Clubsterben

Die Geschichte vor der Kündigung: Wieso das White Rabbit bald Geschichte sein könnte

Daniel Laufer & Anika Maldacker

White Rabbit und El Haso droht das Ende. Beide Lokale sind schon auf Immobilienseiten inseriert. Die Mieter weigern sich auszuziehen. Am Freitag geht die Sache vor Gericht. Es geht um nicht gezahlte Mieten, leere Versprechungen und viel Frust.

Update: Das vegane Restaurant El Haso am Siegesdenkmal in der Freiburger Innenstadt schließt zum 31. März 2019. Der Beklagte, El-Haso-Betreiber Hansi Breier, und die Klägerin, die Objektgesellschaft Alpha, einigten sich am Freitag vor dem Landgericht überraschend schnell.

Als sich White-Rabbit-Betreiber Hansi Breier am 4. Oktober 2016 mit seinem damaligen Vermieter trifft, ahnt er nicht, dass dieses Treffen zwei Jahre später mit der Auslöser dafür sein würde, dass sein Kellerclub White Rabbit am Leopoldring 1 bald schließen müssen könnte. Denn als sich Breier, der neben dem alternativen Innenstadt-Club White Rabbit noch das vegane Restaurant El Haso betreibt, an besagtem Oktobertag in einem Konferenzraum im ersten Stock des Leopoldrings 1 mit seinem Vermieter trifft, ist er sauer.

Sauer über den schlechten Zustand der unterirdischen Räumlichkeiten im Leopoldring 1. Sauer über eine vorangegangene Kündigung des Mietverhältnisses. Er droht damit, an die Öffentlichkeit zu gehen. Doch man einigt sich. Hans-Peter Männer, der damals die Eigentümergesellschaft vertritt, und Hansi Breier vereinbaren schriftlich unter anderem, dass die Toiletten des White Rabbit erneuert werden sollen – "im Rahmen der nach dem Auszug der Mieter des Erdgeschosses stattfindenden Umbauarbeiten". So steht es in dem Dokument, das fudder und der Badischen Zeitung vorliegt.

Toiletten im White Rabbit wurden bis heute nicht saniert

Diese Umbauarbeiten finden im Frühjahr 2018 statt. Ein neuer Mieter, eine Bäckerei, ist im Erdgeschoss des Leopoldring 1 eingezogen. Die Toiletten im White Rabbit sind bis heute nicht saniert worden. Dessen Begründung: Das Haus habe den Eigentümer gewechselt. Die Betreiber des Clubs haben inzwischen selbst Hand angelegt, etwa notdürftig das Urinal erneuert. "Dass auf die Vereinbarung keine Taten folgten, war einer der Gründe für uns, im Sommer 2018 die Miete für White Rabbit und El Haso nicht mehr zu bezahlen", sagt Breier. Eine Minderung der Miete – das eigentlich übliche Vorgehen in derartigen Fällen – zog Breier offenkundig nicht in Betracht. Zweieinhalb Monate überweisen sie gar nichts mehr, wohl auch, weil das Geschäft im Sommer schlecht lief.

Der Vermieter reagiert darauf prompt. Im Juli schickt er beiden Lokalitäten die Kündigung. Die lehnt Breier per anwaltlichem Schreiben ab. Danach geht die Räumungsklage ein. Am Freitag findet der erste Termin vor Gericht statt, zunächst geht es nur um die Räume des El Haso.

Vor zwei Jahren weiß Hansi Breier noch, wem das ehemalige, sogenannte Schunck-Haus am Leopoldring gehört. Das kann er heute nicht mehr behaupten. Für die Betreiber von White Rabbit und El Haso ist es nahezu unmöglich geworden, direkt mit dem Eigentümer in Kontakt zu treten. In den vergangenen Jahren hat dieser mehrfach gewechselt. Alles läuft über den Vermieter.

Als das White Rabbit 2007 einzieht, gehört das Gebäude noch der Immobiliengesellschaft Gutmann, Oppeker & Partner (GOP) aus Wien. Sie bot die Immobilie schon 2009 für knapp 3,6 Millionen Euro zum Verkauf an. Im Januar 2014 bietet jemand genügend Geld: die Objektgesellschaft Alpha mbh & Co. KG. Seither steht die Firma beim Leopoldring 1 im Grundbuch.

Alpha ist wohl nur dafür gegründet worden, Gebäude am Siegesdenkmal zu verwalten. Die Objektgesellschaft besteht seit 2014 aus der Proventus-Verwaltungs-GmbH, die die Geschäftsführung übernimmt, und der HMC AG, dem tatsächlichen Eigentümer von Alpha. Beide Unternehmen gehören zu diesem Zeitpunkt noch zur Männer-Group, einem Formenhersteller aus Bahlingen am Kaiserstuhl. Erst kurz vor dem Immobilienkauf 2014 am Freiburger Siegesdenkmal ist die Männer-Group für rund 281 Millionen Euro von dem amerikanischen Großkonzern Barnes übernommen worden. Anfang 2015 tritt eine neue Firma auf die Bildfläche: die HPM Invest GmbH übernimmt die Anteile von Alpha, die zuvor noch der HMC AG gehörten. Geschäftsführer der neugegründeten Firma ist Hans-Peter Männer, der bis zu deren Verkauf die Männer-Group geführt hat. Er ist zugleich Geschäftsführer von Proventus. Die Alpha-Eigentümer Proventus und HPM Invest gründen im selben Jahr noch zwei weitere Objektgesellschaften, mit ähnlicher Namensgebung: Beta und Gamma.

2017 wechselt der Alpha-Geschäftsführer

Im Mai 2017 werden die drei Objektgesellschaften und wohl auch ihre Immobilien verkauft. Männer steigt aus Proventus aus, Geschäftsführer ist jetzt Dominik-Andreas Zimmermann. Im August 2017 wird wieder eine neue Firma gegründet: die Delta Real Estate LLC. Sie hat ihren Sitz nicht in Freiburg, sondern in Delaware, rund 6500 Kilometer entfernt. Der Bundesstaat an der Ostküste der USA gilt als Steueroase. Über eine Million Unternehmen sind in dem rund 950.000-Einwohner-Staat gemeldet. In vielen Fällen handelt es sich um Briefkastenfirmen.

"Delta Real Estate ist eine Art Immobilienfonds aus den USA." Zimmermann

Wem diese Firma gehört, ist unklar. Im Unternehmensregister des Bundesstaats wird dazu nur die Corporation Service Company gelistet – ein Dienstleister, der solche Eintragungen vornimmt und dafür seine eigene Anschrift zur Verfügung stellt. Das ermöglicht es dem tatsächlichen Eigentümer, anonym zu bleiben. "Delta Real Estate ist eine Art Immobilienfonds aus den USA", sagt Zimmermann. Mehrere Investoren seien daran beteiligt. Gegenüber fudder und der BZ behauptet Zimmermann, er wisse selbst nicht so genau, wer – er kenne die Investoren ja auch nicht. Aber weder der Barnes-Konzern noch jemand aus dem Umfeld der Männer-Group sei involviert, sagt Zimmermann.

Ein Teil der Gebäude am Siegesdenkmal gehört amerikanischen Firmen

Zum 23. Oktober 2017 kauft Delta Real Estate die Anteile von HPM Invest an den Objektgesellschaften Alpha, Beta und Gamma. Auch die Verwaltungsfirma Proventus gehöre zur Delta Real Estate, sagt Zimmermann. Am Freiburger Siegesdenkmal sind die Amerikaner nun Eigentümer einer Reihe von Immobilien: Ihnen gehören das Eckhaus am Leopoldring 1 mit der Habsburgerstraße 133 und 135, ein Teil des Leopoldrings 3 mit dem Leopoldring 3a und der Habsburgerstraße 133a im Hof und der gesamte Leopoldring 5, ein Gebäude, dessen Vorbesitzer die jährlichen Mieteinnahmen auf 180.000 Euro schätzte.

"Das ist ein freier Markt. Wenn überhaupt, bräuchte es da ein Bundesgesetz." Edith Lamersdorf

Dass Anleger aus der Ferne in Immobilien investieren, ist auch in Freiburg keine Seltenheit. Gebäude im Wert von insgesamt 971 Millionen Euro haben hier alleine im vergangenen Jahr den Besitzer gewechselt, heißt es im Bericht des Gutachterausschusses vom vergangenen Jahr.

Die Stadt weiß nicht, wie viele der Käufer aus dem Ausland kommen. Wie hoch der Anteil sein könnte, lässt aber ein Bericht des Beratungsunternehmens Ernst & Young erahnen: 47 Prozent der Investoren auf dem deutschen Markt für Gewerbeimmobilien, die den größten Anteil des Transaktionsvolumens ausmachen, kamen 2017 aus dem Ausland. "Die Kommune hat keine Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen", sagt Rathaussprecherin Edith Lamersdorf. "Das ist ein freier Markt. Wenn überhaupt, bräuchte es da ein Bundesgesetz."

Die Räume der beiden Lokalitäten sind zur Vermietung ausgeschrieben

Mittlerweile stehen die Räume von White Rabbit und El Haso auf einer Immobilienseite zur Vermietung. Überschrift: "Exponierte Lage von Freiburg: Vermietung eines Restaurants mit Club". Der Mietpreis ähnelt dem, den Hansi Breier derzeit für die Räume bezahlt. Renovierungsarbeiten seien nach Absprache mit dem Vermieter möglich, wird im Inserat behauptet. Laut Dominik-Andreas Zimmermann gibt es schon mindestens fünf Interessenten. "Uns geht es vor allem darum, einen liquiden Mieter zu finden", sagt er.

"Dass wir die Terrasse nicht mehr nutzen konnten, haben wir in den vergangenen zwei Sommern immer deutlicher gespürt." Hansi Breier
In der Anzeige wird auch die Terrasse im Innenhof zu beiden Räumen mit angeboten. Die hatte Hansi Breier von 2012 an bewirtschaftet, als er das El Haso übernommen hatte – bis 2016. Denn Mitte 2016 kündigt Alpha dem El Haso. Nach der Kündigung stellen die Restaurant-Betreiber sofort ihre Mietzahlung ein, monatelang ist unklar, wie es weitergeht. Bis zu dem Krisentreffen im Oktober 2016. Dann bietet der Vermieter einen Deal an: Er nimmt die Kündigung zurück und erlässt dem El Haso einen Teil des Mietrückstands, dafür muss es seine Terrasse abgeben. Breier, der sein Restaurant nicht verlieren will, lässt sich darauf ein. "Dass wir die Terrasse nicht mehr nutzen konnten, haben wir in den vergangenen zwei Sommern immer deutlicher gespürt", sagt er.

So deutlich, dass im Sommer 2018 die Einnahmen knapp werden – auch wegen der Hitze. Dazu kam der Frust - und Hansi Breier entschied sich im Mai 2018, zwei Monate in Folge die Miete für beide Räume nicht zu zahlen. Zwei nicht gezahlte Monatsmieten reichen bei gewerblich genutzten Flächen, für eine fristlose Kündigung. Zimmermann deutet aber auch andere Punkte an, weswegen die Eigentümerseite die Geduld mit den Clubbetreibern verloren habe: Beschwerden von Nachbarn, Lärmstörungen.

Sogar der Kulturbürgermeister versucht, die Parteien an einen Tisch zu bringen

Nach dem Eingang der Kündigung im Juli 2018 wendet sich das White Rabbit an die Stadtverwaltung, Ulrich von Kirchbach schaltet sich ein. "Der Wegfall dieses Clubs wäre ein herber Verlust", sagt der Kulturbürgermeister. Er habe versucht, die Parteien an einen Tisch zu bringen. Daran hatte Delta Real Estate offenbar kein Interesse. Denn aus dem Rathaus heißt es, Zimmermann soll immerhin versprochen haben, sich beim Eigentümer für die Rücknahme der Kündigung einzusetzen – unter der Bedingung, dass das White Rabbit den Mietrückstand begleicht. Das haben die Betreiber getan. Gebracht hat das offenbar nichts. Gegenüber fudder und der Badischen Zeitung spielt Zimmermann seine Rolle herunter: "Wir verwalten das Objekt, gemeinsam mit der Hausverwaltung, und schicken einmal im Jahr eine Abrechnung an Delta Real Estate. Alle Entscheidungen über Mietverträge oder Kündigungen werden uns vorgegeben."

Eine Kündigung, die rechtens erscheint, aber den erneuten Verlust eines etablierten Freiburger Nachtclubs bedeuten würde. Die Kulturszene Freiburgs ist mobilisiert. An diesem Mittwoch hat die IG Subkultur eine Demonstration in der Freiburger Innenstadt angekündigt. Am Freitag geht die Räumungsklage zum El Haso vor Gericht. Der Termin für das White Rabbit steht noch nicht fest.

White Rabbit: Website & Facebook



Mehr zum Thema: