Die große Nono-Nacht im SWR

David Weigend

Sonntagfrüh, kurz nach Mitternacht, findet im SWR ein Nachtkonzert statt mit Werken des Komponisten Luigi Nono. Kritiker finden, Nonos Werke, besonders die aus seiner Freiburger Schaffensphase, bewegen sich am Rande des Hörbaren. Wir haben mit Detlef Heusinger, dem künstlerischen Leiter des Experimentalstudios, über Nono gesprochen.



Herr Heusinger, läuft man als Nicht-Nono-Kenner Gefahr, einzuschlafen, wenn man am Wochenende das Konzert besucht?

Ich bin ganz guter Hoffnung, dass dies nicht passieren wird. Nono spricht ja eine breite Hörerschaft an. Er hat immer versucht, auch von seiner politischen Entwicklung her, nicht innerhalb des Konzertbetriebs tätig zu sein. Nono war ja mit Che Guevara befreundet und wurde auch von den Tupamaro in Südamerika gespielt. Er hat im Trio mit seinen Freunden Claudio Abbado und Maurizio Pollini Werke geschrieben, die anstatt im Konzertsaal in einer Fabrik aufgeführt wurden. Die Arbeiter sollten direkt vor Ort angesprochen werden. Das hat auch funktioniert. Nono war KP-Vertreter in führender Position, ein politisch agierender Komponist in der Kommunistischen Partei Italiens.

Die Frage zielte auch darauf ab, dass in der zweieinhalbstündigen Konzertnacht auch „Fragemente-Stille, An Diotima“ gespielt wird, ein extrem leises Stück.

Ja, das ist Nonos erstes Stück der so genannten Innerlichkeit, Hölderlin als Sinngeber. In den 1980er Jahren hat sich Nono mehr und mehr von der politischen Welt, vom Agitprop, abgewendet. In Freiburg hat er eine Form der Einkehr gefunden. Hier im Experimentalstudio war er zehn Jahre lang tätig. Gerade diese Musik hat in meinen Augen großes Potenzial, auch jüngere Leute anzusprechen. Weil wir die live spielenden Musiker mit Elektronik-Elementen verbinden. Damit kann man sich schon lustvoll auseinandersetzen.



Nono, in Deutschland für lange Zeit hoch umstritten, ist 1990 gestorben. Haben Sie ihn zuvor während seiner Arbeit in Freiburg kennengelernt?

Ja. Ich war als Komponist in den 1980er Jahren im Experimentalstudio tätig und habe damals auch Seminare von Nono besucht. Die darf man sich nicht vorstellen als normales Kompositionsseminar. Das war eher so, dass Nono als Generalist gesprochen hat. Das ging von Heisenbergscher Unschärferelation über Giordano Bruno bis hin zur Leibnitzschen Blattmetapher.



Was ist das?

Vereinfacht gesagt: ein Blatt, von der Ferne gesehen, ist nicht unterscheidbar von anderen Blättern; aber wenn man nah rangeht, dann sieht man innerhalb dieses Blattes die Strukturen. In jedem Blatt ist eine Individualität vorhanden. Das sagt Nono über die Musik auch: Ein Ton ist nicht gleich ein Ton. C ist nicht gleich C. Weil man im Obertonspektrum eines Tones so viel Schwingung und Bewegung hört, kann er der nucleus einer ganzen Beethovensymphonie sein. Das wird gut hörbar, wenn man den Ton einer Flöte elektronisch klangerweitert. Das ist übrigens auch der Grund, warum Nono viele seiner Stücke so reduziert hat.



Was ist die Schwierigkeit bei der Aufführung von Nonos Kompositionen?

Vieles, was in seinen Partituren steht, ist heute mehrfach interpretierbar. Es ist nicht so festgelegt, das man genau weiß, was zu tun ist. Es bedarf der oralen Tradition. In dieser Hinsicht haben wir einen Vorteil, zum Beispiel bei Risonanze erranti, einem Stück für Alt, Flöte, Tuba, sechs Schlagzeuger und elektronischer Klangumformung. Die Altistin ist Susanne Otto, sie hat dieses Werk zusammen mit Nono erarbeitet. Auch der Flötist Roberto Fabbriciani hat die Hälfte seines Lebens mit Nono zusammengearbeitet und mit ihm im Studio viele Klangexperimente gemacht.

(SW-Fotos aus dem Archiv des SWR)



Mehr dazu:

Was: Nacht-Konzert im Funk, die lange Nono-Nacht
Wann: Samstag, 29. November, 23 Uhr (Einlass); Sonntag, 30. November, 0.05 Uhr (Beginn); das Konzert dauert etwa bis 2.40 Uhr; das Konzert wird im Anschluss in SWR2 übertragen
Wo: Schlossbergsaal im Südwestrundfunk, Kartäuserstr. 45
Eintritt: 11 Euro