Die nächste Dimension von Kitsch: Scala & Kolacny Brothers im Konzerthaus

Martin Jost

Ihr MIA.-Cover von "Hungriges Herz" ist durch eine Volksbank-Werbung berühmt geworden. Nach dem Motto: Alles klingt gut, solange es ein Chor singt covert Scala sich durch die Popgeschichte. Montag war der belgische Mädchenchor im Konzerthaus. Wie’s war?


Und schauerlich gedreht im Kreise,
Beginnen sie des Hymnus Weise,
Der durch das Herz zerreissend dringt,
Die Bande um den Sünder schlingt.
Besinnungraubend, Herzbethörend
Schallt der Erinnyen Gesang,
Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,
Und duldet nicht der Leier Klang.

Friedrich Schiller beschreibt in seiner Krimi-Ballade „Die Kraniche des Ibykus“ den unheimlichen Auftritt eines düsteren Chores aus mythischen Rachegöttinnen. Das Publikum bekommt weiche Knie und die eiskalten Mörder, die sich auf der Tribüne verstecken, erleiden einen Nervenzusammenbruch von der Chormusik und von der Bühnenshow. Daran musste ich beim Konzert von Scala & Kolacny Brothers die ganze Zeit denken.

Eine 15 Frauen starke Abordnung des Mädchenchors Scala unter der Leitung von Stijn und Steven Kolacny zeigte seine Performance aus glockenhellem Gesang, Licht, Techno, projizierten Videos von Ausdruckstanz und Wolfsrudeln, Tonnen von Bühnennebel und sperrigen Choreografien in Glitzer-Eso-Fummeln (Seidentücher unter den Armen; schwarze Vogelfedern an den Schultern; und immer wieder synchronisierte Scheibenwischer-Gesten mit den Händen) am Montag im Konzerthaus.

Berühmt geworden sind Scala & Kolacny Brothers durch originelle Chor-Arrangements aus der ganzen Rock-Geschichte. Rammstein, Ärzte, Radiohead – alles hat Arrangeur Steven Kolacny in zuckersüße Vielstimmigkeit gegossen und Werbefilmer und Hollywood haben es dankbar aufgegriffen. Oft ironisch gemeint, könnte man meinen. Das Gruselige an der Live-Show ist, dass hier scheinbar nichts ironisch gemeint ist. Knallharter Eso-Mystik-Kitsch. Die Scala-Show ist wie Straßenmalerei von ge-airbrushten Einhörnern auf nachtblauen Fantasy-Planeten. Wie getragene Deowerbung aus den Neunzigern. Wie Coldplaysongs, aus denen man alles außer dem Chor-Refrain raus geschnitten hat. Was bleibt dann noch von Musik? Kein Vollkorn, nur Zuckerguss.

Schrei nach Liebe - Scala & Kolacny Brothers



Quelle: YouTube


Was macht das mit mir?

Reden wir nicht über Steven Kolacnys eigene Kompositionen. Erinnert sich noch jemand an Eurodance? Möchte das jemand von einem DJ mit Chor hören, weil der Text ja so viel Gewicht verdient? Die eigenen Kompositionen heißen “Love in Primary Colors”, “Butterfly” oder “Black Moon”. Ich weiß plötzlich sehr bewusst zu schätzen, dass Chöre sonst in schlichten Anzügen auf der Stelle stehen und schwarze PVC-Mappen vor sich halten.

Nach 70 Minuten ist das Programm durch. Unruhe in der 40-Euro-Kategorie. Zum Glück gehört die vier oder fünf Lieder lange Zugabe noch mehr oder weniger fest zur Show. Stijn Kolacny freut sich noch einmal über die tolle Akustik. Der Ironieverdacht liegt nahe, ist aber wahrscheinlich fehl am Platz. Der Chor sang mit Headsets elektronisch verstärkt. Außer schmutzigen Höhen gaben die Lautsprecher nichts ab. Die Akustik war so toll wie bei der Pausenmusik im Stadion.

Bleibt die Frage, warum ich Kitsch nicht Kitsch sein lassen kann. Warum ich ätze. Die Antwort: Das Konzert hat gewirkt. Ich war gerührt. Ich kann keinen Zuckerguss mehr sehen, aber er schmeckt so unglaublich süß. Es passt nicht in mein Selbstbild, dass ich anfällig bin für gefällige Sentimentalität. Ohne Gefühle wäre ich glücklicher. Ich muss raus hier, oder ich kriege einen Nervenzusammenbruch.

Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet
Noch zweifelnd jede Brust und bebet,
Und huldiget der furchtbarn Macht,
Die richtend im Verborgnen wacht,
Die unerforschlich, unergründet
Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht,
Dem tiefen Herzen sich verkündet,
Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.

Scala - Hungriges Herz | Orginal Video

Quelle: YouTube


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