Die Musik spüren: Der Choreograf Eko Supriyanto und die Gehörlose Lua Leirner im Theater Freiburg

Alicja Schindler

Vor 13 Jahren begleitete er Madonna auf ihrer Welttournee, am Mittwoch trat er mit der gehörlosen Künstlerin Lua Leirner im Theater Freiburg auf: der indonesische Choreograf Eko Supriyanto. Wie das war und was am Wochenende beim Tanzfonds-Erbe-Projekt noch passieren wird:



Eine Frau mit Lockenkopf und weitem Gewand betritt die Bühne. Behutsam hält sie etwas in ihren Händen. Kniet sich hin, schaut hinab und hebt den Kopf. Ihr Gesicht wird nun von einer Maske verdeckt. Es ist still, bis ein dröhnender Bass aus der Tiefe erst den Boden und dann den ganzen Raum zum Vibrieren bringt.


Luftballons quietschen. „Damit Sie die Musik spüren können“, begründet Tanzkuratorin Anna Wagner das Austeilen der Ballons am Eingang. Die Zuschauer umfassen die bunten Kugeln. Auf der Bühne tanzt Lua Leirner. Sie ist gehörlos und hat innerhalb von zweieinhalb Wochen eine Choreografie gelernt, die Eko Supriyanto im Rahmen einer Archiv-Arbeit mit ihr erarbeitet hat.

Handgesten des javanesischen Tanzes treffen auf Gebärdensprache. Sie gleitet aus dem Raum, und der Choreograf selbst betritt die Bühne. Scheinbar entspannt. Plötzlich zieht sich sein Körper zusammen und endet in einer aggressiven Kampfhaltung. Eko tanzt ohne Musik. Doch wenn seine Füße rhythmisch zucken und von seiner Körpermitte fließende Bewegungen ausgehen, scheint sich der Tänzer in einer schalldichten Blase zu bewegen, die gerade von heftigsten Trommelbeats in Schwingung versetzt wird. Nach der Vorstellung sagt eine Zuschauerin: „Ich habe eine Musik in Ekos Körper gehört.“

Moderner Tanz aus einem anderen Blickwinkel

Während drei Monaten besetzte das Julius-Hans-Spiegel-Zentrum nun das Winterer-Foyer, in dem sonst eher gesittet Sekt getrunken und Opern vorgestellt werden. Benannt nach dem Berliner Julius Hans Spiegel, der in Zeiten von Wiener Walzer und Charleston als gehörloser, homosexueller, „exotischer“ Tänzer in Sarong und Sandalen auftrat, erforschten nun Choreographen und Experten unter seinem Namen Exotismen der Tanzmoderne.

Tatsächlich sind sie welche der ersten, die die Moderne im Tanz aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Gerade Künstler, die sich außereuropäischen Kulturen zuwandten, revolutionierten den Tanz und brachen mit der dominanten Tradition des Balletts. Und nicht, wie oft vermutet, allein Einflüsse aus Europa und Nordamerika. Von Freitag bis Sonntag finden im Rahmen des Abschlussfestivals Vorträge von Kunst- und Tanzwissenschaftlern, Künstlergespräche, Filmvorführungen und Performances statt.

Mehr dazu:

Weitere Vorstellungen von „Vol" mit Eko Supriyanto und Lua Leirner am Samstag, 5. April, 20 Uhr und Sonntag, 6. April, 19 Uhr. Das komplette Programm des Projekts steht auf der Website des Theaters Freiburg.
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[Foto: Maurice Korbel]