Die Hütte des Martin H.

Felix Lüttge

Wer als Zugereister nach Freiburg kommt und sich für Philosophie interessiert, begegnet auch Martin Heidegger. Von 1933 bis 1934 war er Rektor der Freiburger Uni, eine Zeit, die von einem zwiespältigen und ungeklärten Verhältnis zum Nationalsozialismus geprägt war. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg lebte Heidegger weiter in Freiburg und im Umland. Um seine Hütte in Todtnauberg führt ein Wanderweg.



Todtnauberg ist ein kleines Dorf zwischen Schauinsland und Todtnau. Es liegt über den Tannenwipfeln, die sich die Schwarzwaldhänge hochziehen. Auf einem Wanderparkplatz am Dorfende beginnt der Martin-Heidegger-Rundweg, ein Spaziergang durch den Schwarzwald von sechs Kilometern Länge, der an fünf mehr oder minder informativen Tafeln, die von Heidegger erzählen, und an Heideggers Hütte vorbeiführt.


Seine Hütte in Todtnauberg, in der ihn Menschen wie Hannah Arendt (die übrigens Studentin an der Freiburger Uni war) und Paul Celan besuchten, ist deutschlandweit bekannt und bietet sich als Ausflugsziel für Philosophieinteressiere an.

Die Todtnauberger sind mächtig Stolz auf ihren Dorfphilosophen. Als bescheidene, einfache Leute beschreiben sie die Informationstafeln, die von einer Todtnauer Tourismusinitiative beschriftet und aufgestellt wurden. Doch schreiben die Dorfbewohner sich selbst, oder besserer ihrem „einfachen Denken“, einen großen Einfluss auf das Werk Heideggers zu.



Der Rundweg legt sich durch die Schwarzwaldhügel und bietet die ganze Strecke über eine weite Aussicht auf die Landschaft und den Horizont, den die Berge bilden. Heidegger habe sich aus der Stadt in dieses Dörfchen zurückgezogen, um Ruhe fürs Schreiben zu finden, das auch durch die gute Landluft begünstigt worden sei, ist auf den Tafeln zu lesen. Sie beschreiben die Lebenssituation der Heideggers auf dem Land und zeigen Bilder der Familie Heidegger vor und in ihrer Hütte.

Der Heidegger, von dem man auf den Schildern liest, ist ein freundlicher Nachbar und Familienmensch. Zwar werden seine philosophischen Veröffentlichung chronologisch auf einer der Tafeln aufgelistet und hinter „Sein und Zeit“ steht in Klammern zu lesen „In Todtnauberg geschrieben“, doch erfährt man nichts über das Denken des so wichtigen Vertreters der Existentialphilosophie. Abgesehen davon, dass das Leben in Todtnauberg es sehr geprägt habe.

Doch findet sich auf der letzten Tafel eine Begründung für die fehlenden Informationen zu Heideggers Philosophie: „Natürlich interessierten sich die Todtnauberger auch für die Arbeit ihres berühmten Mitbewohners. Folglich gab Martin Heidegger einigen seiner Nachbarn jeweils ein Exemplar von ‚Sein und Zeit’ zum Lesen. Auf die Frage, was sie den davon halten, gab es die einheitliche Antwort: ‚Versucht zu lesen haben wir’s schon, aber das versteht man ja nicht’. Es war die Einfachheit und Ehrlichkeit der Menschen hier oben, die Martin Heidegger so schätzte und die sein Denken mit beeinflussten.“



Die Hütte selbst ist nicht zu besichtigen, sie befindet sich noch heute in Besitz der Familie Heidegger. Ein Zaun und ein Schild  "Privatgelände" gebieten dem Philosophietouristen Einhalt. Wer sich trotzdem auf das Grundstück begibt –nachdem er sich versichert hat, dass Heideggers nicht da sind – findet den Brunnen vor, aus dem die Hüttenbewohner ihr Trinkwasser bekommen, das an heißen Julitagen auch den Eindringling erfrischt. Die Hütte schmiegt sich in den mit hohem Gras bewachsenen Hang und mutet von außen recht spartanisch an.
Auf einer der Tafeln kann man lesen, dass man vom äußeren Anblick auf das Innere der Hütte schließen kann. Man muss sich mit den Tafelbeschreibungen zufrieden geben, denn hölzerne Fensterläden versperren den Blick ins Innere der Hütte. Neben der Eingangstür, die grün ist wie die Fensterläden, zeigen Ritzgraffiti, dass auch schon andere sich über Zaun und Verbotsschild hinweggesetzt haben, „Weiter denken“ hat einer geschrieben. Manche Sprüche haben mehr mit der Philosophie Heideggers zu tun als die Informationstafeln. Es bleibt einem nach dreimaligem Umschreiten der Hütte nur die Fortsetzung seines Spazierganges auf dem Martin-Heidegger-Rundweg.

Bevor die Wegweiser einen in den Dorfteil Rütte führen, passiert man den so genannten „Landsitz Alpenblick“. Drei vogelhausähnliche Gebilde hängen dort an einem Stahlseil und ein Schild lädt den Spaziergänger dazu ein, in einem der Vogelhäuser Platz zu nehmen. Man soll den Panoramablick über den Todtnauberg bis hin zu den Alpen und die Pflanzenvielfalt auf dem Waldboden (sic!) beachten. Man kann die Sitze nämlich nach Belieben drehen und verschieden ausrichten.



Auf dem Rückweg vom Wanderparkplatz lädt nach einigen hundert Metern der Gasthof Bergblick zu einem Bier ein. Die Todtnauberger im Bergblick sind sehr offen, man kommt schnell mit ihnen ins Gespräch. Wer allerdings eine gewisse Scheu vor Plastiksesseln und lila Tischdecken sowie einem eigenwilligen Humor von Einheimischen hat, die in alle Himmelsrichtungen etwas weiter wachsen als andere Bewohner im Schwarzwaldgebiet, sollte diesen Gasthof meiden und vielleicht lieber eine der Freiburger Theken aufsuchen.

Wer etwas lernen will über Martin Heidegger, ist gut beraten, sich ein Buch über ihn zu kaufen oder zumindest bei Wikipedia einmal nachzulesen. Der Martin-Heidegger-Rundweg bietet sich eher an, um sich die Beine zu vertreten und einmal frische Schwarzwaldluft zu schnuppern.

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