, oder sich in ihnen verstecken.“ Einige der sepia-stichigen Fotos hat die 33-Jährige vor sich auf einer Bierbank im Hof der Alten Blechnerei ausgebreitet. Hier, im Freiburger Jugendstil-Stadtteil Wiehre, teilt sie ein Büro mit sieben anderen Kreativen.

Nina von Kanitz selbst ist eigentlich Kommunikationsfachfrau. Als Angestellte hat sie zuletzt Marketing für Pharmafirmen gemacht. Jetzt ist sie selbständig und lebt von einem Kredit. Eine Näherei legt gerade letzte Hand an den mittlerweile sechsten Prototyp des multifunktionalen Spielhäuschens, das Nina unter dem Label „Nestrocker“ getauft hat - im September sollen, endlich, endlich, die ersten 50 Sets geliefert werden. Fast zwei Jahre wird es dann gedauert haben, bis die Idee Wirklichkeit wurde.



Als einer von Kanitz’ „Brüdern“, der eigentlich der Nachbarsjunge war, zum zweiten Mal ein Kind bekam, durchsuchte sie die Spielzeugkataloge nach einem solchen Matratzenhäuschen. Das gab es nicht mehr. Doch das Produkt schien so simpel, die Idee verlockend, es einfach selbst anfertigen zu lassen. „Bei meinem alten Arbeitgeber war ich gerade zur Teamleiterin aufgestiegen“, sagt die Geschäftsfrau, „die Selbständigkeit habe ich mir deshalb lang überlegt. Aber an meinem 32. Geburtstag sagte ich mir: Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Und meldete ein Gewerbe an.

Was dann folgte: Knöpfe, die nicht hielten, Geschäftspartner, die nicht kommunizierten, Kleinkinder, die keine Druckknöpfe auf- und zumachen konnten. Nina erfuhr allerhand über EU-Vorschriften, Produktionskosten regionaler Nähereien und die Beschaffenheit des eigenen Nervenkostüms. Irgendwann erfuhr sie auch, Gott sei Dank, dass es mittlerweile langlebige Klettverschlüsse gibt, die stabil bleiben und nicht nach wenigen Jahren verfusseln - das war die Lösung des Knopfproblems. Und sie erfuhr, dass Freiburg - im Vergleich zu Berlin, wo die gebürtige Wittnauerin studiert hatte - eigentlich ein ganz gutes Pflaster für Selbständige ist.

„Die Menschen sind hier offen: Fast jeder, mit dem ich über Nestrocker spreche, kennt jemanden oder weiß etwas, das mir nützlich sein könnte.“ Kürzlich suchte die junge Produzentin zum Beispiel nach einem neuen Küchentisch - am Ende des Tages hatte sie einen ersten Kunden, der Nestrocker in seinem Möbelhaus, dem Magazin in Freiburg, ausstellen will.

Langlebig und vielfältig, kindersicher, abwaschbar und ökologisch einwandfrei - so soll Nestrocker sein. „Man soll jede der sechs Matten in jeder erdenklichen Position miteinander verknüpfen können. Deswegen habe ich an der Verschlusstechnik lange herumgetüftelt“, sagt Nina. 90 mal 90 Zentimeter groß ist jede einzelne Matte: „So passen mehrere Kinder, sogar zwei Erwachsene, ins Häuschen hinein. Und man kann Nestrocker auch als Gästematratze nutzen.“



Allerdings brauchen Familien viel Platz für die Anschaffung. Und Geld: Gut 500 Euro wird Nestrocker am Ende kosten, und das ist knapp kalkuliert, trotz mancher Kompromisse, die Nina von Kanitz eingegangen ist. Hohe Kosten verursacht auch die Logistik. Die ersten fünfzig Sets mit jeweils sechs Matten werden viel Lagerfläche brauchen.

Trotz allem liegt ein Strahlen auf dem Gesicht von Nina von Kanitz, als sie an einem Juni-Nachmittag in der Hofeinfahrt der Alten Blechnerei die alten Fotos durchblättert und von ihrem Unternehmertum erzählt. Und das nicht nur wegen der Sonne, die sich gerade hinter grauen Wolken hervordrückt. Auf der Spielzeugmesse in Nürnberg, wo sie im Frühjahr 2012 einen der ersten Nestrocker-Prototypen präsentierte, dessen Knöpfe noch ständig Gefahr liefen, abzuplatzen, konnten sich die Fachhändler vor Begeisterung kaum halten.

„Sie sagten alle, Nestrocker sei so innovativ - und das, obwohl da 15 Hallen voller Spielzeug standen.“ Nina ist heute noch perplex, wenn sie daran denkt. Eine Redakteurin der Zeitschrift „Family und Co“ schlug Nestrocker sogar für den Spielzeugpreis „Das Goldene Schaukelpferd“ vor - der Hauptpreis ist kostenlose Werbefläche in mehreren Magazinen.

Die Unternehmerin wittert Erfolg. Hat sie auch schon Ideen für neue Produkte? „Ja-ha“, lacht sie gequält auf. Viele Ideen sogar. Nicht nur für neue Produkte, sondern auch für Accessoires, Erweiterungen und Marketinggags für Nestrocker - sie sprudeln geradezu aus Nina heraus. „Aber erstmal muss ich mich auf den Kern von Nestrocker fokussieren“, sagt sie und richtet ihren Rücken gerade auf. Das muss eine richtig runde Sache werden.

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[Bilder 1 und 3: Rebekka Sommer; Bild 2: Promo]