Die Lesereihe "zwischen/miete" holt Autoren in Freiburger Wohnzimmer

Johanna Hasse

Junge Literatur für junge Leute gab es am Freitag in der Reischstraße mit dem Autor Tijan Sila. Es war ein befristetes Zusammensein von Mitbewohnern, Autor und Literaturinteressierten. Fudder-Autorin Johanna Hasse hat sich die Lesereihe angeschaut.

Es wird geraschelt und geraunt, Bier getrunken, im Schneidersitz an der Wand gelehnt. Es ist eng geworden, man sitzt, steht, hockt dicht beieinander, während gespannt gelauscht wird. Und der Autor mittendrin, ohne Distanz und Bühnencharakter liest er aus seinem Debütroman. Drei Mal im Semester öffnet eine Freiburger WG ihre Türen und gibt Schlafzimmer, Küche, Balkon und Besenkammer frei für die junge Schriftstellergeneration.


Anette, Bastian, Jana und Sebastian stellen an diesem Abend ihre Gemächer für den Autor Tiljan Sila und das Publikum bereit. Boden, Betten, Sofas – alles wird frei geräumt für die temporären Mitbewohner, die zahlreich erscheinen und es sich für ein paar Stunden bei ihnen gemütlich machen. "Wir finden es total spannend, wer hier heute alles in unsere WG kommt", sagt Anette. Vor der Tür stapeln sich bereits unzählige Schuhe auf einem verknäulten Haufen.

Auch im Flur und in der Küche hocken Menschen

Die WG-Mitglieder sind baff, dass so viele Leute den Weg in ihr Heim gefunden haben und auch der Autor ist von dem regen Durcheinander zu seinen Füßen überrascht. Er selbst durfte auf dem grünen Retro-Sessel Platz nehmen, rechts und links Bücherregale, in denen Titel wie "Die kleine Hexe" und "Im Namen der Rose" zu lesen sind.

Auf unzähligen Kissen sitzen Menschen in den Räumen, auch im Flur und in der Küche hocken und stehen sie. Die Lesung wird in allen Zimmern per Lautsprecher übertragen. Die Zwischenmiete ist wohl nicht nur bei vagabundierenden Studenten beliebt, sie funktioniert offenbar auch sehr gut als Konzept für eine Lesung auf Socken.

Keine Lesung, bei der es steif und still zugeht

Organisiert wird die Lesereihe von einem wechselnden Team aus Freiburger Studenten in Kooperation mit dem Literaturbüro und dem Studierendenwerk. Für die Germanistik-Studentinnen Iris, Sara, Lina, Katha und Janka ist es bereits die dritte Lesung, die sie gemeinsam geplant haben.

Die zwischen/miete ist alles andere als eine Lesung, bei der man steif und still auf Stühlen lauscht. "Die WG ist der Rahmen, die Atmosphäre ist locker und das Publikum jung", erklärt Katha. "Dabei setzt sich das Publikum je nach WG und Stadtteil aus ganz anderen Menschen zusammen, das ist total witzig zu beobachten", fügt Lina noch hinzu.

"Tierchen unlimited" von Tijan Sila

Ungezwungen und locker geht es auch an diesem Freitagabend zu, an dem der Autor Tijan Sila als lesender Gast in die Reischstraße kommt. "Tierchen unlimited" – so lautet der Titel seines ersten Romans, der im Februar dieses Jahres erschienen ist. 1981 in Sarajevo geboren, kam Tijan Sila 1994 mit seiner Familie nach Deutschland. In seinem Debütroman erzählt er von einem Jungen im bosnischen Bürgerkrieg, von kauzigen Freundschaften, jugendlichen Männlichkeitskämpfen, der Flucht nach Deutschland.

Protagonist und Autor teilen die wichtigsten Stationen ihres Lebens. So etwa die Flucht aus Sarajewo, die erst bäuchlings durch einen Tunnel und dann eng gedrängt in einem brütend heißen Bus durch Kroatien führt. Eine Biographie sei der Roman aber nicht, betont Tijan Sila, eher eine Anti-Biographie. Der Protagonist sei enthemmter als er, amoralischer, ein Schelm eben.

"Wir sind auf einer WG-Party in unserer eigenen WG, ohne dass wir sie organisiert haben."

"Ich bin eigentlich froh, nicht zu sein wie er", meint Tijan verschmitzt, "aber wer wäre nicht gern zu allem bereit." Im Grunde ist der Protagonist aber eine tragische Figur, denn "er bleibt als Flüchtling im Flüchtling-Sein stecken, er verharrt im Überleben". Wie ein Tierchen, das beständig auf die Befriedigung aktueller Bedürfnisse bedacht ist, überleben muss und sich hinter den größeren Tieren versteckt.

Bier und Brötchen in der WG-Küche

Im Gespräch mit den Organisatorinnen und dem Publikum offenbart sich Tijan Sila nicht nur als "äußerst aggressiver Vegetarier", sondern gesteht auch, dass der groteske Humor des Romans "harte Arbeit" gewesen sei, dass er Metaphern "verkitscht" finde und Sprache lieber als Skalpell verwende, das erbarmungslos die Schichten der fiktiven und realen Wirklichkeit seziere. Nach einer guten Stunde Lauschen, Lachen und Fragen werden schließlich die Beine gestreckt. Bei Bier und Brötchen kann man den Schriftsteller noch weiter mit Fragen löchern oder mit den Freunden über das eben Gehörte diskutieren.

Musik schallt aus den Lautsprechern, aus denen eben noch Tijan Silas Stimme in allen Zimmer zu hören war. WG-Bewohner Sebastian meint grinsend: "Wir sind auf einer WG-Party in unserer eigenen WG, ohne dass wir sie organisiert haben." Auch der Autor hatte seinen Spaß. "Das war mal etwas Anderes", sagt Tijan Sila nach der Lesung. "Intim" sei diese WG-Lesung für ihn gewesen. Intim war sie gewiss auch für das Publikum. Und wie das so ist bei einer Zwischenmiete, muss man irgendwann auch wieder ausziehen. Bis man bald wieder irgendwo anders Unterschlupf findet.
Die zwischen/miete findet drei Mal pro Semester statt. Die nächsten Termine sind der 30. Juni und 21. Juli. Für 5 Euro Eintritt bekommt man neben Prosa auf die Ohren auch Bier und Brötchen auf die Hand. Weitere Infos gibt es auf der Homepage des Literaturbüros oder auf der Facebook-Seite "zwischen/miete Lesung Freiburg".