Die Humorforscherin: Lachen, theoretisch

Stefan Lederer

Helga Kotthoff ist Professorin für Germanistische Sprachwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Und sie ist Humorforscherin. Im Gegensatz zu Amerika und England ist Humorforschung hierzulande ein Randthema. Ein Gespräch über Humor - ganz ohne Kalauer, Quatschcomedy und Ironiezwang.



Humor als Forschungsgebiet

Zunächst einmal, sagt Frau Kothoff, ist Humorforschung ein interdisziplinäres Feld mit vielen Facetten. Sie hat vor allem Tradition in der Literaturwissenschaft. Humor kann aber auch unter linguistischen, soziologischen, psychologischen und medizinischen Gesichtspunkten untersucht werden. Je nachdem, aus welcher Fachperspektive man an das Thema herangeht, ändert sich der Zugang.

Mediziner legen ihr Augenmerk auf die körperlichen Prozesse, die Hormonausschüttung beim Lachen und ähnliches. Psychologen untersuchen unter anderem, in wie weit Humor als Schutzmechanismus dient oder zum Verarbeiten psychischer Konflikte.

Professor Kotthoff, die sich 1988 in ihrem Buch „Gelächter der Geschlechter“ erstmalig mit diesem Thema beschäftigte, konzentriert sich als Sprachwissenschaftlerin auf die Gesprächsforschung. Sie untersucht etwa die Frage, nach welchen Mustern, in welchem Kontext und in welchen Konstellationen Humor in Gesprächen auftaucht und welche Funktionen er dabei hinsichtlich der Beziehungen zwischen den Gesprächspartnern erfüllen kann.



Das betrifft nicht nur Witze, sondern alles, was irgendwie humoristisch ist, von Frotzeleien bis hin zu ungewöhnlichen Formulierungen und Spielen mit der Sprache. Auch bloßes Lachen ist Gegenstand der Untersuchung. Man kann lachen, um im Gespräch Äußerungen als "witzig zu markieren", es kann Ausdruck von Freundlichkeit sein, aber auch im Zusammenhang mit Problemerzählungen auftauchen, wobei hier aber in der Regel kein Mitlachen erfolgt oder erwartet wird.



Humor und Geschlechterforschung

Humorforschung überschneidet sich auch mit dem Bereich der Gender Studies. So praktizieren eher Männer die besonders aggressiven Spielarten des Humors. Als subtilste Art der Aggression dient der Humor hier der Hierarchiebildung. In Dialogen werden Spitzen gesetzt, wer gut kontert, gilt etwas.

Bei Frauen ist das weniger zu beobachten. Die Gründe dafür sind komplex, einer ist sicher, dass bei ihnen die Hierarchiebildung versteckter abläuft. Frauen neigen in Gruppen allgemein eher dazu, selbstironisch zu sein - nicht nur in Form kurzer Bemerkungen, sondern auch in Form kleiner Geschichten.

Auch der Geschlechterrollenwandel wird in diesem Sektor sichtbar: Männer hatten in der Geschichte traditionell stärkere Freiräume in der Komik. Der Narr ist nicht von ungefähr im Ursprung eine männliche Figur. Weibliche Clowns sind ein relativ neues Phänomen. Dass sich diese Rollenmuster erst langsam auflösen, zeigt etwa die versuchte Ablöse von Harald Schmidt durch Anke Engelke, die weder vom Publikum noch vom Feuilleton akzeptiert wurde.



Der Stellenwert der Humorforschung

...ist hierzulande noch sehr gering. Bei der alle zwei Jahre stattfindenden internationalen Humortagung finden sich nur wenige deutsche Teilnehmer. Es gibt nicht viele deutsche Wissenschaftler mit diesem Schwerpunkt, weder in der Linguistik, noch in Soziologie und Psychologie, bedauert Kotthoff. Allgemein wird Humorforschung im angloamerikanischen Raum weitaus ernster genommen. Hier hat sie eine längere Tradition und ist auch disziplinär stärker eingebunden.

Kulturelle Besonderheiten

Grundsätzlich sind die kulturellen Gemeinsamkeiten beim Humor stärker ausgeprägt als die Unterschiede. Letztere sind schwer festzumachen, wenn auch manchmal spürbar und empirisch nachweisbar. So variiert etwa der Umgang mit Ironie, wenngleich es dieses Stilmittel in allen Kulturen gibt. Regionale Besonderheiten bestehen vor allem im Bezug auf bestimmte Genres. In Afrika und in der Türkei sind etwa schon seit langem verbale Duelle verbreitet, bei denen sich zwei Männer einen humorigen Schlagabtausch bieten, quasi der Vorläufer der Hip-Hop-Battle.



Je nach Region verlagern sich auch die Tabugrenzen. So arbeitet englischer Humor eher mit Ekel als der deutsche. Die Briten machen auch öfter den Tod zum witzigen Gegenstand als Deutsche.

Besonders gut sind solche Differenzen auch hinsichtlich der Beziehung von Humor und Religion erkennbar: In der christlichen und vor allem auch der jüdischen Kultur etwa haben Witze über Gott eine lange Tradition; in der muslimischen Kultur gibt es sie nicht, Witze über religiöse Inhalte und muslimische Geistliche dagegen schon.

Ausblick

Frau Kotthoff hält eine wachsende Bedeutung der Humorforschung in der Zukunft für denkbar: Je konfliktträchtiger gesellschaftliche Situationen werden, desto mehr wird auf Humor zurückgegriffen, wie man auch an der Comedywelle im Fernsehen in den letzten 20 Jahren erkennen kann. Unter anderem spielt hier ein zunehmendes Bedürfnis nach kurzfristiger Entspannung eine Rolle.